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Gabriela Adamesteanu.
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Gabriela Adamesteanu.

Rumänien

Gabriela Adamesteanu: „Das Provisorium der Liebe“ – Sozialismus, Tag und Nacht

  • Norbert Mappes-Niediek
    VonNorbert Mappes-Niediek
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„Das Provisorium der Liebe“: Gabriela Adamesteanus so lapidares wie ehrliches „Soziopsychogramm“ der Ceausescu-Ära.

Rumänien in den 70er Jahren: Sorin und Letitia sind ... ja, was? Verliebt? Liiert? Jedenfalls treffen sie sich oft heimlich in der leeren Wohnung eines Freundes, um miteinander zu schlafen. Eine schöne Liebesgeschichte ist es nicht; die Nächte sind in Bukarest nicht viel anders als die Tage. Sorin ist Verlagslektor, Letitia Schriftstellerin. Tagsüber arbeiten sie, der selbstgewisse, aber auch scheue Sorin und die sensible Letitia, beide im Scintea-Palast, dort, wo die Partei ihre Intellektuellen zusammenfasste.

Das „Gebäude“, wie es im Roman heißt, teilt jedem, der hier sitzt, seinen Wert zu, den politischen wie den persönlichen. Auf den langen Fluren des Hochhauses, das von ferne aussieht wie eine gigantische Hochzeitstorte, versammelt sich ein Panoptikum der rumänischen Gesellschaft: die, die aufsteigen, und die, die absteigen, die Angepassten, die sich ducken, und die Widerständigen, die sich ein wenig Selbstachtung bewahren wollen. Alle belauern, umschmeicheln, beäugen einander. Jeder weiß vom anderen irgendetwas, das er weitererzählt oder auch für sich behält, bis er es einmal gewinnbringend einsetzen kann.

Eigentlich ist es nicht wirklich eine Gesellschaft, was da im Roman beschrieben wird – eher eine riesige Behörde mit einer förmlichen und einer informellen Hierarchie. Was an anderen Arbeitsstellen Büroklatsch ist, entscheidet hier, im Totalitarismus der Ceausescu-Ära, über Existenzen und Karrieren, über Gefängnis oder Emigration, zuweilen über Leben und Tod. Ein Privatleben gibt es nicht, immer steht der ganze Mensch zur Disposition.

Die Securitate, die gefürchtete Geheimpolizei, ist dem System, das sie stützt, nicht weniger unterworfen als alle anderen. Die „Securisten“ können vielleicht mehr anrichten, leben dafür aber auch gefährlicher – wie Ludovic, dem, seit es zwischen Bukarest und Moskau knistert, „seine russische Frau schwer auf der Akte liegt“. Natürlich lässt er sich scheiden. Letitia ist verheiratet mit Petru, einem Uni-Lektor, und auch ihre Ehe gehorcht exakt den Konjunkturschwankungen der hohen Politik.

Das Buch

Gabriela Adamesteanu: Das Provisorium der Liebe. Roman. A. d. Rumän. v. Eva Ruth Wemme. Aufbau, Berlin 2021. 480 S., 26 Euro.

Sie müssen sehr aufpassen

Weder die Familie noch die Liebesbeziehung entkommt der politischen Logik. Im schmalen Bildungsbürgertum der rumänischen Hauptstadt sind die Familien, spätestens wenn man ein paar Jahrzehnte zurückgeht, auf irgendeine – meist schwierige – Art miteinander verbunden. Das gilt auch für Sorin und Letitia. Obwohl sie der „glücklichen Generation“ angehören, die dem Krieg und den Massenerschießungen entgangen ist, müssen auch sie aufpassen, dass ihre Akte nicht „befleckt“ ist.

In der Elterngeneration hat jeder Verwandte, die sich vor dem Krieg den „Legionären“ zurechneten, der faschistischen Garde. Letitia entdeckt eines Tages, dass ihr geliebter Onkel zur „Legion des Erzengels Michael“ gehörte. Bei Sorin, der als Baby adoptiert wurde, verstärkt sich der Verdacht, dass sein leiblicher Vater ein Kriegsverbrecher war. Bei einem „Kadergespräch“ muss er feststellen, dass sein Gegenüber über seine eigene Herkunft mehr weiß als er selbst.

Letitia entgeht mit ihrer Beziehung zum rätselhaften Sorin dem allgegenwärtigen Machtgeflecht nicht. Aber weder prallt sie mit dem System zusammen, noch lässt sie sich ganz von ihm zurichten. So sehr ihre Träume und ihre Liebe, sogar ihre Sexualität auch von den Umständen geformt sind, bleibt sie doch ein ganzer Mensch. Die heute 79-jährige Gabriela Adamesteanu hat ihre Letitia schon in den Siebzigern geschaffen, damals als Hauptfigur eines traurigen Romans über die „ewig gleichen Tage“ in ihrem Land. 2010, zwanzig Jahre nach dem Ende der Diktatur, kam sie auf Letitia zurück.

„Das Provisorium der Liebe“ ist ein genaues, nie plakatives „Soziopsychogramm“ des rumänischen Sozialismus, so wie es etwa Christoph Hein für die DDR gelungen ist. Im Hintergrund treten einige Gestalten der Zeitgeschichte auf, aber keine Jahreszahlen und keine verschlüsselten Figuren lenken ab vom Fokus auf den Alltag. Adamesteanu, die sich selbst auch politisch, als Bürgerrechtlerin, engagierte und in den Neunzigerjahren auch wichtige journalistische Texte geschrieben hat, bewältigt den Spagat zwischen großer Politik und intimer Beziehung so selbstverständlich, dass einem die Leistung gar nicht auffällt. Es ist ein kleines Leben, das sie zeichnet, in kurzen, unspektakulären Szenen, banalen Gesprächen, Streitereien und Reflexionen, die nie so tief gehen, dass sie Letitia aus der Bahn werfen könnte.

Wer einen ehrlichen Blick zurück auf den „realen Sozialismus“ werfen will, wird die Lektüre nicht bereuen – auch wenn man, um den Roman zu genießen, von Rumänien vielleicht schon eine gewisse Vorstellung haben sollte.

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