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„Die vielen Tode unseres Opas Jurek“: Matthias Nawrat ist ein schier perfekter Roman gelungen.
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„Die vielen Tode unseres Opas Jurek“: Matthias Nawrat ist ein schier perfekter Roman gelungen.

Matthias Nawrat „Die vielen Tode ...“

Die ganze Geschichte Polens

Der Schriftsteller Matthias Nawrat hat sich in seinem neuen Roman „Die vielen Tode unseres Opas Jurek“ unheimlich viel vorgenommen, und er löst tatsächlich alles, alles ein. Der Leser staunt und zieht den Hut.

Von Artur Becker

„Unternehmer“ hieß 2014 Matthias Nawrats zweiter Roman, der in der jüngeren deutschen Literatur für Furore gesorgt hat. Man lobte die Kunstfertigkeit seiner Sprache und die feine Ironie dieses begabten Autors, wobei stilistische Einflüsse von Robert Walser oder Thomas Bernhard unübersehbar waren.

Doch Nawrat, geboren 1979 im polnischen Opole, seit 1989 in Deutschland lebend, ist auch noch bei unseren östlichen Nachbarn in die Lehre gegangen: Bohumil Hrabal, Witold Gombrowicz, Stanislaw I. Witkiewicz und Bruno Schulz sind die Patronen dieser feinmaschigen Prosa, was auch sein neuer Roman „Die vielen Tode unseres Opas Jurek“ auf beeindruckende Weise bestätigt.

Speziell der Einfluss von Gombrowicz schimmert auf jeder Seite dieses zum einen angenehm sarkastischen, zum anderen von großer Empathie für die Makel des Menschen geprägten Buches durch. Man könnte also versucht sein zu denken: Dieser Autor sei ein progressiver Sprachkünstler, ein Ironiker, ein Liebhaber des Absurden und Grotesken, kurz gesagt: ein abgeklärtes Kind der Postmoderne.

Dabei ist Nawrat vor allem ein oberschlesisches Spätaussiedlerkind: Seine Familie gehörte in Polen zu den Tausenden Ausreisewilligen mit deutschen Wurzeln, die es noch geschafft haben, ihre Heimat kurz vor der Wende zu verlassen, um BRD-Bürger zu werden. An solch einer Biografie, die für die Ausreisewelle der Solidarnosc-Ära typisch ist, kann man auf den ersten Blick nichts Außergewöhnliches ausmachen: Nawrat kommt aber eben nicht nur aus der ehemaligen Volksrepublik Polen, sondern auch aus dem ehemaligen „Deutschen Osten“, dem mythischen „Pompeji“ im Osten (Karl Schlögel), und die Oder-Stadt Opole (Oppeln) verfügt heute über eine der größten deutschen Minderheiten in Polen.

Es ist also kein Wunder, dass der in Berlin lebende 36-jährige Autor sich dazu entschlossen hat, über seine vom Sozialismus und Katholizismus sowie von der schwierigen deutsch-polnischen Geschichte geprägte Heimat und Kindheitsstadt ein Sehnsuchtsbuch zu schreiben. Herausgekommen ist dabei ein geradezu klassischer Schelmenroman, der sich aber Großes vornimmt: nicht mehr und nicht weniger die ganze Geschichte Polens, vor allem die des 20. Jahrhunderts, am Beispiel eines gewissen Opas Jurek zu erzählen.

Ein bedenkliches Wagnis, doch nach der Lektüre stellt man verwundert fest, dass Nawrat nahezu Unmögliches gelungen ist, denn sein gewaltiges Vorhaben funktioniert, von der ersten bis zur letzten Seite dieses eleganten Buches ziemlich perfekt.

