Das ganze Leben danach

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Burkhard Spinnens Roman "Mehrkampf"

Am Anfang fallen Schüsse. Roland Farwick sackt zusammen, überlebt den Anschlag aber. Er ist nur leicht verletzt. Hat der Schütze ihn gar nicht tödlich treffen wollen? Und warum schießt überhaupt jemand auf den Ex-Weltrekordler im Zehnkampf?

Burkhard Spinnen hat für seinen Roman "Mehrkampf" das Genre des Krimis gewählt, in dessen Hauptfigur Roland Farwick unschwer der Leichtathlet Jürgen Hingsen zu erkennen ist, der nach mehreren Weltrekorden bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul gescheitet war. Beim 100-Meter-Lauf, der Eröffnungsdisziplin des Zehnkampfs, schied er nach drei Fehlstarts aus. Hingsens nervöses Zucken im falschen Moment ist bis heute ein Rätsel und Bestandteil der bundesrepublikanischen Sportmythologie. Der idealtypische Athlet, dessen Körper sogar vom betagten Nazi-Bildhauer Arno Breker in Bronze gegossen wurde, blieb in der öffentlichen Wahrnehmung vor allem mit seinem Versagen im Gedächtnis. Spinnen verwischt Hingsens Spuren nur schwach, indem er seine Romanfigur Farwick vier Jahre früher als Hingsen in Los Angeles beim Weitsprung scheitern lässt.

Gibt es den einen Augenblick?

Es dürfte Spinnen kaum darum gegangen sein, sein handwerkliches Können auch einmal in den Gattungen Krimi und Sportroman unter Beweis stellen zu wollen. Für sein intelligentes Spiel mit zwei Akteuren der so genannten 78er Generation geben sie allenfalls die Folie ab, auf der er seinen ambitionierten Versuch über das Scheitern und das fahrlässige oder bewusste Bleiben unter den eigenen Möglichkeiten abbildet. Gibt es den Augenblick im Leben, in dem man darüber entscheiden kann, ob man der sein will, der man war oder ein anderer werden will? Und wie geht man mit der Situation um, in der man sich eingestehen muss, dass das eigene Leben weniger spektakulär verlaufen ist, als man es sich ausgemalt hatte? Die nachträgliche Reflexion fällt nüchtern aus. Zehnkämpfer Farwick sieht sich als Fachmann für das, was noch kommt. "Ich bin ein Weltmeister im Weiterleben."

Burkhard Spinnen, Jahrgang 1956, beschreibt so genau wie kein anderer das Lebensgefühl seiner Generation, die vom großen Gefühl der Revolte noch gestreift, aber nicht mehr mitgerissen wurde. Das erklärt auch die Liebe der mittleren und späten 50er Jahrgänge zum Sport. Dort waren wenigstens ersatzweise, 1972 und 1974, emphatische Momente zu genießen.

Und so sind es die sparsam eingesetzten Gedankenspiele über Mittelmaß und Wahn, die Spinnens Roman zu einem intellektuellen Vergnügen machen. Der Zehnkämpfer, der so genannte König der Athleten, ist trotz seiner modellhaften Statur nur ein Experte des Mittelmaßes. In keiner Disziplin leistet er Außergewöhnliches. Das Herausragen in der einen könnte das Erreichen des Durchschnitts in der anderen gefährden. Seine Kunst besteht darin, alles gleichmäßig gut zu können. "Das Mittelmaß", resümiert Farwick, "war Weltrekord geworden. Und weil ich das endlich verstanden hatte, war ich ab jetzt der perfekte Zehnkämpfer."

Spinnens Roman ist ein Mehrkampf darstellerischer Formen. Sportgeschichte und kriminalistische Spurensuche münden in ein Strategiespiel mit U-Booten, das Farwick und der Kommissar über eine Online-Gemeinde spielen, ohne voneinander zu wissen. Der ermittelnde Kommissar heißt Ludger Grambach, der als Schüler ein Überflieger und begabter Sportler war und Farwicks Blackout von Los Angeles einst am Fernseher verfolgte. Die Suche nach dem Täter wird so auch zu einer Reise zurück in die frühen achtziger Jahre, als beiden Hauptpersonen noch eine verheißungsvolle Zukunft prognostiziert werden konnte, beide aber auch damit kokettierten, die Chancen ihres Lebens einfach verstreichen zu lassen.

Fürs Scheitern zuständig

In seinem Buch "Der schwarze Grat", einem dokumentarischen Bericht über einen fortwährend vom betrieblichen Scheitern bedrohten Unternehmer, hat Spinnen schon einmal bekannt, als Schriftsteller vor allem für das Scheitern zuständig zu sein. Auch diesmal geht es ihm nicht um ein punktuelles Versagen, das die Zukunft determiniert. In "Mehrkampf" wird kein tragisches Schicksal ausgelotet.

In gewöhnlichen Biografien gibt es nicht einmal ein verlässliches Maß dafür, was Lebenschancen sind und wann sie sich bieten. Spinnens Helden Farwick und Grambach sehen sich plötzlich mit der Erkenntnis konfrontiert, nicht mehr jung, aber auch noch nicht richtig alt zu sein. "Im Grunde eine Zeit, in der man nirgendwo mehr Unterschlupf findet", so eine Nebenperson.

Vielleicht ist das einer der Gründe dafür, warum beide in ein virtuelles Leben abtauchen und sich an immer perfekteren Computerdarstellungen fremder Spielwelten begeistern. Ebenso wenig wie "Mehrkampf" die Sportbiografie des Jürgen Hingsen nachzeichnet, ist die Geschichte ein Krimi. Spinnen hat sein Romanpersonal überzeichnet, als handelte es sich um Avatare des "Second Life". Spinnens Welt bietet jedoch nicht die Möglichkeit, sich in animierte Künstlichkeit zu flüchten.

Natürlich verrät der Roman einiges über Sport, und der Krimi hält am Ende auch eine überraschende Auflösung parat. Zuallererst ist "Mehrkampf" aber eine Parabel über das Vergehen von Zeit, die allmähliche wie zwangsläufige Desillusionierung von Größenphantasien und den Rest, der bleibt.

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