+
Enid Blyton (1897-1968).

Enid Blyton

Wo man garantiert nichts lernen kann

  • schließen

Heute vor 50 Jahren starb Enid Blyton. Die maßlose Lektüre ihrer Bücher hat einen Zug ins Anarchische. Von Judith von Sternburg

Der Zauber musste verfliegen. Enid Blyton ist keine Autorin für Erwachsene, die sich an früher erinnern wollen, sie ist eine Autorin für Kinder. Die Zeit der Erwachsenen ging über sie hinweg, die Maßstäbe der von Erwachsenen geschriebenen und beschriebenen Kinderliteratur gingen über sie hinweg, die gesellschaftlichen Maßstäbe mit Blick auf das Frauenbild, auf den (latenten, manchmal auch virulenten) Rassismus. Der jahrzehntelange Bann, den die an der Bildung ihrer jungen Zuhörer interessierte BBC über Blytons Werke verhängte, war einerseits lustig (irgendwie weltfremd), wirkte andererseits aber auch nach. Es ging dabei ja nicht um ein aufgeklärtes Weltbild, sondern um die literarische Qualität. Literarisch sei sie „a very small beer“ (ein wirklich kleiner Fisch), lautet dazu das bekannteste und hochmütigste Rundfunkmitarbeiterzitat, unfassbar seien ihre Erfolge. Mag sein. Nicht Erwachsene, sondern Kinder entschieden darüber und scheinen es wenigstens zum Teil weiterhin zu tun. Bis heute gilt sie – uneingeholt von Joanne K. Rowling – als meistverkaufte Kinderbuchautorin der Welt.

Es hat eine unterschätzte anarchische Seite, als Kind maßlos Enid Blyton zu lesen, und zu Maßlosigkeit kann sich das sehr wohl entwickeln. Groß ist die Auswahl (753 Titel, sagen die, die gezählt haben, 10 000 Wörter am Tag sollen ihr Pensum gewesen sein, das wären unglaubliche 35 Seiten), und groß ist auch die Freude beim dann sofortigen Wiederlesen. Ganz unzynisch gesagt ähneln sich die Geschichten ohnehin so sehr, dass je nach Serie Vorhersehbarkeiten in beträchtlicher Zahl auftreten. Das stört Kinder nicht, im Gegenteil hilft es dabei, Übersicht über die Welt zu gewinnen.

50 Jahre nach Enid Blytons Tod am 28. November 1968, Jahrzehnte nach der eigenen, zweifellos maßlosen Enid-Blyton-Lektüre staunt man vielleicht immer noch über sie und sich.

Enid Blyton, 1897 geboren, erlebte die Trennung der Eltern, als sie dreizehn war und eine Scheidung ein Makel, der sich gleichwohl in ihrer eigenen Ehe wiederholte. Ihre jüngere Tochter beklagte später in ihrer Autobiografie, ihre Mutter sei keine sehr nette Frau gewesen und habe „keinerlei mütterlichen Instinkt“ gehabt. Tatsächlich stehen mütterliche Instinkte auch nicht im Zentrum ihrer Werke. Sie, die musisch begabt ist, die früh zu schreiben beginnt – wie Dolly, die mit einem eigenen Theaterstück auf Burg Möwenfels Sensation macht –, schiebt in ihren berühmtesten Reihen vielmehr Kinder ohne Eltern oder mit abwesenden Eltern in den Vordergrund. Es gibt Onkel und Lehrerinnen, denen sie vertrauen. In erster Linie bleiben sie aber unter sich. Kinder unter sich, das ist für Kinder unwiderstehlich.

Fesselnd, wie sehr sich das in den Internats-Romanen zeigt, die Kinder, die nicht auf ein Internat wollen (und wer außer Dolly, Hanni und Nanni will schon auf ein Internat) im Prinzip nicht leiden können und sie trotzdem lesen, lesen und lesen. Fesselnd, wie auch die jüngsten Schneiderbuch-Neuauflagen und -ausgaben zum runden Todestag demonstrieren, dass die Geschichten zwar völlig aus der Zeit gefallen sind, aber gerade dadurch im Prinzip eine erstaunliche Gültigkeit behalten.

Dass Dolly und ihre Freundinnen (im Sammelband „Abenteuer auf Burg Möwenfels“, mit den Bänden „Die Klassensprecherin“, „Dollys großer Tag“ und „Abschied von Möwenfels“) eine nächtliche Party veranstalten und als Höhepunkt des Ungehorsams gegen die Schulleitung Kakao und Schokoladenplätzchen serviert werden, ist natürlich rührend harmlos. Ebenso der Verlauf der „Schatzsuche“ in „Hanni und Nanni finden einen Schatz“ (soeben als Band 29, neunundzwanzig, der im Verhältnis zu den „Dolly“-Büchern immer etwas kesseren „Hanni und Nanni“-Serie wieder aufgelegt).

Aber die Gruppendynamik unter den Mädchen – die Sehnsucht nach und die Fähigkeit zur Freundschaft, die kleinen Beschämungen und großen Versöhnungen und das Gezicke, die Eifersüchteleien, die Intrigen, das Verschweigen und das Herumgeklatsche: Das ist zwar weder pädagogisch noch vorbildlich, das ist zum Teil sogar gar nicht gut, dieses Ausgucken von Außenseiterinnen, diese Bemühungen, nicht versehentlich selbst auf diese Seite zu geraten, die Altklugheit, das Überlegenheitsgefühl, das Unterlegenheitsgefühl, und das alles psychologisch nicht tiefschürfend. Es ist sogar verlogen, jedoch auf diese Weise verlogen, auf die das Leben selbst verlogen ist. Und es bringt Kindern nichts bei, außer, dass es irgendwann vorbei sein wird (dass Dolly nachher allen Ernstes heiratet, will man das als Kind eigentlich lesen? Doch eher nicht).

Aber: Es spiegelt dadurch auch eins zu eins wieder, was ein Kind erlebt, selbst erlebt, bei anderen erlebt und wie es sich das Leben bisher so vorstellen kann. Und wer das alles viel später dann doch vergessen (verdrängt) hat, muss nur den Mädchen dort in der Straßenbahn ein paar Stationen lang zuhören.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion