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„Verwunschenheitszustand“

Im Flusensieb des Erinnerns

  • vonEberhard Geisler
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Weltempfänger im Miniformat: Michael Speiers bestechender Gedichtband „Verwunschenheitszustand“.

Michael Speier, Jahrgang 1950, ist eine feste Größe innerhalb des deutschen Literaturbetriebs, der für Lyrik lange Zeit nicht besonders aufmerksam war. Seit 1976 führt er in großer Beharrlichkeit die Zeitschrift „Park“, in der sowohl deutschsprachige Dichter und Dichterinnen wie Christoph Meckel, Uwe Kolbe, Kerstin Preiwuß und Monika Rinck als auch internationale Lyriker wie Jacques Dupin und Octavio Paz Aufnahme fanden. Er ist außerdem Literaturwissenschaftler, gibt seit 1897 ein Paul-Celan-Jahrbuch heraus und hat an verschiedenen Universitäten der USA deutsche Literatur gelehrt.

S peier ist mit Arbeits- und Aufenthaltsstipendien geehrt worden, hat selbst vieles übersetzt, und seine eigene Lyrik ist in Auswahl ins Italienische, Serbische und Französische übersetzt worden. Elf Gedichtbände liegen von ihm vor.

N un ist eine Sammlung neuer Gedichte erschienen, zu der Michael Braun eine erhellende Einleitung geschrieben hat. Speier wird sichtbar als Autor, der viel unterwegs gewesen und dabei stets, ob in Mexiko oder New York, für vielfältige Erfahrungen offen gewesen ist. In diesem Sinn kann er seine Verse „Weltempfänger im Miniformat“ nennen. In Tucson in Arizona, wo er Studierende im Lesen unterrichtet hat, nimmt er Gravitationswellen wahr, die ihn unversehens – wohl in einem Seminarraum – in „die zeit des minnesangs“ hineinführen, oder ihn selbst über Versen von Rimbaud und anderen geistigen „exzessen der einzigkeit“ brüten lassen.

E r macht herrliche Beobachtungen auf Reisen, etwa wenn er im ICE von Budapest nach Belgrad unterwegs ist und später notiert: „auf dem bahnsteig die liebenden / wie sie umarmt davonstieben / hängenbleiben im flusensieb des erinnerns“.

Das Buch

Michael Speier: Verwunschenheitszustand. Gedichte. Aphaia Verlag, Berlin 2020. 174 Seiten, 17 Euro.

Gruß nach Treuenbrietzen

D er Stadt Berlin, in der er aufgewachsen ist und heute noch lebt, hat er nicht nur Anthologien mit Texten anderer Dichter gewidmet, die Momentaufnahmen aus der wechselhaften Geschichte der Hauptstadt festgehalten haben – „Berlin mit deinen frechen Feuern“ (1998) und „Berlin, du bist die Stadt“ (2011) –, sondern hier auch eigene Gedichte zugedacht. Er kennt sie sowohl vor dem Fall der Mauer als auch hinterher, als er wieder ungehindert umherschweifen und zum Beispiel die „schönen aus prenzlau und treuenbrietzen“ grüßen konnte.

D iese Gedichte wären nicht so bestechend, wenn Speier nicht gleichzeitig philosophisch und poetisch überaus beschlagen wäre: „weil so wittgenstein / wir uns keinen gegenstand außerhalb der möglichkeit / seiner verbindung mit anderen denken können.“

Aus dieser Weite heraus verortet er sich in dem Gedicht „non sequitur“ schließlich selbst als Schreibenden, der sich der jüdischen Kultur verpflichtet weiß, des Holocausts eingedenk bleibt und alle, die ähnlich leise arbeiten wie er, an die Tugend der Geduld erinnern und ihnen Zuversicht zusprechen möchte: „hineingeboren in jene alte sekte / ausgerotteter antlitze / halten wir garantiert durch ... / wie langbeinige fliegen / aus gold“.

I n diesem Gedicht gelingt ihm übrigens auch ein kühner, blitzgeschwinder Gegenentwurf zu unserer augenblicklichen Situation, in der die Natur fast unwiederbringlich zerstört scheint, und der uns die Augen für eine ungeheuerliche Möglichkeit öffnet: „nun sind wir angekommen / wo die wildnis begann / als ob sie gewartet hätte“.

Mit diesem Band ist endlich ein lyrisches Werk kennenzulernen, das in der Stille gereift ist und dem wir in seiner wunderbaren Konzision abspüren können, dass Paul Celan sein Zuchtmeister war.

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