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Der Band „Schwarze Schwäne“ vereint Erzählungen, die mit einer Ausnahme, zwischen 1927 und 1939 geschrieben wurden.
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Der Band „Schwarze Schwäne“ vereint Erzählungen, die mit einer Ausnahme, zwischen 1927 und 1939 geschrieben wurden.

Erzählungen

Gaito Gasdanow: „Schwarze Schwäne“ – Im Heer der schlaflosen Emigranten

  • VonJürgen Verdofsky
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„Schwarze Schwäne“: Ausgewählte Erzählungen von Gaito Gasdanow.

Auf der spiralförmigen Bahn seines Erzählens hängt Gaito Gasdanow wie an einem Faden der Ariadne über dem Labyrinth seiner Ursprünge und das mitten im brodelnden Paris. Geboren 1903 in Petersburg, geborgene Kindheit in russischer Provinz, halsbrecherische Jugend im Bürgerkrieg, ruhmlose Zeit der Reife in der Emigration. Von der Schulbank mit 16 zur Weißen Armee, Kriegsgräuel vor erfüllter Liebe. In den Abgrund geblickt, das „Nichtsein“ erlebt.

Als 20-Jähriger schlägt er sich nach Paris durch, der Zuflucht vieler. Geschlagene und Entwurzelte einer Revolution. Gasdanow kämpft in diesem Heer der schlaflosen Emigranten ums Überleben. Sein Schreiben ist dem prekären Alltag abgerungen, ein langer Weg, bis er aus dem Kreis des „Russischen Montparnasse“ einer jungen Exilgeneration treten kann und als russischer Großerzähler erkannt wird. Ein größeres Publikum entdeckt ihn erst lange nach seinem Tod 1971.

Die Tolstoianer der deutschen Slavistik haben Jahrzehnte nicht nur an seinen Exilausgaben vorbeigelesen, sondern auch an einem Schriftsteller, der zehn Jahre in München lebte. Mit dem Roman „Das Phantom des Alexander Wolf“ setzte die Gasdanow-Rezeption in Deutschland besonders spät ein, allerdings mit Folgen. Auf die Nabokov-Welle trifft eine Gasdanow-Strömung. Fünf seiner neun Romane sind ins Deutsche übersetzt. Jetzt hat Rosemarie Tietze, vertraut mit dem Gesamtwerk, neun von fünfzig Erzählungen ausgewählt und übersetzt. Beides überzeugt.

Gaito Gasdanow in den zwanziger Jahren in Paris.

Der Band „Schwarze Schwäne“ vereint Erzählungen, die mit einer Ausnahme, zwischen 1927 und 1939 geschrieben wurden. Gasdanow gewinnt im Überblenden des Unvereinbaren, mit konsequenter Legendenzerstörung und einer die Erzähl-Episoden verbindenden Wirklichkeit früh an Höhe. Mit Formstrenge, besonders durch Dosierung von Szene und Sprache, zügelt er große Gefühle. Sein unerbittlicher Bezug auf Geschichte und Einzelfügung kann unbewegliche Gewissheiten aufbrechen. Nie postuliert er die Vorherrschaft seiner humanen Vernunft, sie ist einfach da, aber ohne Beschwichtigungen.

Die letzten Dinge der Titelerzählung sind nicht ohne Ausblick, aber Schwarzschwäne bleiben entfernt wie Australien. Ein junger Russe wird im Bois de Boulogne tot aufgefunden, wie er es angekündigt hatte. „Das Leben hier ist schwer und uninteressant.“ Neben elfstündiger Fabrikarbeit einen Abschluss an der Sorbonne zu machen, ist schwer, aber auch uninteressant? Hier bestätigt sich ein bis zum Verschwinden reifer Überdruss eines Dostojewski-Spötters, der gleichwohl an Fürst Myschkin gemahnt.

Das Buch

Gaito Gasdanow: Schwarze Schwäne. Erzählungen. A. d. Russ. v. Rosemarie Tietze. Hanser Verlag, München 2021. 271 S., 24 Euro.

