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Herr des Zettelkastens: Arno Schmidt, hier um 1955.

Briefwechsel

Futter für Edelmenschen und die Rotte

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Der umfangreiche Briefwechsel zwischen Arno Schmidt und Hans Wollschläger.

Im Jahre 1959 war Arno Schmidt 45 Jahre alt und hatte beim Schreiben längst die Nachwelt im Sinn. Am 15. Februar schrieb er an Hans Wollschläger: “ ... das wird ohnehin mal ein schwermütiger Spaß werden, wenn unsere Correspondenz (wie es ja gar nicht ausbleiben kann) gedruckt erscheint, und die bewußten ‚Edelmenschen‘ dann, bestürzt die Querhand vor der Stirn, ihr Porträt & das ihres Wirkens ratlos aus (dann wahrscheinlich schon ziemlich schadhaft gewordenen) ‚Knopflöchern‘ bestarrten.“

Hans Wollschläger war um die Zeit gerade 24 Jahre alt und durch und durch damit beschäftigt, seinen Platz in der Welt der Texte, Redakteure, Verlage und knappen Honorare zu suchen, auszubauen und zu verteidigen. Ein guter Teil des jetzt erschienenen Briefwechsels der beiden Autoren ist dem leidend- oder mürrisch-sprachmächtigen Austausch über lästige und mühselige Phänomene des Literaten-Alltags gewidmet.

Als literarisches Medium oder Quelle für philologische Studien haben Briefwechsel mittlerweile weitgehend ausgedient; schon die Verbreitung des Telefons in deutschen Haushalten seit den 1950-er Jahren hat Zahl und Qualität aussagekräftiger persönlicher Briefwechsel schrumpfen lassen. Der Briefwechsel zwischen Wollschläger und Schmidt nimmt sich hier fast aus wie ein trotziges Hinauszögern alter Zeiten und Gepflogenheiten. Wobei die alten Zeiten den beiden keineswegs gut gesinnt waren, wie die ständige Thematisierung von materiellen Aspekten ihrer Existenz zeigt, die den gesamten Briefwechsels wie ein Bordunton grundiert.

Es ist ein umfangreiches Konvolut, das sich da ausbreitet. In den ersten Jahren ist der beiderseitige Output umfangreich und intensiv. Zwischen den Briefzeilen lugt eine durchaus vertikale Beziehung heraus, die sich in Nuancen, aber nicht grundsätzlich ändert. Noch am 1. Juli 1964 schreibt Wollschläger: „ich werde mich schwer hüten, ein Büchlein auch nur zu planen, mit dem ich unmittelbar neben Ihnen bestehen müßte“. Wollschläger ist im großen und ganzen beherzt und ehrfurchtsvoll zugleich, Schmidt scheint in ihm einen jüngeren und formbaren Seelenverwandten zu sehen. Er ermutigt ihn, gibt Tipps, greift ihm mit Vermittlungsversuchen bei Rundfunk und Verlagen unter die Arme und ist bestrebt, ihm die eigene sprachvirtuose Schnodderigkeit als Lebensgrundlage zu vermitteln. Mehrfach und dauerhaft setzt er sich für Wollschlägers Opus Magnum ein.

Allerdings sind Unterstützungsgesten und Nutzen der „Correspondenz“ keineswegs einseitig. Wollschläger, der zunächst beim Bamberger Karl-May-Verlag (einer seinerzeit vergleichsweise geist- und skrupellosen Bestsellervermarktungsanstalt) beschäftigt ist, hat die Möglichkeit, Schmidt mit allerlei Informationen, Büchern und Unterlagen auszuhelfen, die der für seine vielschichtigen Arbeiten über Karl May brauchen kann.

