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Hermann Burger im Spiegel und mit dem zweiten seiner „Drei hohen Cs“: einer hochkarätigen Rauchware.
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Hermann Burger im Spiegel und mit dem zweiten seiner „Drei hohen Cs“: einer hochkarätigen Rauchware.

Hermann Burger 25. Todestag

Ein ganzer Mann aus Wörtern

Endlich wieder präsent: Zu Hermann Burgers 25. Todestag erscheint eine achtbändige Ausgabe seiner Werke. Der „Amateurmagier im fünften Nebenberuf“ und Jazzfan gilt als einer der originellsten Sprachkünstler der deutschen Literatur.

Von Katrin Hillgruber

Für Paul Nizon war er „ein Wilder in der Rüstung von Hochbildung tobend“, für Marcel-Reich Ranicki, der ihn entschieden förderte, einer der originellsten Sprachkünstler der deutschen Literatur. Wer sich davon selbst überzeugen wollte, war lange Zeit auf Antiquariate angewiesen. Doch nun blickt der Schriftsteller Hermann Burger (1942-1989) seine Leser siebenmal aus überdimensionalen kantigen Brillenmodellen, viermal mit Zigarre oder Zigarette, von den Buchrücken der achtbändigen Gesamtausgabe des Zürcher Nagel & Kimche-Verlags an. Dabei wechseln die Porträtaufnahmen des Hobbymagiers und Jazzfans chamäleongleich die Farbe: von zartem Violett für den ersten Band mit Poesie, Grün für die Erzählungen, Rot für die Romane, Orange fürs Essayistische bis hin zum achten Band „Poetik & Traktat“ in Blau – wie der bläuliche Rauch einer Zigarre, der im Sonnenlicht stehen zu bleiben scheint.

„...und ich blick in zwei tote Kastanien.“

„Rauchsignale“ heißt Burgers erster Gedichtband aus dem Jahr 1967, Rauch steigt später aus seinen „Kirchberger Idyllen“ auf. Harald Hartung attestiert den frühen Gedichten in seinem Nachwort zu Band 1 „symbolische Bewältigungsversuche“, die auf eine von „Depressionen, Impotenzängsten und Suizidneigungen“ geprägte Zukunft verwiesen. „Jodibeth“ taufte Hermann Burger die „Nebelgeliebte“ in einem Gedicht aus dem Jahr 1965: „Ich ruf dich an beim schönen Namen: Jodibeth! / Du nickst, lüftest wie zum Gruß den Schleier, / und ich blick in zwei tote Kastanien.“

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Auch von den Frauengestalten im späteren ?uvre hatten die männlichen Protagonisten so manche Enttäuschung zu gewärtigen: In Burgers Roman „Die Künstliche Mutter“, der ihn 1982 bekannt machte, stürzt sich die zur idealen Gefährtin stilisierte „Blondfrau“ Flavia Soguel vom Balkon, da ihr Verehrer Wolfram Schöllkopf seine Mutter besucht, anstatt zu ihr zu eilen. Das traumatische Erlebnis führt zu einer „Unterleibsmigräne“. Heilung erhofft sich der Privatdozent für Germanistik und Glaziologie im Gotthardmassiv alias der „Künstlichen Mutter“ durch eine erotische Tiefentherapie, durchgeführt von den Gotthardschwestern. Strahlende germanische Lieblingsschwester ist die blonde Dagmar Dom, die „Diseuse vom Gazellenkamp“. Burgers Verehrung für die „Tagesschau“-Sprecherin Dagmar Berghoff trug manische Züge.

Stellt „Die Künstliche Mutter“ Hermann Burgers Genesungsroman dar, so handelt es sich bei „Schilten“ von 1976 um einen dezidierten Todesroman. In einem abgelegenen Aargauer Tal steigert sich der vereinsamte Scholar von Schilten in seinen „Schulbericht zuhanden der Inspektorenkonferenz“ hinein. Darin teilt er den desinteressierten Vorgesetzten mit, wie der Schulbetrieb vom benachbarten Friedhof usurpiert wurde. Nicht von ungefähr stammt das Motto des Romans von Kafka, dem Lieblingsautor des egomanischen Schweizer Wortkaskadeurs: „Du bist die Aufgabe. Kein Schüler weit und breit.“ Aus Heimat- wird Todeskunde, der Appell verhallt ungehört. Herausgeber Simon Zumsteg hatte die originelle Idee, „Erziehungspapst“ Remo H. Largo mit dem Nachwort zu betrauen.