Anstürmen und abebben

Der Roman beginnt kurz nach der Wende in Opole mit dem Begräbnis des Opas Jurek, dem auch seine Enkelkinder beiwohnen – sie erzählen nämlich in Rückblenden die Geschichte ihres Opas und seines tragischen Lebens. In ihrem narrativen Tragödienchor springen sie dabei in der erzählten Zeit hin und her, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Es ist also nicht nur ein Schelmen-, sondern auch eine Art Kindheitsroman, der sich vor dem Leser episodenhaft ausbreitet und der von seiner durchrhythmisierten, wellenartig anstürmenden und wieder dezent abebbenden Sprache profitiert.

Opa Jurek kommt aus dem schönen Warschau der dreißiger Jahre, arbeitet dort in einer Zündkerzenfabrik und wird Zeuge der brutalen Besatzung durch die Nazis. Im KZ Auschwitz (Auschwitz I wohlgemerkt) entgeht der gutmütige, mit der Bauernschläue reichlich beschenkte Lebemann nur knapp dem Tod, auch deshalb, weil er einen holden Schutzengel hat, und so beginnt die Geschichte eines Überlebenskünstlers, der es immer wieder schafft, dem Tod buchstäblich von der Schippe zu springen bzw. der Weltgeschichte und ihrer Gleichgültigkeit dem einzelnen Individuum gegenüber zu entkommen.

Nach dem Krieg geht er in die sogenannten „Wiedergewonnenen Gebiete“, nach Opole also, und überlebt auch den Stalinismus, die blutig niedergeschlagenen Arbeiterproteste von 1970 und den Mauerfall mit wenigen Kratzern. Außerdem versteht er es, solche Berufe auszuüben, die ihn immer zum Trog führen, wo es zu essen, zu trinken und gute Geschichten zu hören gibt.

Er wird Direktor eines Warenhauses (wobei das im sozialistischen Polen magisch klingende Wort „Delikatessen“ im Roman manisch wiederholt wird wie ein Mantra), er kommt unter den Kommunisten ins Gefängnis, er wird Leiter einer Feriensiedlung, er handelt mit begehrten Waren, auch im benachbarten sozialistischen Ausland, um schließlich doch noch „den Löffel abzugeben“: krankheitsbedingt abgemagert auf 38 Kilo, aber bis zum Schluss voller Hoffnung auf Erlösung hier und jetzt, denn wenn einer lache, lache das ganze Land mit – so seine Lebensphilosophie.

Aber das große Thema dieses an die erzählerische Kühnheit von Knut Hamsun erinnernden Romans ist auch der Hunger: Hunger nach den in der Volksrepublik Polen stets knapp gewesenen Lebensmitteln, nach politischer Freiheit (der Vater des erzählenden Kinderpaars träumt von Kanada und schafft es lediglich, wenige Stockwerke des Warschauer Kulturpalasts hochzuklettern), Hunger nach Licht und Schönheit (während Opa Jurek im Gefängnis sitzt), nach erfüllter Liebe (die Oma verzeiht Opa Jurek seine Bonvivantkarriere).

Dieser allgegenwärtige Hunger nach einem erfüllten Leben ist der philosophische Dreh- und Angelpunkt des Romans, der nicht nur wegen seiner unterhaltsamen Geschichte über einen liebenswerten Kauz oder wegen seiner sensibel gestrickten Sprache lesenswert ist. Nur wenige Autoren treten, was die Liebkosung ihrer Figuren angeht, so vehement gegen den alltagstauglichen Nihilismus an und beschäftigen sich dabei mit der Frage nach Ursprung und Funktion des Bösen in unseren Biografien.

Und angesichts all dessen muss man Nawrat seinen manchmal etwas zu legeren Umgang mit den historischen Fakten und der kulturgeschichtlich bedingten Idiosynkrasie der Polen verzeihen, zumal der Ton die Musik macht: Kinder, vereint zu einem erzählenden Tragödienchor, dürfen und müssen sogar der Welt naiv begegnen, um sie überhaupt erst erzählbar zu machen. Und dieses Kunststück ist Nawrat ausgezeichnet gelungen: Long- und Shortlist hin oder her.

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