Die Geburt des Melitta-Filters

Über erfinderische Frauen

Von BIRGIT LOFF

Sie haben sich den Scheibenwischer und die Spülmaschine ausgedacht. Als Erfinderinnen und Firmengründerinnen werden Frauen in der Öffentlichkeit allerdings kaum wahrgenommen. Eine Londoner Autorin will das ändern.

Fast jeder kennt Melitta-Filter, nur kaum jemand weiß, wer auf die Idee gekommen ist. Es war Melitta Bentz, die Frau eines Kaffeerösters aus Dresden, weil sie sich nicht jedes Mal aufs Neue ärgern wollte über den unangenehmen Geschmack des Bodensatzes im Frühstückskaffee. So begann sie zu experimentieren. Aber erst das Stück Löschpapier, zu einer Tüte zusammengerollt in einem Messingtopf, in dessen Boden sie Löcher gebohrt hatte - das war's. Ihre Neuerung, im Jahr 1908 in Berlin als Gebrauchsmuster registriert, wurde Grundstein eines internationalen Unternehmens.

Die britische Sachbuchautorin, Fotografin und Malerin Deborah Jaffé ist der Geschichte von Melitta Bentz und rund 500 Miterfinderinnen und Gründerinnen vom 17. bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts nachgegangen. Wie viele ihrer Protagonistinnen, zumeist Inhaberinnen von Patenten, hat sich die Londonerin ein bisher kaum beachtetes Terrain erschlossen. Über die "genialen Frauen" schrieb Jaffé ein gleichnamiges Buch, dessen deutsche Ausgabe sie mit Bundesfrauenministerin Ursula von der Leyen (CDU) in der Britischen Botschaft in Berlin präsentierte.

"Schrecklich gering bis heute" sei der Anteil von Frauen an den Patentinhabern in Deutschland, bedauert die Ministerin. Von der Leyen appelliert an Eltern, Lehrer und Ausbilder, dass Mädchen unbedingt "eine Umgebung, die ihnen etwas zutraut," brauchen. In den Jahren von 1995 bis 1999 stammten gerade einmal 3,5 Prozent aller Patente in Deutschland von Frauen. Umso beflügelnder ist Jaffés Blick in die Vergangenheit, als Frauen trotz immenser Hindernisse teilhatten an bahnbrechenden technischen, medizinischen und wissenschaftlichen Innovationen. Angemeldet waren ihre Patente häufig auf den Namen des Mannes - weil andernfalls ihre Ideen gar nicht geschützt worden wären oder sie ihre Erfindungen finanziell nicht hätten nutzen können.

Zum Beispiel der Scheibenwischer: Mary Anderson kam bei einer Straßenbahnfahrt durch New York darauf, weil der Fahrer mehrfach aussteigen musste, um den Schnee von der Frontscheibe zu entfernen. Mit ihrer Geschirrspülmaschine, der ersten ihrer Art, erweckte Josephine Cochran bei der Weltausstellung 1893 in Chicago öffentliches Aufsehen. Die Erfindung von Martha Ortell aus Schleswig-Holstein sollte dagegen im Verborgenen bleiben, handelt es sich doch um eine "Kombination aus Tasche und Hüftgürtel", damit Frauen Geld, Schmuck und andere Werte auch auf Reisen sicher verstauen konnten.

Bei ihrem "Volksherd" und einem "Reformherd" ging es der Londoner Autorin, Verlegerin und Designerin Amelia Louisa Freund im 19. Jahrhundert darum, die Ernährung der Armen und der Bevölkerung insgesamt zu verbessern. Beeinflusst von den Souffragetten, verstand sich die Frauenrechtlerin, die sich Amelia Louis nannte, als Vorkämpferin für eine gesunde Lebensweise. Als Brennstoff diente preiswerter Torf, und das Publikum einer öffentlichen Vorführung war beeindruckt, vom vorzüglich zubereiteten Gemüse genauso wie davon, dass sich mit dem Herd der ganze Raum heizen ließ. Die italienische Ärztin Maria Montessori besaß mehrere Patente für ihre Spiel- und Lernmaterialien. Ihre Erkenntnis, dass körperliches Wohlbefinden und geistig-seelische Entwicklung eines Kindes einander bedingen, galt zu Beginn des 20. Jahrhunderts als nachgerade revolutionär.

Nicht zu vergessen die erfolgreiche Gründerin Margarete Steiff aus Giengen, die trotz ihrer Behinderung eine weltweit bekannte Firma aufbaute, die Physikerin und Nobelpreisträgerin Marie Curie oder auch die Unternehmerin Eleanor Coade, die einen künstlichen Baustein auf Keramikbasis erfand und herstellte, ein widerstandsfähiges und im England des ausgehenden 18. Jahrhunderts beliebtes Material.

Nicht ohne Reiz sind die skurrilen Erfindungen. So ließ sich im 19. Jahrhundert Sarah Guppy ein pompöses Himmelbett mit solidem Metallgestell patentieren. Hoch oben, über der Matratze, war eine Turnstange befestigt, die man mittels Flaschenzug heben und senken konnte. Der Sockel des Bettes bestand aus Schubladen, deren jede im geöffneten Zustand einen Schiebedeckel besaß, so dass man sie als Treppe nutzen und bequem ins Bett oder zur körperlichen Ertüchtigung schreiten konnte. Die Witwe und Inhaberin mehrerer Patente war 66 Jahre alt, als sie das sportliche Bett erfand. "Ein Jahr später", verrät Deborah Jaffé, "heiratete Sarah Guppy noch einmal, und zwar einen 28-Jährigen."

Deborah Jaffé: Geniale Frauen. Berühmte Erfinderinnen von Melitta Bentz bis Marie Curie. Patmos Verlag, Düsseldorf 2006, 239 Seiten, 29,90 Euro.

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