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Ganz schön wechselvoll

Hans Jörg Hennecke lässt das bisherige Leben der Berliner Republik Revue passieren

Von Rudolf Walther

Man erinnert sich an den Regierungswechsel vom Herbst 1998, als die rot-grüne Koalition zunächst noch in Bonn, ein Jahr später von Berlin aus das Land regierte. Der Anfang war stürmisch und chaotisch zugleich. Aufbruchstimmung und Modernisierungserwartungen beherrschten das Land. Es war die Geburtsstunde der "Berliner Republik", die Hans Jörg Hennecke - ihr Protokollant - lieber Die dritte Republik nennt.

Schnell stellte sich heraus, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Das "Bündnis für Arbeit", das die Beziehungen der Sozialpartner und die Grundlagen der Sozialversicherungssysteme reorganisieren sollte, kam nicht voran. Das Zuwanderungsgesetz scheiterte. Die CDU verpasste der rot-grünen Koalition im Schulterschluss mit der Springer-Presse eine herbe Niederlage mit der "Doppel-Pass-Kampagne": Im roten Hessen übernahm am 7.Februar 1999 Roland Koch von der CDU die Regierung. Oskar Lafontaine warf das Handtuch. Weitere Wahlniederlagen im Saarland, in Thüringen und in Brandenburg ließen die Umfragewerte für die in Berlin Regierenden in den Keller stürzen.

Hennecke zitiert die skeptische Frage der amerikanischen Historikerin Barbara Tuchman: "Sollte... man über Geschichte schon schreiben, während sie noch qualmt?" Aber der Autor nimmt die Frage weder methodisch noch sachlich ernst, sondern erzählt munter drauflos. Seine Quellenbasis umfasst etwa das, was gestern in den Zeitungen stand oder in anderen Medien gesendet wurde. Man könnte derlei "Zeitgeschichte light" nennen. In der gewundenen Diktion des Rostocker Politikwissenschaftlers Hennecke heißt das Unternehmen "erstmalige Beschreibung und Vermessung der öffentlichen Geschichte als einem unbekannten Gelände". "Öffentliche Geschichte?" - das steht einfach für die veröffentlichten Berichte und Meinungen, also keineswegs für ein "unbekanntes", sondern jedem Zeitungsleser und Medienkonsumenten bestens vertrautes Gelände. Das Resultat von Henneckes Bemühungen ist ein auf 400 Seiten ausgedehntes Megareferat über Leitartikel - mit allen Risiken und Nebenwirkungen, die dieses Genre mit sich bringt.

Henneckes Rede von "der Scheu, die Ereignisse frühzeitig in einer zeithistorischen Perspektive zu erfassen", ist bloße Camouflage für das hoffnungslos unterkomplexe Unternehmen, Zeitgeschichte allein aus Zeitungsartikeln zu rekonstruieren. Ein analytischer Zugriff ist kaum zu erkennen. So spricht der Autor einmal auf fünf Zeilen von "Regierungswechsel", "Ortswechsel", "Rollenwechsel der Parteien" und "Generationswechsel", aber was die vielen Wechsel miteinander verbindet und was diese bewirkt haben, bleibt völlig unklar. Dafür bietet das Buch - genretypisch - eine äußerst reichhaltige Blütenlese von Leitartikelphrasen und schiefen Metaphern. Nur einige Beispiele: Guy Debord und die Seinen werden sich freuen über die Bezeichnung von Schröder als "instinktsicheren Situationisten". Bei Hennecke werden "Handlungsfelder mit Bindungswirkung für künftige Generationen" gestaltet. "Die großen Projekte der Regierung" bleiben "nüchtern und diesseitig"; wenn bei Hennecke schließlich "die Diesseitigkeit des Regierungsalltags durch moralische Gebärden" kompensiert wird, drängt sich der Schluss auf, dass man diese Sprache frei nach Maurice Merleau-Ponty nicht erfinden kann, sondern - sozusagen als Leitartikel-Textbaustein einprogrammiert - in seinem Hirn mit sich herumtragen muss.

Ausgesprochen eng ist der historische Horizont des Buches. So meint Hennecke, die "Normalisierung" der Vergangenheit habe unter der Ägide von Gerhard Schröders Lockerungsübungen (ein Holocaust-Denkmal, mit dem man sich "auch wohl fühlen kann") begonnen oder mit Michael Naumann, der in der Regierung für "die geistige Dimension des Politischen" zuständig war. Die "geistig-moralische Wende" (Helmut Kohl) und damit die "Normalisierung" der Vergangenheit leiteten ganz Andere ein. 1993 beschwor Hermann Lübbe, eine Schlüsselfigur des Neokonservatismus, in seiner Rede zum 50. Jahrestag der Machtübergabe an Hitler "das Beschweigen der Vergangenheit" in der Nachkriegszeit als Voraussetzung für deren "Normalisierung" im Zeichen von Kohls "Wende".

Über viele von Henneckes Wertungen kann man selbstverständlich geteilter Meinung sein. Aber eher lächerlich wirkt es, wenn er der Regierung ernsthaft empfiehlt, sich ihre Rezepte aus einem Aufsatz des Marktradikalen Wilhelm Röpke von 1958 zu besorgen. Der polemisierte damals im Namen von "Selbstverantwortung" und "Selbstvorsorge" gegen jede "staatliche Zwangsvorsorge" und "Zwangsfürsorge". Schlichter geht es nicht.

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