Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Der Innenhof der deutschen Botschaft in Prag im September 1989.
+
Der Innenhof der deutschen Botschaft in Prag im September 1989.

Grit Poppe

Der Gärtner war der Botschafter

  • VonCornelia Geissler
    schließen

Grit Poppe trifft in Berlin ihre literarische Figur von 1989.

Das Umfeld ist so seltsam, dass man die Sensation erst gar nicht bemerkt. Da sitzt eine Autorin auf der Bühne und neben ihr ihre literarische Figur. Die Zuhörer müssen sich erst einmal sortieren. Der Weg in die Tschechische Botschaft an der Wilhelmstraße in Berlin, in diesen wuchtigen, dunkel verglasten Bau aus den Siebzigerjahren, fühlt sich an wie eine Zeitreise. Dass es hier sogar nach Osten riecht, muss eine Täuschung sein. Im Saal richten sich die Blicke zunächst auf die dicke Holzverkleidung und das grobe rote Muster darauf.

Alles wirkt authentisch

Es geht auch um eine Zeitreise an diesem Mittwochabend. Grit Poppe stellt ihr Buch „Abgehauen“ vor, das im Jahr 1989 spielt. Die Hauptfigur, die 16-jährige Gonzo, ist eine fiktive Person, gleichwohl einigen Lesern vertraut. Sie ist bereits in Poppes atemraubenden Roman „Weggesperrt“ Insassin des Geschlossenen Jugendwerkhofs Torgau, einer realen gefängnisartigen Erziehungsanstalt zu Zeiten der DDR. Im neuen Buch gelingt Gonzo die Flucht aus dem Jugendwerkhof. Sie landet schließlich in der Botschaft der Bundesrepublik in Prag inmitten Tausender anderer Flüchtlinge. Dort sieht sie einen Mann, der Sträucher ausgräbt und verpflanzt, um Platz für neue Zelte im Garten des gediegenen Palais Lobkowitz zu schaffen. Sie hält ihn für den Gärtner; es ist aber der Botschafter.

Nun sitzt der mit der Autorin vorn, ein freundlicher Herr von 82 Jahren, und er möchte wissen, ob Poppe mit „Abgehauen“ ihre Autobiografie geschrieben habe – alles wirke so authentisch. Die Autorin war weder im Jugendwerkhof noch ist sie über die Prager Botschaft in den Westen geflohen. Die 48-Jährige ist die Tochter des Bürgerrechtlers Gerd Poppe und engagierte sich selbst in der Bewegung Demokratie Jetzt. Ihre literarische Figur Gonzo schickte sie nach Prag, um ihr eine Perspektive zu geben. Was sie weiß über die Botschaftsflüchtlinge und literarisch gestaltete, weiß sie aus den Fernsehberichten von damals (der ZDF-Korrespondent Joachim Jauer saß mit im Publikum) und durch ausführliche Gespräche mit Zeitzeugen. Die schilderten ihr auch Hermann Huber, den (west-)deutschen Botschafter, als einen umtriebigen Mann, der immer ansprechbar war. Sie sagt: „Es war merkwürdig, als ich Sie jetzt zum ersten Mal traf. Mir war, als würde ich Sie schon lange kennen.“

Warten auf Genscher

Poppe erzählt vom Gedränge im Palais und im Garten, vom Anstehen am Klo, vom Warten auf Genscher. Huber kann das mit seinen Erinnerungen ergänzen. Es seien ja immer einzelne Flüchtlinge in die Botschaft gekommen, denen habe er mit Pässen helfen können. Doch im August kam der Strom. „Da habe ich gleich zehn Hauszelte angefordert.“ Eines wurde zum Schulzelt umfunktioniert. „Meine Frau ist nach Weiden in der Oberpfalz gefahren und hat Schultüten für die Erstklässler besorgt.“ Und in das Krankenzimmer, in dem ein Arzt aus der DDR leichte Fälle behandeln konnte, sei er selbst oft zum Blutdruckmessen gegangen. „Ich wollte ihm zeigen, dass ich Vertrauen habe.“ So lange das Wetter gut war, habe sich alles ertragen lassen. Aber die Schlammwüste nach dem Regen!

Auch Huber kann plastisch erzählen. Warum Grit Poppe nun wirklich über Torgau und Prag geschrieben habe, fragt er noch einmal. „Ich wollte wissen, was meine Kinder in der Schule über die DDR erfahren. Die kommt aber im Unterricht fast gar nicht vor. Also dachte ich, schreibe ich mal ein Buch darüber.“ Der Verlag empfiehlt „Weggesperrt“ und „Abgehauen“ ab 14 Jahren. Nach oben braucht man das Lesealter nicht zu begrenzen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare