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Juni 2017 vor dem Instanbuler Gericht, wo der Prozess gegen Ahmet Altan und seine Kollegen begann.

Journalisten in der Türkei

"Gefängnis bedeutet mundtot machen"

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Fischer-Programmleiter Hans Jürgen Balmes über den soeben zu lebenslanger Haft verurteilten Schriftsteller und Journalisten Ahmet Altan, seine Literatur und das Vorgehen der türkischen Justiz.

Herr Balmes, Ihr Autor Ahmet Altan ist wegen seiner publizistischen Arbeit in der Türkei zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Wie geht Ihr Verlag damit um? 
Das war für uns ein großer Schock. Erst kam die Nachricht, dass Deniz (Yücel, Red.) frei ist. Dann kam sofort dieser Schlag hinterher. Man hat deutlich gemerkt, wie willkürlich dieses Regime ist. Das eine war nur ein Deckblatt für das andere. Gefängnis bedeutet immer: mundtot machen. Wir haben uns jetzt entschlossen, dass wir seinen einzigen auf Deutsch übersetzten Roman „Der Duft des Paradieses“ wieder auflegen. Wir hoffen, das gelingt uns noch bis zur Leipziger Buchmesse, Mitte März. 

Hatten Sie erwartet, dass es ein solches Urteil geben würde?
Das Schlimme an einer solchen Situation ist die absolute Willkür. Ich hätte nicht erwartet, dass es jetzt ein Urteil gibt. Ich hätte gedacht, dass sich das über Jahre hinwegzieht und es irgendwann aufhört und er wieder frei kommt. 

Er hat Texte im Gefängnis geschrieben, zum Teil über seine Situation in der Gefangenschaft. Was für einen Eindruck macht er auf Sie?
In den Texten wirkte er sehr kämpferisch. Ich habe das sehr bewundert. Wenn ich es richtig sehe, lebt er im Gefängnis isoliert. Es ist eine Situation, die einen zu Depressionen verleiten könnte. Aber er hat einen unheimlichen Lebenswillen, und das merkt man in diesen Texten. Er sagt: Mich kann man nicht einsperren, mein Geist ist frei, und: „In meiner Gefängniszelle bereise ich die ganze Welt.“ Das sind Sätze, die nur ein Schriftsteller in einer solchen Situation sagen kann, der seine ganze Imagination unter diesem gewaltigen Druck noch zusammenhalten kann. Damals hatte er allerdings noch gedacht: Jeden Tag kann es vorbei sein und er kann in die Freiheit kommen. Ich frage mich, wie es jetzt, nach diesem Urteil, für ihn ist. Das verschärft die Bedingungen seiner Haft noch einmal um ein Entsetzliches.

Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?
Das war 2002, als wir dieses Buch gemacht haben. Das ist lange her. Sein Bild steht mir aber noch sehr lebendig vor Augen. 

Was für ein Autor ist er aus Ihrer Sicht? 
Er ist ein türkischer Autor. Was für ihn bedeutet, dass die Literatur auch ein Medium ist, um bestimmte Einsichten darzustellen, die er gerne weitergeben will, und zwar in einer Form, die nicht abstrakt oder philosophisch ist. „Der Duft des Paradieses“ ist eigentlich eine Studie über die letzten Tage des Osmanischen Reiches, über den Zerfall dieses Reiches. Der Roman ist sehr sinnlich, sehr unterhaltsam. Ihm geht es darum, die Dinge, die er sagen will, auf eine zugängliche Art zu sagen, die jeder Mensch verstehen kann. Als Journalist hat er sich solche Freiheiten des Imaginären nicht genommen. Für ihn sind journalistisches Schreiben und das Schreiben als Schriftsteller zwei verschiedene Äußerungsmöglichkeiten. 