„Therapeuten der Wirklichkeit“

Der Anatomie einer Zigarre, bestehend aus Einlage, Umblatt und Deckblatt, sollte Burgers großangelegtes Romanwerk „Brenner“ entsprechen, mit dem er zu Suhrkamp wechselte. Am letzten Teil „Metzenmang“ aus der unvollendeten Tetralogie über eine Zigarren-Dynastie arbeitete er noch kurz vor seinem Freitod am 28. Februar 1989 im Pächterhaus von Schloss Brunegg. Bereits mit 25 hatte der Sohn eines Versicherungsinspektors aus Aargau in aller Härte erfahren, was er im legendären FAZ-Fragebogen als das „größte Unglück“ bezeichnete: „Eine moderne Zeitkrankheit, die Depression“.

Künstler betrachtete Hermann Burger als „Therapeuten der Wirklichkeit“. Ihm selbst half diese Erkenntnis tragischerweise nicht, trotz jahrelanger Therapie als „Musterpatient“. „Drei hohe Cs“ hätten sein Leben bestimmt, schrieb der passionierte Raucher in „Brunsleben“: das Cimiterische, das Cigarristische und das Circensische. Für die Erzählung „Diabelli“ ging er bei namhaften Zauberern in die Lehre; als „Amateurmagier im fünften Nebenberuf“ trat er bei der Frankfurter Buchmesse 1979 am S.-Fischer-Stand auf, unter anderem vor Helmut Kohl.

Stets auf Bewunderung und Applaus bedacht, so wie sich seine Figuren sprachlich gegen drohende Inferiorität aufbäumen, begriff sich der habilitierte Germanist als „Ein Mann aus Wörtern“, wie ein Essayband heißt. Sein immer wieder variationsreich imaginierter Rücktritt von der Kunst und vom Leben kulminierte in dem verständnislos aufgenommenen „Tractatus logico suizidalis. Über die Selbsttötung“. „Habe illudiert und illudiert und dabei mein Selbst verjuxt“, heißt es in „Diabelli“.

Ein aus allen Zylindern röhrender Pleonasmus

Seit 1982 wohnte Hermann Burger im Pächterhaus von Schloss Brunegg, zunächst noch mit seiner Familie, schließlich allein. Der Kollege und Nachbar Dieter Bachmann erinnert sich in seinem einfühlsamen Nachwort zu „Die Künstliche Mutter“: „Da saß er nun – ich dachte: glücklich – in seiner Joppe mit dem roten Seidenfutter, dem Trikothemd, das über dem Bauch spannte, mit Goldkettchen am Hals und Goldgeklunker am Arm, gleichsam tapeziert mit Ferrari-Abzeichen (…) – ein aus allen Zylindern röhrender Pleonasmus bei einem, der nun endlich selbst in der roten Kiste saß.“

Im Jahr 2009, zum zwanzigsten Todestag, hatte der in Bern lehrende Germanist Simon Zumsteg bereits die inhaltlich und ästhetisch außergewöhnliche Ausstellung „Hermann Burger – Nachlass zu Todeszeiten“ im Zürcher Museum Strauhof kuratiert – inklusive Ferrari-Kotflügel.

Die chronologisch angelegte Gesamtausgabe versammelt erstmals fast sämtliche zu Lebzeiten veröffentlichte Texte Hermann Burgers in Form einer Leseausgabe. Entdeckerfreuden verheißen darüber hinaus die zahlreichen sorgsam ausgewählten „Parerga“, verstreute Texte im Umfeld der jeweiligen Hauptwerke. Editionen dieses Umfangs genießen heutzutage Seltenheitswert. Mit dieser philologischen Großtat befördert Nagel & Kimche lang vermisste Bücher wie „Die Künstliche Mutter“, späte Prosastücke wie „Der Schuss auf die Kanzel“ oder eine selbstironische Miniatur wie „Mein Abschied von Gastein: Eine Art Schachnovelle“ endlich wieder ans Licht der Öffentlichkeit, ist der ganze „Mann aus Wörtern“ auch im 21. Jahrhundert endlich wieder präsent.

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