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Helga Schütz, 2005 bei einer Lesung in Potsdam.

Helga Schütz

Gedanken wie Wurzeln

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Sie war Schriftstellerin geworden in einem Land, in dem die Menschen, denen so viel vorgeschrieben wurde, sich nach Literatur sehnten: Helga Schütz wird 80 Jahre alt.

Gärtnerin war der erste Beruf von Helga Schütz, bevor sie wie ihre Heldin Eli aus dem Roman „Sepia“ nach Potsdam ging, wo sie heute noch lebt. Sie hat an der Deutschen Hochschule für Filmkunst studiert, war dann freie Szenaristin und hat etliche Drehbücher geschrieben, etwa zu „Lots Weib“ und „Wenn du groß bist, lieber Adam“. Aber wer merkt sich schon den Drehbuchautor? Den Regisseur hat man in Erinnerung, Egon Günther, der eine Weile ihr Lebenspartner war.

Selbst bekannt geworden ist Helga Schütz als Schriftstellerin. 1971 erschien ihr erstes Buch „Vorgeschichten oder Schöne Gegend Probstein“ mit Erzählungen, drei Jahre später folgte der erste Roman, „Festbeleuchtung“, mit den folgenden, „Jette in Dresden“ (1977) und „Julia oder Erziehung zum Chorgesang“ (1980), erlebte sie endgültig den Durchbruch. 

Im Regal neben Christa Wolf, Irmtraud Morgner, Brigitte Reimann

Sie war Schriftstellerin geworden in einem Land, in dem die Menschen, denen so viel vorgeschrieben wurde, sich nach Literatur sehnten, in der sie sich fanden mit ihren Zweifeln, Träumen, dem arbeitsamen Alltag. Auch im Westen wurde Helga Schütz wahrgenommen, sie war 1978 zum Wettbewerb in Klagenfurt eingeladen, in dem Jahr, als Ulrich Plenzdorf den Bachmann-Preis gewann. Ihre Leser zu Hause stellten die Bücher ins Regal neben die von Christa Wolf und Helga Königsdorf, von Irmtraud Morgner und Brigitte Reimann. Die Autorinnen, die hier neben ihr genannt sind, leben inzwischen alle nicht mehr. Helga Schütz aber feiert am heutigen Montag ihren 80. Geburtstag. 

Mag ihr dicker langer Zopf inzwischen weiß sein, ist sie doch immer noch eine produktive Autorin, die vieles neu erzählt, in bilder- und assoziationsreicher Sprache, mit Geschichten aus dem wirklichen Leben. Davon zeugt ihr jüngstes Buch „Die Kirschendiebin“, das auf sehr besondere Weise von der Liebe erzählt. 

Die Erinnerung an eine junge, eigentlich unmöglichen Liebe überlagert sich mit einer späten. Ein über Jahrzehnte getrenntes Paar findet im Alter wieder zusammen. Die Autorin wirft Blicke zurück auf den Alltag der DDR der frühen Jahre und zeigt lebendig die Gegenwart. Nicht nur Kirschen, auch andere Früchte spielen eine Rolle in diesem Buch, das Interesse an der Natur hat sich Helga Schütz aus ihrem allerersten Beruf erhalten. Einmal mündete es in einen klugen Band über die kleinen Kämpfe und großen Siege in der Natur: „Dahlien im Sand. Mein märkischer Garten“. 

Aber mehr noch hat ihr zweiter Beruf das literarische Schreiben geprägt. Denn was ihre Figuren, ob nun Eli, Julia oder Jette, Anna („In Annas Namen“, 1986) oder Adam („Vom Ganz der Elbe“, 1995) oder eben Thomas Falkenhain und Melina Weiß im jüngsten Buch denken und tun, ergibt sich aus dem, was sie erleben und aus ihren Handlungen. Wenn Thomas Falkenhain, der seinen Namen nach Schütz’ Geburtsort in Schlesien trägt, sich erinnert an seine große Liebe, dann gibt es dafür konkrete Anknüpfungspunkte: Seine Gedanken haben ihre Wurzeln in dem, was passiert. 

Helga Schütz psychologisiert nicht, sie erzählt. Sie gestattet dem Leser, mit den Figuren unterwegs zu sein, als bewegten sie sich durch einen Film.

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