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Gedichtes des Syrers Sam Zamrik: „Ich bin nicht“ – Zersplitterte Herzen

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Von: Björn Hayer

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Während der Suche nach Opfern nach einem Bombeneinschlag in Duma, östlich von Damaskus.
Während der Suche nach Opfern nach einem Bombeneinschlag in Duma, östlich von Damaskus. © afp

Deutsche Bürokratie und poetische Freiheit: Gedichte des jungen Syrers Sam Zamrik.

Am Anfang war der Hunger, die Nacht ohne Strom, der Schimmel in den Wänden und vor allem: die Angst, vor Krieg und Gewalt. Denn „es gibt kein Leben / in Damaskus, / nur lebendige Tode“, wird der 1996 in Syrien geborene Sam Zamrik schreiben, nachdem ihm die Flucht in die Bundesrepublik gelungen ist. Erschienen sind diese und andere so markerschütternde wie erfahrungssatte Verse nun in seinem ersten zweisprachigen (deutsch-englischen) Gedichtband, „Ich bin nicht“. Was der junge Migrant in Deutschland findet, ist zunächst, wie er auch in seinem Vorwort verdeutlicht, eine physische Rettung. Und wie steht es mit Glück und Frieden?

„... ob Sie bleiben können“

Er macht in seinen Gedichten keinen Hehl daraus, im Westen auch auf reichlich groteske Situationen gestoßen zu sein. Mal nimmt er in der Miniatur „Bürokratie“ das typisch deutsche Ordnungswesen aufs Korn, dessen innere Struktur sich in labyrinthischen Sätzen manifestiert: „... Sie müssen denen sagen, / sie sollen den anderen sagen, / dass die ihren Leuten sagen, sie sollen es unseren sagen, / damit die mir sagen, ich kann Ihnen sagen, / ob Sie bleiben können“. Mal arbeitet er sich an dem Insistieren Außenstehender ab, sich kulturell verorten zu müssen. Seine Replik darauf: „Mich gibt es mehrfach –“. Und „wenn ich bei mir bin“, heißt es in dem Poem „Ohne Mitte“, „verschwinde ich spurlos“.

Wer derartige Entwurzelungen wie Zamrik hinter sich hat, für den kann Identität eben keine statische Konstruktion sein. Ganz im Sinne der zeitgenössischen, postnationalen Lyrik versteht der Autor das Ich daher als eine dynamische Größe. Wohl auch deswegen sind zahlreiche seiner Gedichte in einem typografischen Zickzack-Muster gehalten. Sie schlängeln sich vertikal über die Seite wie ein kurvenreicher Weg der Suche. Er ermöglicht Wandel und Verwandlung gleichermaßen.

Das Buch

Sam Zamrik: Ich bin nicht. Gedichte (dt./engl.). A. d. Engl. v. Bernd Kuhligk u. a.. Hanser, München 2022. 136 S., 22 Euro.

Gegen feste Kategorien setzt der Poet daher das Prinzip des individuellen Selbstentwurfs: „Auf einer Bühne / verweiblicht meine / Zunge das Maskulinum, / und neutert es.“ Gerade solche Wortneuschöpfungen dokumentieren, dass es dem Schriftsteller bei aller mithin melancholischen, manchmal tristen Reflexion über die eigene Heimatlosigkeit immer um die Entdeckung des Neuen geht. Doch um dahin zu kommen, scheint die Konfrontation mit Mangel und Zerstörung unvermeidlich.

In seiner (insbesondere für einen Nicht-Muttersprachler ziemlich mutigen) Hölderlin-Überschreibung „An die Dichtung“ sind es ferner vor allem die „gebrochenen, zerbrochenen, zersplitterten Herzen (…) die so viele Künste beflügeln!“ Zamrik trägt nach den Versehrungen durch Flucht und Furcht mehrere davon in sich. Sie alle schlagen noch, jedes übrigens mit einem anderen Puls, der sich in unterschiedlichen Stilen im kleinen Debütband spiegelt, den Björn Kuhligk, Sylvia Geist, Heike Geißler, Monika Rinck und Ulf Stolterfoht übersetzten.

Es zeigt sich reduzierte Lakonie genauso wie generöse Bildlichkeit. Einer Strömung lässt sich diese erfrischende Stimme nicht zuordnen. Warum auch? Sie entspringt der Fremde, die sich juvenil und selbstbewusst nirgendwo anschmiegt. Die poetische Formgebung, sie bietet uns der Dichter nur als produktiven Widerspruch an, nämlich als grenzenlose Freiheit!

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