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Gabriele Riedle „In Dschungeln. In Wüsten. Im Krieg.“: Der blinde Löwe im Zoo von Kabul

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Von: Claus-Jürgen Göpfert

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Marjan, der versehrte Löwe, hat im Kabuler Zoo eine Statue erhalten.
Marjan, der versehrte Löwe, hat im Kabuler Zoo eine Statue erhalten. © afp

Ein furioses Buch der Kriegsreporterin Gabriele Riedle, Abrechnung, Satire und Liebesgeschichte.

Der Krieg rückt uns näher, Tag für Tag. Und gerät immer konkreter. Seine Opfer leben schon unter uns, zu Hunderttausenden. Von ihnen ist mehr zu erfahren als aus klugen Leitartikeln. Ein anderer Weg ist das Buch von Gabriele Riedle zu lesen, Jahrzehnte Reporterin an mörderischen Brennpunkten, von Kabul über Tripolis, von Lagos bis Liberia. Ein weibliches „war horse“, wie sie das selbst nennt, das sich am Ende nur noch humpelnd dahinschleppt, mit schmerzenden Knien. Nicht ganz so berühmt wie Pete Arnett, „the ultimate war horse“. Sie erinnern sich, der Mann, der auf dem Dach des Hotels in Bagdad die farbenprächtigen Einschläge der US-Bomben so wunderbar schilderte und die roten und gelben Blitze der irakischen Luftabwehr, „there is anti-aircraft gunfire going into the sky“.

Gabriele Riedle also, mittlerweile 64 Jahre alt, hat „eine Art Abenteuerroman“ geschrieben, so der Untertitel. „In Dschungeln. In Wüsten. Im Krieg.“ ist ein atemloser sprachlicher Parforceritt. Eine Abrechnung auch, eine große Satire sowieso. Und eine Liebesgeschichte, die unvollendet bleibt, tragisch endet. Neben den Kriegsschauplätzen gibt es andere Hauptdarsteller. „Der Chefredakteur“, der namenlos bleibt, in Hamburg sitzt, Designerstühle und passende Schreibtische sammelt, seine Kriegsreporter immer wieder loshetzt. Es geht um Bilder, Bilder, Bilder und natürlich Stories, positiv müssen sie sein, von Aufbruch erzählen, nicht von Tod und Verwesung. Es gibt Bedingungen: „Unbedingt Geschichten über Frauen, die retten die Auflage!“ Und Voraussetzungen: „Ohne Preise keine Reise!“

Das meinen auch die, die in Wahrheit das Heft in der Hand halten: „Die Hamburger Eisenten“, die Leiterinnen der Anzeigenabteilung. Sie übernehmen am Ende das Kommando, doch davon später. Riedle also zieht los, immer wieder: „Wir wussten, dass wir irgendwann enden würden, ungünstigenfalles in unserem Blut und günstigenfalles auf dem Arbeitsamt.“ Vor jeder Reise studiert sie die 173. Auflage des Diercke-Weltatlasses von 1973, in dem die Welt noch in Ordnung ist, „das N-Wort“ noch gebraucht wird.

Die Taliban übernehmen zum ersten Mal die Macht in Afghanistan, also findet sich die Reporterin im Mustafa-Hotel in Kabul wieder, als einzige Frau mit zwei Dutzend „war horses“ und dem „ultimate war horse“ Arnett, der als erstes wieder aufs Dach steigt, um von dort zu berichten.

Sie zeigen sich gegenseitig ihre Narben, die langjährige Geo-Reporterin Riedle hat „einen weit herausstehenden Knöchel mit sieben Nägeln“ zu bieten. Der Chefredakteur fährt total ab auf die Story des letzten blinden, abgemagerten Löwen im Zoo von Kabul: „Sogar noch besser als Geschichten über Helden, der blinde Löwe als Zeitzeuge im Land der einäugigen Mullahs.“ Riedle recherchiert, dass die Taliban-Führer, bei denen offiziell Bild-Verbot herrscht, sich heimlich in einem Fotostudio in Kabul fotografieren lassen. Sie schickt die Bilder nach Hamburg, der begeisterte Chefredakteur plant eine Ausstellung mit tollem Katalog, doch als sich in der Hamburger Gesellschaft herumspricht, dass da Fotos gottloser Mörder gezeigt werden sollen, landet der Chefredakteur „fast selbst in Guantanamo“.

Das Buch:

Gabriele Riedle: In Dschungeln. In Wüsten. Im Krieg. Eine Art Abenteuerroman. Die andere Bibliothek, Berlin 2022. 264 S., 24 Euro.

So rast das Buch dahin, von Schauplatz zu Schauplatz. Als die Reporterin in Neuguinea vom Kampf der Ureinwohner gegen die skrupellose Holzindustrie berichten will, sieht der Chefredakteur schon einen Film „mit Jamie Foxx als barfüßigem Anführer im Dschungel“. Nur eines solle die Journalistin endlich lassen: „Das penetrante Herumreiten auf dem globalen Kapitalismus als Ursache allen Übels.“ Riedle rechnet in ihrem furiosen Text mit vielem ab. In Nigeria mit den sogenannten „Afropolitains“, den afrikanischen Autorinnen und Autoren mit ihren „unzähligen Romanen und Essays“, die in Lagos einen Zweitwohnsitz haben, vorwiegend aber in London und New York leben.

Die „war horses“ des internationalen Journalismus versuchen, sich von allen überwölbenden Bekenntnissen zu distanzieren: „Wir, wir glaubten an gar nichts.“ Doch dann organisiert der Chefredakteur in New York ein Treffen mit Tim, dem vielfach ausgezeichneten Fotografen. Die beiden sollen künftig gemeinsam losziehen. Und plötzlich ist Liebe im Spiel, obwohl das Wort nie ausgesprochen wird. Und es bei einem scheuen Kuss „auf den Hals“ bleibt. Doch der „schönste aller Männer“ ist ein weiterer Hauptdarsteller des Buches. Eines Abends in Liberia laden die beiden sich ein, „für einen kurzen Moment auch die Winkel in unserem Innersten zu betreten, aber nur kurz, nur ganz kurz, denn auch dort wohnten lauter Drachen und Löwen“.

Tim ist der britische Fotograf und Kriegsberichterstatter Tim Hetherington. Er stirbt am 20. April 2011 auf dem Marktplatz der lybischen Stadt Misrata im „Streufeuer“ feindlicher Milizen. Er ist gerade einmal 40 Jahre alt. Der Chefredakteur organisiert eine Totenmesse in der St. Patricks Cathedral in Manhattan „wie für einen dritten ermordeten Kennedy“. Riedle aber pflanzt für ihren toten Freund ganz alleine eine Duftrose in einem Schrebergarten in Pankow.

Am Ende zerfallen alle Strukturen im unerbittlichen kapitalistischen Wettbewerb. Der Chefredakteur wird abgelöst, die Eisenten aus der Anzeigenabteilung bestimmen jetzt. In der Wirklichkeit setzte die Sparwelle bei Gruner+Jahr, die auch Riedle den Arbeitsplatz kostete, 2014 ein. Sie beklagte sich damals in einem Offenen Brief an die Vorstandsvorsitzende Julia Jäkel bitter über den Umgang mit ihr und anderen langjährigen Beschäftigten. Es half nichts.

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