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Garry Disher: „Moder“ – Der Mann mit dem neutralen Gesicht

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Von: Sylvia Staude

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Unterwegs in einem nebulösen Sidney.
Unterwegs in einem nebulösen Sidney. © AFP

„Moder“, ein weiterer großartiger Wyatt-Roman von Garry Disher.

Nicht zum ersten Mal ist der Australier Garry Disher doppelt auf der Krimi-Bestenliste vertreten: im September war er das schon mit „Barrier Highway“ (Unionsverlag), einem Roman um Constable Hirschhausen, dazu kommt jetzt im Oktober „Moder“ (Pulp Master), eine neue Geschichte um den coolen Kriminellen Wyatt, mit der er gleich auf Platz 1 gelandet ist. Wyatt ist kein netter Mensch, schon gar kein Robin Hood. Er stiehlt für sich selbst, er bestreitet seinen Lebensunterhalt davon und hat keine Skrupel. „Natürlich wollte er das Geld. Aber er wollte auch das Gedankenspiel und die Aktion.“ Und er möchte seiner Sache sicher sein.

Man muss Wyatt nicht mögen, um Dishers Wyatt-Romane (inzwischen sind es neun) hinreißend spannend, ja vergnüglich zu finden, da sie den Diebstahl und seine Vorbereitung Zug um Zug wie ein Schachspiel inszenieren.

Das Buch

Garry Disher: Moder. Ein Wyatt-Roman. A. d. Engl. von Ango Laina und Angelika Müller. Pulp Master 2021. 270 S., 14,80 Euro.

Entscheidend ist auch bei „Moder“ wieder (Orig. „Kill Shot“, 2018), wie ausnehmend fein die Zahnrädchen der Planung und Handlung ineinandergreifen. Denn Wyatt ist kein Draufgänger und Vabanque-Spieler, kühl kalkuliert er noch den unwahrscheinlichsten Zwischenfall sowie Zufall mit ein und versucht, sich auch dafür ein Hintertürchen offen zu halten. Nie würde er in ein Haus hineinmarschieren, ohne es vorher tagelang zu beobachten, die Gewohnheiten der Bewohner auszukundschaften, die Möglichkeit einer diskreten Alarmanlage in Betracht zu ziehen. Viele Male wechselt er in dieser Zeit das Auto, zieht sich um, tritt mal als Tourist mit kurzer Hose und lässigem Hütchen, mal mit Brille und Aktenkoffer auf, geht mal bucklig, mal scheinbar zerstreut. Dazu „nur ein angenehm neutrales Gesicht“. Er findet, der beste Fall tritt ein, wenn sich hinterher kein Mensch an ihn erinnern kann.

Der lone wolf Wyatt braucht nicht viele Leute, auf die er sich verlassen kann, aber auf die möchte er sich verlassen können. Allerdings sitzt diesmal sein Informant im Gefängnis, ist mächtig, macht sich aber Feinde. So laufen bald Dinge, die er nicht mehr unter Kontrolle hat. Dinge, die sich schließlich auch auf Wyatt auswirken.

Aber es wäre ein langweiliger Thriller, wenn Wyatts penible Planungen tatsächlich aufgingen. In „Moder“ bekommt er einen ähnlich gestrickten Gegenspieler, der Muecke heißt, aber eher ein Elefant ist – jedenfalls ein Polizist alter Schule, nicht schick, nicht fit, aber schlau und erfahren in dem, was er „Geduldsspiel“ nennt. Dazu stolpern bzw. segeln mehrere junge Typen durchs Bild, sie sind gierig und dumm, werden also auch keine Chance bekommen, alt und ein bisschen weniger dumm zu werden. Während Wyatt, wer weiß, sich noch ein zehntes Mal am Eigentum anderer vergreifen könnte.

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