Der Ich-Erzähler versucht sich an der Gegenrede zur lächelnden Lebensmüdigkeit und scheitert an souveräner Entschlossenheit, da ist einer über jede Illusionsgeborgenheit hinaus. Dieselbe entschiedene Willenskraft hätte in anderer Situation Großes vollbracht. Stirbt man so, dann für nichts.

In der Erzählung „Genossin Brack“ lauert ein anderer Tod, unendlich gespeist vom Bürgerkrieg. Drei Freunde zogen aus dem Wohlgefallen der Tatjana Brack viel zu weit gehende Schlüsse. Man kann sie zwar vor falschen Liebhabern bewahren, aber nicht vor der Wirkung eines Anarchisten. Sie wird von den Roten Garden hingerichtet, der Anarchist von den Weißen. Tatjana lebte in der falschen Zeit, gehört aber zu den Frauen, „die imstande seien, eine Epoche zu verkörpern“. Allein Tatjanas schwarze Silhouette auf kräftigem Schnee bleibt als erlösendes Bild einer lastenden Vergangenheit.

Das „Knirschen des Schnees während unseren letzten Winters in Russland“ gibt auch der Erzählung „Hannah“ affektive Färbung, dem literarischen Glanzstück des Bandes. Zur Vertrautheit zweier Vierzehnjähriger auf dem Schulweg gehörte der Anblick von Häftlingen in Ketten. Die Revolution reißt sie auseinander, sie verfehlen sich im Exil. Aus dem rothaarige Mädchen Hannah wird eine berühmte Sängerin, deren Weg bis nach New York führt.

Dem Erzähler in Paris bleibt die Phantomliebe, die „zärtliche Beschränktheit“ eines Briefwechsels. Bei einer Begegnung erkennen sie, es gibt eine deutliche Grenze zwischen imaginierter Liebe und der Realität. Zur Rettung gehört die Trennung, um zusammen bleiben zu können.

In dem Stück „Die Befreiung“ hat sich ein Ingenieur durch eine geniale Erfindung aus dem Elend des Exils befreit. Geld verändert sein Leben und das Verhalten der anderen. Er will Glück „spenden“ und blickt in einen Revolver aus eben dieser Richtung. Die altruistische Idee gleitet blitzschnell in ein Verbrechen. „Der nächtliche Gefährte“ ist dagegen eine sehr französische Geschichte. Ein vom Leben entlasteter Politiker, neunzigjährig, mit den Zügen des ehemaligen Premiers Clemenceau, in dem Majakowski noch einen der Hauptfeinde der Sowjetmacht sah, hat den Wunsch, sich von der Liebe seines Lebens zu verabschieden. Für dieses Inkognito an der Côte d’Azur wählt er als Fahrer einen jungen Russen, Zufallsbekanntschaft nächtlicher Spaziergänge. Das Gespräch über die Femme fatale des mächtigen Mannes, seinen „leichten Schatten“, ist ein Kabinettstück.

Anders „Eine Seelenmesse“: 1942 treten im hungrigen Paris russische Emigranten aus dem Halbdunkel ihrer Armut und machen mit den deutschen Besatzern Geschäfte. Als einer der ihren stirbt, wird aus der verbindenden Kraft des orthodoxen Chorals nicht nur russische Heimat, alle singen, als wüssten sie um ihre Schuld. Diese Geschichte hat der Résistance-Mann Gasdanow geschrieben, als er längst für Radio Liberty arbeitete.

Die Geräumigkeit dieses Erzählens erschöpft sich nicht im historischen Grundieren. Es sind die zerrissenen Lebensgeschichten, die die kanonisierte Geschichtsstille bis zu den letzten Dingen aufbrechen. Vergleiche mit Bunin und Nabokov, wieder andere mit Céline oder Camus verwundern nicht, führen aber nicht weit. Für Gasdanow gilt Singularität. Ein genialischer Außenseiter. Weiter zu entdecken.

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