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Literatur

„Kaltes Licht“ von Garry Disher: Der gern gegen Regeln verstößt

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Garry Dishers raffinierter, ungewöhnlicher Kriminalroman „Kaltes Licht“.

Bei den Kriminalromanen des Australiers Garry Disher wundert man sich am Ende immer, dass sie keineswegs 1000 Seiten haben, noch nicht einmal die Hälfte, aber dennoch der Komplexität der Welt kein Eckchen oder Fitzelchen abschneiden. Es passiert viel, ohne dass sie Actionromane sind. Und eine ziemliche Menge an Personal purzelt durcheinander, ohne dass die Leserin aber ein Verzeichnis bräuchte, um noch durchzublicken. Sie sind fein gefügt, sie wirken trotzdem nicht konstruiert. Sie sparen sich überflüssige Erklärungen, auch in der Realität bekommt der Mensch schließlich nicht alles erklärt. Und sie lassen auch mal was rumbaumeln, was Krimileser, die es am Ende gut aufgeräumt haben wollen, verärgern mag. Aber so ist das Leben, Leute.

In „Kaltes Licht“ („Under the Cold Bright Lights“, 2017) ist es erst einmal ein neuer Ermittler – der eigentlich ein alter Ermittler ist, gern machen Kollegen auf seine Kosten Rollator-Scherze –, den Disher ohne Federlesens und ohne seine Geschichte groß aufzurollen einführt: Sergeant Alan Auhl, einst Mordkommission, dann „ausgebrannt und traurig“, dann zum Befremden der jüngeren Ermittler plötzlich wieder zurück, allerdings in der Abteilung für ungelöste Fälle.

Da hat Sergeant Auhl freilich auch die eine oder andere Rechnung noch offen. Etwa im Fall eines tot aufgefundenen Farmers. Etwa mit einem Mann, Arzt und reich, den er verdächtigt, seine Ehefrauen zu ermorden – aber er konnte es halt bisher nicht beweisen. Doch dann besitzt der Betreffende die Frechheit, bei der Polizei aufzutauchen und zu behaupten, seine Frau, die dritte mittlerweile, wolle ihn umbringen. Das ist nur einer der Handlungsstränge in „Kaltes Licht“; er wird die vielleicht erstaunlichste Wendung nehmen, erstaunlich jedenfalls im Hinblick auf Krimikonventionen, die Disher zwar keineswegs zum ersten Mal ignoriert, aber doch so krass wohl in anderen seiner Romane noch nicht ignoriert hat.

Garry Disher: Kaltes Licht. Kriminalroman. A. d. Englischen von Peter Torberg. Unionsverlag, Zürich 2019. 320 S., 22 Euro.

Überhaupt ist Alan Auhl eine Figur, wie es sie auf dem weiten Feld der Ermittler noch nicht gibt. Eine Art guter Onkel unter anderem, der in einem großen Haus allerhand Bedürftige und Gestrandete unterbringt. Darunter auch eine Kollegin, die ein wenig Ruhe und Abstand braucht, als sie herausfindet, dass ihr Mann sie betrogen hat. Bei Auhl scheint immer ein Zimmer frei zu sein, auch für eine Frau und ihr Kind; die Mutter kämpft indessen darum, dass ihr Mann die Tochter nicht so oft sehen kann, sie hat Angst vor ihm. Auhl, der Zerstreute und Distanzierte, begleitet sie treu zu jedem Termin.

Dann gibt es noch den Fall des Skeletts, das am Anfang unter einer Betonplatte gefunden wird, als man versucht, ein Schlangennest auszuheben (die Eigentümer des nahen Hauses stehen bibbernd daneben, aber wegen des giftigen Kupferkopfs). Der „Betonmann“, so gleich der Name, den die Medien dem Skelett geben, war jung, als er starb, und bald finden die Beamten heraus, dass er verdächtigt wurde, seine Freundin getötet und sich aus Australien abgesetzt zu haben. Jetzt muss man vermuten, dass er zusammen mit seiner Freundin ermordet wurde.

Da kommt im Romangefüge das Klein-Klein einer minutiösen Ermittlungsarbeit ins Spiel, die Suche nach möglichen Nachbarn und Zeugen auch, die längst sonst wohin gezogen sind. Auch der „Betonmann“-Fall wird noch raffinierte, unerwartete Wendungen nehmen.

Garry Disher erscheint mit „Kaltes Licht“ einmal mehr als lässiger, als gleichsam schlendernder Schreiber, aber das täuscht. Die Verstöße gegen Krimiregeln begeht er allemal mit der Absicht, der Leserin, dem Leser abgenutzte Kriminalroman-Topoi zu ersparen. Und sich selbst natürlich auch, denn sich beim Schreiben zu langweilen, das käme für ihn nicht in Frage.

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