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Auf dem Obersalzberg, 1934.

John Boyne

Die Gedanken sind nicht frei

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Man kann sie manipulieren: Der Roman "Der Junge auf dem Berg" erzählt plausibel und unangenehm aktuell eine Parabel über Verführung.

Ein Junge verliert seine Eltern und kommt in ein Waisenhaus. Nach kurzer Zeit meldet sich eine Verwandte. Sie nimmt das Kind bei sich auf. Es findet ein neues Zuhause. Welch ein Glück also.

Das Buch „Der Junge auf dem Berg“, dessen erster Teil sich so kurz zusammenfassen lässt, stammt von John Boyne, dem Autor auch von „Der Junge im gestreiften Pyjama“. Er gibt zwar vor, eine einfache Geschichte zu erzählen, doch sie ist vertrackt. Sie steht für mehr als das, was die Handlung zeigt. Einige Zeichen dafür sind schon ausgelegt auf den Anfangsseiten, die im Jahr 1936 spielen. Der Junge heißt Pierrot, er wächst in Paris auf mit seiner französischen Mutter und seinem deutschen Vater. Sein bester Freund Anshel ist Jude. Ihre Brieffreundschaft hält nicht lange, nachdem die Tante ihn mit zu einem Anwesen auf dem Obersalzberg in Bayern nimmt, wo sie als Hauswirtschafterin arbeitet. Aus Pierrot wird Peter, ein deutscher Junge. Im zweiten Teil, der die Jahre 1937 bis 1940 durchläuft, entwickelt sich Peter zum Musterknaben, geschaffen nach den Wünschen des Mannes, dem der Berghof gehört: Adolf Hitler.

Leni Riefenstahl und Heinrich Himmler treten auf

Die Handlung ist erfunden, der Ort real. Auch die Filmemacherin Leni Riefenstahl und der Reichsführer SS Heinrich Himmler treten als Personen der Zeitgeschichte auf – in einem Buch, bei dem sich der Autor Jugendliche als seine Leser vorstellt. Der deutsche Verlag legt sich nicht fest, führt den Roman sowohl in seinem Belletristikprogramm für Erwachsene als auch in seinem Jugendprogramm auf.

John Boyne, 1971 in Dublin geboren, hat sich wiederholt mit den großen Kriegen des 20. Jahrhunderts beschäftigt. In Romanen für Erwachsene variiert er die Frage, was die Erfahrung von Gewalt mit den Menschen anrichtet. Ist es möglich, sich von solchen Bildern zu befreien? Als er diese in Dialogen, inneren Monologen und Entscheidungen seiner Figuren versteckten Fragen bis auf das Wesentlichste reduzierte und zum ersten Mal für ein jugendliches Publikum aufwarf, landete er einen Welterfolg: Über sechs Millionen Mal wurde „Der Junge im gestreiften Pyjama“ verkauft.

Blick auf das Vernichtungslager Auschwitz

Bei dem Buch, vor zehn Jahren erschienen, arbeiteten die Verlage mit dem Überrumpelungseffekt. Im Klappentext der deutschen Ausgabe stand, dass es besser sei, wenn man vorher nicht wisse, worum es geht. Bruno aus Berlin, Sohn eines SS-Offiziers, erkundet sein neues Wohnumfeld in „Aus-Wisch“. So klingt Auschwitz in seinen Ohren. Dort gelangt er an einen unüberwindlichen Zaun, hinter dem die Menschen zu große schlafanzugartige Kleidung tragen. Bruno freundet sich mit einem Jungen hinter dem Stacheldraht an. Weil John Boyne mit ihm einen unbedarften Blick auf das Vernichtungslager Auschwitz, ja das Nazi-System warf, schickte er die ungeheuerliche Wahrheit neu und anders in die Köpfe der Leser. Diesmal sind die Leser besser vorbereitet. Auf dem Titel laufen vier Stacheldrähte quer zwischen den Buchstaben. Und es gibt die Jahreszahlen zur Einordnung.

Pierrot hängt am Vater, obwohl der trinkt. Er liebt die Mutter, die sich aufopfert. Dass er Deutsch so gut wie Französisch spricht, gefällt ihm. Im neuen Leben soll er sich für eine Seite entscheiden. „Du kannst die Erinnerungen natürlich in deinem Kopf behalten“, sagt die Tante, „aber erzähl nicht von ihnen.“

Es ist zuerst die inszenierte Autorität der Figur Hitlers, die den Jungen beeindruckt. Noch lange vor der ersten Begegnung erscheint dieser Mann mit Bedeutung aufgeladen, durch die vielen Bilder im Haus, durch den ehrfürchtigen, oft angsterfüllten Tonfall, mit dem über ihn gesprochen wird auf dem Berghof. Allein der Ort hoch in majestätischer Landschaft fasziniert ihn. Dass dieser besondere Mann sich ihm zuwendet, verführt Pierrot schließlich. Und so beginnen sich die Rädchen in seinem Kopf zu drehen: Er denkt daran, wie sein Vater Deutschland vermisste. Die neue Uniform, die guten Schuhe machen den Jungen stolz, seine Erlebnisse mit Schäferhund Blondi sogar glücklich.

Die Gedanken sind frei, heißt es. Doch John Boyne erzählt mit diesem Buch, wie das, was Pierrot lange beschäftigte und interessierte, innerhalb von Monaten verdrängt wird durch das, was den Geist des neuen Heims ausmacht. Der Autor zeigt es, indem er das Verhalten seiner Figur verändert. Das innere Hochgefühl trägt er nach außen als Härte. Der Junge beginnt, das Personal zu kommandieren. Als Pierrots Tante einmal sagt: „Ihr habt ein enges Verhältnis, oder?“, glaubt er erst, sie frage nach dem Hund. Da ergänzt sie: „Du und Herr Hitler.“ Der erste Waschgang im Hirn des Jungen wirkt bereits, denn der antwortet: „Solltest du ihn nicht Führer nennen?“ Pierrot, nein: Peter, wird noch in eine Situation kommen, die über das Schicksal der Tante entscheidet. Das erzählt Boyne mit geschickt dosierter Spannung.

„Eine Fabel“ stand als Genrebezeichnung unter „Der Junge im gestreiften Pyjama“, das würde hier auch passen. Die Wandlung des Jungen geschieht zwar recht schnell, wenn man jedoch bedenkt, wie stark die Sehnsucht des traurigen Kindes nach Zugehörigkeit war, kann man ihr folgen. Es sind die einfachen Parolen der Populisten von Volk und Vaterland, die bei dem Jungen verfangen.

Manchmal kommt man ins Stolpern. So nutzt Boyne zwar Erich Kästners „Emil und die Detektive“, das Pierrot zum Abschied aus Frankreich bekommt, als Erkennungszeichen für eine deutsche Jungs-Geschichte. Doch dann liegt das Buch unbeachtet auf dem Berghof herum. Kästner wollte man aber in Hitlers Welt nicht haben, seine Bücher wurden 1933 verbrannt. Auch setzt der Autor das Alter des Jungen mit anfangs sieben Jahren zu jung an. Da wirkt es unwahrscheinlich, welche Geschichten und Briefe er mit seinem Pariser Freund gemeinsam schreibt.

Das schmälert die starke Wirkung dieser Parabel über Verführbarkeit nur wenig. „Der Junge auf dem Berg“ ist unangenehm aktuell.

John Boyne: Der Junge auf dem Berg. Roman. Aus d. Engl. v. Ilse Layer. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2017. 304 Seiten, 16,99 Euro.

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