In dem Roman wird eine Herrscherschicht geschildert, die den Kontakt zur Lebensrealität verloren hat und sich nur noch von Zuträgern umgibt, die Gerüchte verbreiten. Wie viel von der heutigen Türkei sehen Sie in dem historischen Roman?
Es ist seltsam, denn 2002 konnte man nicht voraussehen, wie sich das Land entwickeln würde. Das Land stand damals fast auf der Schwelle zur Europäischen Gemeinschaft. Wenn man das von heute aus betrachtet, hat sich die Situation enorm verschlechtert. Trotzdem fasziniert es, dieses osmanische Herrschaftsmodell als Modell zu sehen, wie heute Herrschaft wieder inszeniert und ausgeübt wird. Wenn man hört, mit welcher Wut auf vermeintliche Putschisten losgegangen worden ist nach diesem vermeintlichen Putsch, dass man die Menschen am helllichten Tag auf der Bosporusbrücke totgeschlagen hat, dann kann man sich nur fragen: Was ist da losgetreten worden von den jetzigen Machthabern? 

Welche Rolle spielt Ahmet Altans Familie – sein Vater Cetin, der als Erzähler hervortrat und für die türkische Arbeiterpartei ins Parlament einzog, oder Ahmets Bruder Mehmet, Wirtschaftsprofessor und Kolumnist?
Ich glaube, für die beiden Brüder, Ahmet und Mehmet, ist der Vater ein unheimlicher Ansporn. Er war ein sozialistischer Abgeordneter. Es ist ein bisschen wie bei dem großen türkischen Schriftsteller Nazim Hikmet, der Kommunist war, lange in Moskau lebte und zurückkam. Wenn man mit Lesern in Deutschland spricht, ist er eine Größe, aber ich kann mir nur schwer vorstellen, dass er in den letzten zehn, 15 Jahren in der Türkei präsent war – weil seine politische Ausrichtung ja vollkommen verfemt wurde. 

Ging es bei dem Urteil über die Altan-Brüder quasi darum, ein Urteil über die ganze Familie zu fällen?
Das ist Spekulation. Aber in der Tat glaube ich, dass es darum ging, die Familie zu treffen. 

Sie betreuen Schriftsteller in der ganzen Welt. Haben Sie das in irgendeinem Land schon erlebt, dass einer Ihrer Autoren wegen seiner Arbeit ins Gefängnis musste? 
Wir haben viele Autoren, die schon im Gefängnis waren, Wole Soyinka zum Beispiel. Ich habe es zum Glück noch nicht aktuell erleben müssen, dass einer unserer Autoren aus politischen Gründen ins Gefängnis musste, obwohl viele bedroht sind. Der einzige Autor, der lange inhaftiert war und weiter unter Hausarrest steht, ist der Kubaner Ángel Santiesteban, der keine Möglichkeit hat, in Kuba zu veröffentlichen. Seine erste Buchpublikation (den Erzählungsband „Wölfe in der Nacht“, d. Red.) haben wir vor kurzem vorgelegt. 

Wie lässt sich Solidarität zeigen?
Bei Ahmet Altan hatten wir eine große internationale Solidarität, John Maxwell Coetzee war dabei, Arundhati Roy, John Berger, innerhalb von drei Stunden standen 300, 400 Namen unter dem Aufruf. Das hat uns erleichtert, wie schnell und problemlos wir das zustande gebracht haben. Wir haben Briefe geschrieben, wir haben Rechtsanwälte unterstützt, wir haben Petitionen verfasst. Es erinnert mich daran, was meine Kollegen erzählen, die 15 Jahre älter sind als ich. Die haben erlebt, wenn man jemandem in der DDR Päckchen zukommen ließ, die Biermann-Ausreisegeschichten, Vaclav Havel und dergleichen. Ich dachte eigentlich, dass das mit dem Kalten Krieg in Europa vorbei wäre. Wenn das so weitergeht wie in Polen oder in Ungarn, ist davon auszugehen, dass sich solche Fälle wiederholen. 

Haben Sie jemals eine Reaktion auf die Solidaritäts-Adressen wahrgenommen?
Wir haben leider keine Reaktion von der türkischen Seite erhalten. Es sind Zeichen, die man den Inhaftierten sendet. Es sind auch Zeichen an unsere Politiker, dass es viele Leute gibt, die nicht einverstanden sind. 

Interview: Pitt von Bebenburg 

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