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Auch um die Polizei muss Wyatt immer mal drumherum.

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„Hitze“ von Garry Disher: Ein Fachmann vom Scheitel bis zum Dietrich

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In „Hitze“ soll Garry Dishers Meisterräuber Wyatt ein kostbares Gemälde stehlen

Der Australier Garry Disher gehört nicht nur zu den Autoren, die auf vielen Hochzeiten tanzen, vom Kinder- bis zum Sachbuch; er versteht zudem auf diversen Spannungsroman-Festen mal einen flotten Rock’n’Roll, mal einen leichtfüßigen Foxtrott aufs Parkett zu legen – auch ein komplizierter Tango kann es sein. Dies zuletzt mit einem neuen, voller Überraschungen steckenden Ermittler namens Alan Auhl in „Kaltes Licht“ (FR vom 16. Juli). Ein beeindruckend aufrechter, sogar wohltätiger Mensch, der selbst ein Verbrechen begeht und es schlau anstellt.

Apropos Verbrechen und schlau anstellen: Eine Hochzeit hatte Disher schon vor Jahren scheinbar endgültig verlassen, die, auf der Wyatt herumschleicht, der harte Mann, der von Raub und Diebstahl lebt und dem man nie ansieht, was er denkt. Und immer umgibt ihn ein kalter Hauch. In einem Gespräch mit der Krimikritikerin erzählte Disher: „Es würde schal werden und ich würde mich langweilen, wenn ich nur Serienromane schreiben würde“.

Er hat es dann doch wieder getan: Bei Pulp Master Berlin, ein Verlag, dessen harter Stoff in charakteristische, wie mit dickem Pinselstrich gemalte Cover gepackt ist, kam jetzt der achte Wyatt-Roman „Hitze“ heraus, im nächsten Jahr wird Nummer neun, „Moder“, folgen. Und keinesfalls hat man ihn satt, den coolen Typen, der meist ein Stück schlauer, aber auch einfach vorsichtiger ist als andere, die sich durchs Leben räubern.

Wyatt nimmt darum diesmal sofort Abstand von einem angeblich „todsicheren Ding“, einem Plan der Pepper-Brüder, einen Geldtransporter zu überfallen – zu unprofessionell, die Jungs. Tatsächlich wird es ihnen um die Ohren fliegen.

Wyatt nimmt aber nicht Abstand von einem anderen „Angebot“, nämlich ein Gemälde zu klauen, ein kostbares flämisches Werk aus dem 17. Jahrhundert. Von Nazis während des Zweiten Weltkriegs auf die Seite gebracht, soll es in Australien gelandet sein; und möchten es die angeblich rechtmäßigen, in Israel lebenden Besitzer nun auf diskretem Weg zurück. Diskret bedeutet: keine lange Untersuchung und Gerichtsverhandlung. Von Wyatt weiß man, dass er Fachmann ist vom Scheitel bis zum Dietrich – man braucht ihn nur anständig zu bezahlen.

Natürlich geht es dann nicht so ganz glatt im heißen australischen Sommer, da kann der Meisterdieb noch so sorgfältig auskundschaften und sich scheinbar auf jede Eventualität vorbereiten. Da gibt es eben immer den Faktor Mensch, Garry Disher bringt ihn geschickt ins Spiel. Die israelische Auftraggeberin schaut ihm quasi über die Schulter. Eine Immobilienmaklerin, die ihm beim Ausspionieren helfen soll, dazu ihr etwas tumber Liebhaber, ein Ex-Polizist, wollen auf eigene Rechnung arbeiten. Und es gibt auch noch den anderen, gewieften Liebhaber, der möglicherweise alle hereinlegen will, sobald das Bild erstmal geklaut ist.

Garry Disher versteht sich auf intrikate Geflechte des Verbrechens und auf eine nuancierte Zeichnung derer, die an diesem Geflecht arbeiten. Und im Zentrum sitzt wie die geduldige Spinne Wyatt, wartet im Schatten, beobachtet mit scharfem Blick, verkleidet sich, tarnt sich. Erwischt oft, aber keineswegs immer die Beute. Man könnte dieses Genre Howdunit nennen: Es ist das Wie, das zählt, die Frage, wie der Mann mit der eiskalten Aura es einmal mehr schaffen und ob er der Beste seines Fachs bleiben wird.

Garry Disher: Hitze. Ein Wyatt-Roman. A. d. Engl. von Ango Laina, Angelika Müller. Pulp Master, Berlin 2019. 278 S., 14,80 Euro.

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