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Ganz ohne Schutzengel

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Von: Arno Widmann

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Regisseur Christoph Schlingensief hat ein Tagebuch über seine Krebserkrankung veröffentlicht.
Regisseur Christoph Schlingensief hat ein Tagebuch über seine Krebserkrankung veröffentlicht. © ddp

Alles ist konventionell im Tagebuch von Christoph Schlingensief: kein überraschendes Wort, kein neuer Gedanke. Nur eines rettet es vor gähnentreibender Langeweile: die Geschwindigkeit. Von Arno Widmann

Christoph Schlingensief ist eine Quasselstrippe. Das Tagebuch seiner Krebserkrankung "So schön wie hier kanns im Himmel nicht sein" ist ein echter Schlingensief. Was ihm durch den Kopf geht, liegt gleich auf der Zunge und auch das nur für einen winzigen Augenblick, denn es muss raus. Es ist die Prosa eines Zappelphilipp, der nicht stillhalten kann, um etwas ruhig zu betrachten.

Er kann nicht innehalten, etwas auf sich wirken lassen. Er hat keine Zeit die Dinge in die Hand zu nehmen, sich mit ihnen anzufreunden, keine Zeit, sie zu umkreisen, ihnen näher zu kommen. Er ist immer unterwegs. Seine Sätze fassen nicht zusammen, sie halten einen Eindruck fest. Nicht einmal das.

Schlingensief verweilt so kurz, dass es kaum zu Eindrücken kommt. Es sind Einfälle, die er fixiert. Nein, er fixiert sie nicht. Er gibt sie wieder. So nah an der Geschwindigkeit der Echtzeit wie das nur möglich ist. Darum hat er das Buch auch nicht geschrieben, sondern diktiert. Nein, natürlich hat er es nicht diktiert, sondern gesprochen.Vor sich hin in ein Gerät hinein.

Wer das verblüffende Adjektiv, das am Ende des Satzes schockierend frische Verb liebt, der wird dieses Buch kaum lesen können. Alles ist konventionell in ihm: kein überraschendes Wort, kein Gedanke, der nicht schon hundertmal gedacht wurde. Nur eines rettet Schlingensiefs Buch vor gähnentreibender Langeweile: die Geschwindigkeit. Die Geschwindigkeit, die ja verhindert, dass sich etwas ab- oder gar festsetzen kann, ist der Hauptfeind der Konvention. So entsteht aus trivialen Teilstücken etwas, das gerade dadurch der Trivialität entflieht.

Das ist die Technik eines Genies der Flucht. Eines Künstlers aber auch, der davon ausgeht, dass, wenn er nur alles rauslässt, etwas Interessantes dabei sein wird, und sei es nur die Durchlässigkeit der eigenen Existenz. Der Verzicht auf die die Gedankenflut eindämmenden Kontrollinstanzen seitens des Autors rückt den Leser in die Rolle des Psychoanalytikers, der aus dem angelieferten Assoziationsschlamm sich die seinen Lehrbüchern entsprechenden oder die ihnen widersprechenden Rosinen heraussucht. Christoph Schlingensief hat die Freiheit der freien Assoziation, weil er in dem Bewusstsein lebt, Schutzengel zu haben, die ihn über die eigenen Abgründe und die der anderen auf leichten Schwingen hinwegtragen, kurz bevor es ernst wird.

"So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!" ist zu großen Teilen eine Auseinandersetzung mit diesen Schutzengeln. Die Diagnose Krebs hat deren Existenz in Frage gestellt. Wie er sich nicht vorstellen kann, dass der gekreuzigte Christus wirklich gesagt haben soll "Mein Gott, warum hast Du mich verlassen", so wenig kann er sich vorstellen, dass er verlassen wird. Er kann es sich nicht vorstellen, weil das - lange vor dem Tod - das Ende des Christoph Schlingensief wäre. Ein Christoph Schlingensief, der sein Selbst pflegen, der sich in Acht nehmen müsste, einer, der kontrollieren müsste, was ihm passiert, statt sich ihm überlassen zu dürfen, wäre nicht mehr Christoph Schlingensief.

Im "Tagebuch einer Krebserkrankung" propagiert er mal die Abkehr von Gott- und Weltvertrauen, mal trennt er die beiden, mal kokettiert er damit, den Krebs anzunehmen. Immer wieder verdammt er diesen Gedanken. Sein Körper zwingt ihn zur Entschleunigung. Er kann nur langsam gehen. Das ist schrecklich, aber es verändert ihn nicht. Solange die Assoziationen in der gewohnten Geschwindigkeit durch seinen Kopf jagen, fühlt er sich - trotz der Schrecken des Krebses - bei sich. Die Vorstellung aber, der Tumor könne auch seinen Kopf erreichen, erschüttert ihn wirklich.

Er spricht davon, dass jeder von uns eine Schwelle in sich habe, die er nicht überschreiten dürfe. Wenn er es täte, reagiere der Körper mit Krebs. Wagners Parsifal, das Erlebnis Bayreuth - "ein Fascho-Laden" -, war die Schwelle über die er nicht hätte gehen dürfen. Aber er sagt auch: "Kein Papa oder sonst wer, nein, es ist kein anderer, auch kein Objekt, ich bin es selbst gewesen, der diesen dunklen Kanal geöffnet hat. Ich habe ein Tor geöffnet, das ich niemals hätte öffnen dürfen. Und ich habe es jetzt dafür ganz schön dicke bekommen. Jetzt weiß ich, dass ich das Tor zu lassen muss." Das Tor, hinter dem ästhetisch geliebäugelt wird mit dem Tod, mit der Todessehnsucht, mit dem Verlangen nach Auflösung des Ich.

Christoph Schlingensief: So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein! Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009, 255 Seiten, 18,95 Euro.

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