Und das ist an diesem Briefwechsel das wirklich Anstrengende: dass es zwischen Wollschläger und Schmidt jahrelang ständig und eingeweiht-detailverliebt um Karl May geht, so dass zumindest Schmidts „Sitara“ und Wollschlägers Karl-May-Biografie als Lektürevoraussetzung für den Briefwechsel gelten können. Später geht es, aus gegebenem Anlass, auch um Edgar Allen Poe. Der Briefwechsel ist eben auch das Arbeitsjournal zweier Text- und Gehirntiere.

Nebenher erfährt man unvermeidlich manches Persönliche und Private: Umzüge, wichtige Anschaffungen (neue Schreibmaschine, Fotoapparat), Besuche („die Drews’sche Rotte“), gesundheitliche Momentaufnahmen, Kommentare zu Zeitgenossen („LeckToren=Vieh“, „alle Verleger sind Schufte“), Reisen, aktuelle Luftdruckwerte („1014 fallend“) und so fort.

Ein sehr umsichtig und materialreich, aber nicht ausufernd zusammengestellter Apparat von Anmerkungen, ausgewählte Tagebuch-Einträge und ergänzende Besuchs-Protokolle unterlegen dem Austausch eine parallele Ebene von Informationen, die zuweilen helle Seitenlichter auf die Briefe werfen. So weitet sich der Briefwechsel, über den Arbeitsjournal-Charakter hinaus, zu einer biografischen Textcollage über mehrere Erzählebenen und mit einer kaum ausschöpfbaren Menge von Subtexten.

Markant ist die allmähliche stilistische Annäherung Wollschlägers an Schmidt. Während anfänglich bei Wollschläger noch eine nicht unelegante, gut gehobelte, nicht sehr eigensinnig gestaltete Sprache vorherrscht, wird bald eine immer stärkere Beeinflussung durch Schmidts spezielle Art der semantischen Verdichtungs- und Interpunktions-Eigenarten deutlich. Zugleich sind in Schmidts Stil Verfeinerungen, Zuspitzungen und Radikalisierungen erkennbar, die sich auch in seiner parallelen literarischen Produktion finden. Wollschläger vollzieht das mit; eine umgekehrte Beeinflussung ist nicht auszumachen.

Zehn Jahre dauert es, bis der Austausch zu versickern beginnt. Schmidts Antworten werden in der zweiten Hälfte der Sechziger kürzer und rarer – entweder ist sein Interesse erloschen oder die Arbeit an „Zettels Traum“ duldet keine Nebentexte mehr. Auf einen auf den 18. Januar 1971 (Schmidts 57. Geburtstag) datierten Brief Wollschlägers antwortet Schmidt lapidar mit einer handgeschriebenen Postkarte, auf der nichts steht als „Dank & Gruß Arno Schmidt“. Das ist sein letzter, sagen wir des Kontextes halber: Brief.

Wollschlägers mehr als anderthalb Jahre später geschriebener letzter Brief an Schmidt enthält, außer Zeugnissen einer intensiven Trauerarbeit über die verlorene Freundschaft („Die Echolosigkeit zu begreifen, ging durchaus nicht über meine Möglichkeiten! Sie ohne Einspruch gut zu finden, hätte Gewaltmaßnahmen gegen meine inzwischen etwas gewachsenen Einsichten erfordert“) auch einen behutsamen Vatermord in Gestalt eines Kommentar zu „Zettels Traum“: „ZT: bei der ersten Lektüre geballte Fäuste und knirschende Zähne; jedem Anderen hätte ich die Gefolgschaft über die Seite 100 hinaus aufgesagt.“

Hans Wollschläger tauscht in den folgenden Jahren noch Briefe und Lebenszeichen mit Alice Schmidt; auch dieser Briefwechsel ist in dem Band enthalten und wird ergänzt durch Tagebuchauszüge, durch Besuchsprotokolle und durch Notizen und unter anderem ein (notwendiges) Glossar zu Karl May: Material aus dem reichen Fundus der Arno-Schmidt-Stiftung zu einer Biografie, auf die ein paar Edelmenschen der Nachwelt weiterhin warten.

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