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Garry Disher „Stunde der Flut“: Ein Virus macht sich auf den Weg

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Von: Sylvia Staude

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Januar 2020 in Australien: Sapziergang mit Hund, während nicht weit entfernt das Land brennt.
Januar 2020 in Australien: Sapziergang mit Hund, während nicht weit entfernt das Land brennt. © AFP

Garry Dishers beunruhigend in unserer aktuellen Welt spielender Kriminalroman „Stunde der Flut“.

Irgendwann steht da der Satz, ganz beiläufig: „Die Welt käme an ihr Ende, meinte sie“. Der Australier Garry Disher schreibt keine aufgeregten, actionreichen Kriminalromane, auch in seinem jüngsten, „Stunde der Flut“, trägt er nicht dick auf, erzählt nebenbei immer vom Alltag, den kleinen Freuden und Ärgernissen. Im englischen Original lautet der Titel „The Way It Is Now“; und wie es jetzt halt ist, das schließt die zum Jahreswechsel 2019/2020 tobenden, furchtbaren Buschfeuer in Dishers Heimat mit ein – die Figuren sind nicht direkt betroffen, aber ignorieren können sie es keineswegs –, das schließt außerdem mit ein, dass ein älteres Ehepaar zu einer Kreuzfahrt aufbricht, sich mit einem ominösen Virus „aus China“ ansteckt. Ihn erwischt es schwer, sie nur leicht. In diesen Tagen rätselte man noch, warum das so ist, Impfung gab es sowieso keine.

Aber zunächst sind wir im Januar 2000, ein Kind wird vermisst, der junge Polizist Charlie Deravin ist bei der Suche dabei. Der neunjährige Billy muss im Meer ertrunken sein. Gleichzeitig verschwindet Charlies Mutter, unter Verdacht gerät auch sein Vater Rhys, der zwar Detective Sergeant ist, aber das heißt ja nichts. Rose hat sich getrennt, denn Rhys hat eine Neue, er wird das Haus verkaufen müssen.

Zwanzig Jahre später ist Charlie suspendiert – er hat einen Vorgesetzten so „geschubst“, dass dieser über seinen Schreibtisch flog –, hat also Zeit, sich wieder mit dem Verschwinden seiner Mutter zu beschäftigen. Rhys Deravin und seine zweite Frau Fay brechen indessen zu einer Kreuzfahrt auf, er ist, obwohl erst Anfang Sechzig, nicht mehr fit, soll sich ein bisschen erholen können.

Das Buch:

Garry Disher: Stunde der Flut. Kriminalroman. A. d. Englischen von Peter Torberg. Unionsverlag, Zürich 2022. 334 S., 24 Euro.

Disher ist ein Meister der nuancierten Charaktere, der Zwischentöne, der unauffälligen Verzahnungen und Anspielungen (bis man merkt: ah, so fügen sich also die Puzzleteilchen).

So hat Charlie, der einigermaßen an die Unschuld seines Vaters glaubt, einen Bruder, Liam, der Rhys für schuldig hält. Und Liams Lebenspartner steht dazwischen und versucht, die Spannung rauszunehmen aus den Treffen und Diskussionen der Brüder. Während Charlie seine neue Freundin (auch er ist geschieden) rauszuhalten versucht aus so ziemlich allem, aber sie möchte gar nicht rausgehalten werden. Fast kommt es zum Zerwürfnis.

Die Romane Garry Dishers sind gut geerdet, es gibt darin den Protest gegen den Bau einer neuen Anlegestation für Gastransportschiffe, es gibt darin die auch bei uns mittlerweile allgegenwärtigen Plastiktüten für Hundekot (eine solche wird ganz am Ende noch eine Rolle spielen). Seine Ermittler versuchen zwar Verbrechen aufzuklären, doch sind sie auch nur Menschen, die sich Sorgen machen: wegen steigender Preise und kriselnder Beziehungen, doofer Nachbarn und zudringlicher Journalisten, wegen der Buschbrände und ein kleinwenig schon wegen dieses Virus. Aber die Zahl der Betroffenen ist so gering, das muss sich doch noch stoppen lassen.

Ungewöhnlich für Disher hat „Stunde der Flut“ ein paar Längen, Ausführlichkeiten, könnte hier und da eine Verknappung vertragen. Doch ist das nur eine nebensächliche Beschwerde, denn erneut erzählt er aus einer Welt, die man sofort als die eigene erkennt und die einen durchaus erschrecken lässt.

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