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Gabriele von Arnim. Foto: Ralf Hiemisch
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Gabriele von Arnim.

Leben nach dem Schlaganfall

Gabriele von Arnim: „Das Leben ist ein vorübergehender Zustand“ – Oh, wie man ihn liebt, den Betrug!

  • VonCornelia Geißler
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Von zehn Jahren an der Seite ihres vom Schlaganfall gezeichneten Mannes erzählt Gabriele von Arnim: „Das Leben ist ein vorübergehender Zustand“.

Es war nicht idyllisch, erklärt Gabriele von Arnim früh in ihrem Buch. „Er war nicht das Schaf und ich nicht die liebliche Hirtin. Er hat gewütet. Ich habe gefaucht.“ Zwei Schlaganfälle hat ihr Mann hinter sich, Lungenentzündungen, Thrombosen und Dekubitus, doch war er noch am Leben, zehn Jahre lang. Das wissen die Leserinnen und Leser da schon. Sie haben sich gefasst gemacht darauf, dass ein langsames Ende erzählt wird. Allerdings gibt es Trost und Schönheit hier auch.

„Das Leben ist ein vorübergehender Zustand“ heißt das Buch sachlich. Was Leben sein kann, buchstabiert die Autorin auf verschiedene Weisen durch: die aufbegehrende Glut im Todkranken, die Rolle von Liebe, Freundschaft und Mitleid. In einer Zeit, da Krankenpflege als Nothilfe in den Blick gerückt ist, erzählt eine pflegende Angehörige vom Alltag im Extremen. Sie schreibt, wie sie in ihren Tagebüchern zwar Finsternis und Angst findet, doch ebenso „Kraft und Zartheit, Leises, Beglückendes“.

Ihr Buch ist ein gelungenes literarisches Zwitterwesen aus autobiografischem und essayistischem Erzählen. Auch in der Wiedergabe des Erlebten will sie auf eine tiefere gedankliche Ebene kommen, sie bezieht Lektüre ein, ob Rachel Cusk, Arno Gruen oder David Grossman. Die Nähe zu anderen Autorinnen, Autoren zu suchen, ist ihr offenbar ein kraftspendender Weg, um zu sich und von sich selbst weg zu kommen.

Gabriele von Arnim, 1946 in Hamburg geboren, ist Journalistin, Autorin mehrerer Bücher, langjährige Teilnehmerin einer Literatursendung des Schweizer Fernsehens. Ihr Mann stand noch mehr als sie in der Öffentlichkeit, war viel gefragt, viel unterwegs. Gabriele von Arnim schreibt, dass ihre Beziehung gerade an einem Punkt war, da sie ihn verlassen wollte, als der Anruf aus der Charité kam: ein Zusammenbruch. In der Klinik erfuhr sie die Diagnose Schlaganfall. Sie schildert, wie ihm die Worte nur noch gequetscht aus dem Mund kommen; wie sein Gesichtsfeld so zerstört ist, dass er nur noch Überschriften lesen kann, nie mehr ganze Texte; wie er auf Pflegebett und Rollstuhl angewiesen bleibt. „Wie ist es, mit wachem Geist hinter Mauern zu sein?“ Sie lässt die Wohnung umbauen, engagiert eine Pflegerin, kann selbst nur noch in kleinen Einheiten arbeiten.

Die Wendung „die Hoffnung stirbt zuletzt“ nennt sie fatal. „Denn war sie nicht von Anfang an eine Chimäre, ein verlogen tänzelnder Betrug? Aber wie man ihn liebt, diesen Betrug, wie willig man sich blenden lässt von der Hoffnung, dieser Wirklichkeitsfälscherin.“ Unser Gehirn sei ein erstaunlicher Muskel, könne an anderer Stelle kompensieren, was ihm an der einen genommen wurde, wird Schlaganfallpatienten stets erklärt. Gute Beispiele gibt es dafür. Es ist die Hoffnung, das zeigen Gabriele von Arnims Notizen von einzelnen Tagen genauso wie von Monate währenden Phasen, die beide so weit getragen hat.

Das Buch

Gabriele von Arnim: Das Leben ist ein vorübergehender Zustand. Rowohlt, Hamburg 2021. 240 S., 22 Euro.

Die Liebe und das Aushalten

Und die Liebe. Kaum war er zu Hause, habe er ihr jeden Abend „mit seiner heiser verzerrten Stimme“ zugerufen, dass er sie liebe. Die Autorin, die angekündigt hatte, keine Idylle zu beschreiben, analysiert auch das: Dieser Mann, der stets auf seiner Unabhängigkeit beharrte, könne die Abhängigkeit, in die er nun geworfen war, offenbar „nur mit Liebe erdulden“. Sie schaut auf sich an dieser Stelle in dritter Person: „Sie wünscht sich die Zeit gewiss nicht zurück. Aber sie ist doch dankbar dafür, sie gelebt und überstanden zu haben.“

Das Buch handelt von Würde, vom Aushalten des Unzumutbaren, von Menschlichkeit im Zwischenmenschlichen. Mit der Formulierung „Krankheit und Einsamkeit sind wie Münze und Magnet“ umschreibt die Autorin etwas, was Depressive, Krebskranke, Schwerbehinderte und auch deren Angehörige oft erleben: die Unsicherheit und Angst der anderen. Er möchte doch gewiss so nicht gesehen werden, mutmaßt jemand in einem Brief. Auf den Hinweis, er würde sich über Besuch freuen, kommt dann keine Antwort. Ich wollte nicht aufdringlich sein, sagt eine, die wegblieb, nach seinem Tod.

Ein einst enger Freund des Kranken lädt zu seinem runden Geburtstag ein, sie erkundigt sich, wie man mit dem Rollstuhl hinkomme. „,Wir haben dich eingeladen‘, schreibt er zurück.“

Doch holt die Erzählerin das Leben ins Haus, veranstaltet Essen für Gäste, dolmetscht die schwer verständlichen Sätze ihres Mannes. Und dann kommen alte Vertraute und neue Bekannte, die ihm vorlesen, aus Zeitungen, Romanen, Sachbüchern. Gabriele von Arnim erinnert an das nigerianische Sprichwort, nach dem es ein ganzes Dorf brauche, um ein Kind zu erziehen: Auch, um einen Kranken zu pflegen, brauche es eine Umgebung. Sie hatte enge Freundinnen, die bei ihr zu Hause Wache hielten, wenn sie mal kurz wegfuhr oder nur in ein Café ging. Und es gab das Netz von 17 Vorleserinnen und Vorlesern.

Jeder Mensch liest ein Buch auf seine Weise. „Das Leben ist ein vorübergehender Zustand“ fordert heraus, lässt sich nicht ohne Anteilnahme aufnehmen. Vielleicht erschweren persönliche Erlebnisse den Zugang. Vielleicht erleichtern eigene Erfahrungen mit Krankheit und Tod ihn gerade. Wie auch immer: Mit ihrer Art der Annäherung an das beschädigte Leben und ihrer Reflektion darüber legt Gabriele von Arnim für viele einen Faden aus, der eng an dieses besondere Buch bindet.

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