Mit dem ganzen Körper schreiben

Lothar Müller lauscht der Vortragskunst von Goethe bis Kafka

Von SASCHA MICHEL

Wer sich als Literaturwissenschaftler nicht nur für Texte und Bücher, sondern auch für die "Stimmen, die das Buch umgeben", interessiert, muss sich längst nicht mehr den Vorwurf des Phonozentrismus gefallen lassen. Wer mit diesem Erkenntnisinteresse aber ausgerechnet die Goethezeit und Franz Kafka untersucht, sollte ein paar gute Argumente parat haben. Denn keine andere Epoche als die Goethezeit markiert den Siegeszug einer Schriftkultur, die allenfalls virtuelle, verinnerlichte Stimmen kennt. Und wenn es in der alphabetisierten Moderne noch Götter gibt, dann steht Kafka mit seinem unendlichen Schriftverkehr gewiss an erster Stelle.

Was Lothar Müllers Buch so sympathisch macht, ist die textkundige, unaufgeregte Korrektur dieser beiden Sichtweisen. Neben dem Siegeszug der Verschriftlichung nämlich, der die Stimme des Autors in der Imagination des lautlosen Lesers verschwinden ließ, gab es in der Goethezeit einen regelrechten Kult der deklamierenden Stimme. Dieser Kult, so Müller, war kein Rückfall in die Vormoderne, sondern ein Komplementärphänomen zur modernen Verschriftlichung: Die Vortragskunst, wie sie etwa in Goethes "Regeln für Schauspieler" entworfen wird, ist ganz und gar dem Buch verpflichtet, um das es geht. Emphatisches Lesen in der Stille steht nicht im Widerspruch dazu, sondern ist die Voraussetzung für nicht minder emphatisches Zuhören und Rezitieren.

Im frühen 20. Jahrhundert erlebt diese Kopplung von Stimme und Buch in einer ausdifferenzierten Vortragskunst ihre Blütezeit, während zugleich die Ära der akustischen Reproduktion beginnt. Franz Kafka, so Müllers zentrale These, ist der Kronzeuge dieser Übergangsphase.

Müllers Buch wimmelt von Zitat-Schätzen, die Kafkas leidenschaftliche Beziehung zur akustischen Dimension der Literatur verraten. Über Goethe zum Beispiel schreibt Kafka: "ich lese Sätze Goethes, als liefe ich mit ganzem Körper die Betonungen ab." Was Müllers Lektüren dabei zutage fördern, ist nicht nur Kafkas beeindruckendes Sensorium für Rhythmus und Klang, sondern auch ein überaus praktisches Analyse-Instrumentarium für die Beurteilung von Vorträgen und Rezitationen. Welche aufklärerischen Potentiale sich in Kafkas "akustischer Physiognomik" verbergen, zeigen seine Aufzeichnungen zum Prager Vortragszyklus von Rudolf Steiner im März 1911. An Steiners Verzicht auf die Akzentuierung von Satzenden entlarvt Kafka die gesamte "devotionelle" Stimmung der Vorträge, in denen "der nicht mehr gehaltene Satz unmittelbar mit ganzem Atem den Zuhörer" anweht.

Wie bei seiner Relektüre von Texten der Goethezeit geht es Müller auch bei Kafka vor allem darum, die Opposition von Stimme und Schrift aufzubrechen. Einem immer noch verbreiteten Mythos zufolge ist diese Opposition bei Kafka an den Vater-Sohn-Konflikt gekoppelt: Während Kafkas Vater mit seiner mächtigen Stimme die Welt mündlicher Rede okkupiert, flüchtet der Sohn in die stumme Welt der Texte. Dass dieses Bild nicht stimmt, macht Müller an zahlreichen Beispielen deutlich: Im Kreis der Geschwister etwa ist Kafkas Vortragsstimme höchst mächtig und präsent, und auch Felice Bauer versucht Kafka nicht allein durch seinen Briefverkehr an sich zu binden.

Über diesen privaten Bereich hinaus ist Müllers Buch dort am spannendsten, wo es sich dem Prager Literaturbetrieb widmet. Dabei geht es immer wieder um die "Wechselwirtschaft" von Stimme und öffentlichem Erfolg und um die Verflechtung von Rezitation und Produktion. Vor allem am Beispiel des proto-öffentlichen Literaturzirkels um Max Brod wird deutlich, wie wichtig die tatsächliche oder antizipierte Vortragssituation für Kafkas Textproduktion war.

Letztlich also geht es auch Müller in erster Linie um Kafkas Texte, auf die man mangels Tondokumenten angewiesen ist, wenn man seine Stimme rekonstruieren will. Und wenn man sich die historischen Beispiele von Josef Kainz bis Karl Kraus auf der beigefügten CD anhört, ist man, ehrlich gesagt, auch gar nicht so scharf auf die "echten" Stimmen, die Kafkas Bücher umgeben. Bei so viel Vibrato und rollendem "R" will man eigentlich nur eines: ganz leise und allein noch mehr von Müllers wunderbaren Kafka-Zitaten lesen.

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