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Demonstration an den Ständen rechter Verlage auf der Buchmesse

"Charta 17"

Fußnote im Kulturkampf

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Die "Charta 17", die sich jetzt über die Frankfurter Buchmesse beschwert, gehört zur geistigen Revolte von rechts. Mit dabei: der Dresdener Schriftsteller Uwe Tellkamp.

In einer Zeit, in der digitale Unterschriftenlisten im Minutentakt auf den Weg gebracht werden, muss man schon etwas drauflegen, wenn man wahrgenommen werden will. Und so kokettiert der Name Charta 17 ganz gezielt mit den hohen Weihen der Dissidenz. Die Unterzeichner der Charta 77 hatten 1977 gemeinsam mit Vaclav Hável, Jiri Hájek und anderen die tschechoslowakische Bürgerrechtsbewegung ins Leben gerufen, die offen gegen das kommunistische Regime opponierte. Die Charta 77 war ein wichtiges politisches Signal auf dem Weg zur historischen Wende 1989.

Die Charta 17 führt eine Beschwerde mit Blick auf die Tumulte an den Ständen rechter Verlage während der Frankfurter Buchmesse, wo eine Diskussion nicht stattfand. Eine Woche später drehte die gegen die Willkür auf der Frankfurter Buchmesse gerichtete Charta 17 dann aber auf. Gesinnungskorridor, ideologische Einflussnahme. Unsere Gesellschaft sei nicht mehr weit von einer Gesinnungsdiktatur entfernt. Dabei hatten der Börsenverein des Deutschen Buchhandels und die Buchmesse wiederholt die Präsenz der rechten Verlage auf der Messe verteidigt. Man kann natürlich fragen, ob es seitens der Messeleitung klug war, sogleich zu Kundgebungen gegen die unliebsamen Messeteilnehmer aufzurufen.

Punktgewinn im Skandalisierungswettbewerb

Aber es geht schon nicht mehr darum, ob man sich in zwei Wochen der Charta und ihrer Unterzeichner erinnert. Sie ist eine Fußnote in einem Kulturkampf, in dem es nicht länger um Argument und intellektuelle Leidenschaft geht, sondern um strategische Punktgewinne im politischen Skandalisierungswettbewerb.

Die Zahl der Mitspieler nimmt zu, und alte Bekannte tauchen wieder auf. Der Dresdener Schriftsteller Uwe Tellkamp, der 2008 in Frankfurt den Deutschen Buchpreis für seinen Roman „Der Turm“ gewann und jetzt zu den Erstunterzeichnern der Charta 17 gehört, ist berühmt für seine kontrollierte ideologische Triebabfuhr, und die Autoren Ulrich Schacht und Heimo Schwilk haben bereits Erfahrungen im Manifestationsgewerbe gesammelt. „Die selbstbewusste Nation“ hieß der 1994 von Schwilk und Schacht herausgegebene Band, der als Versuch angesehen werden kann, den Boden für eine neue Rechte zu bestellen.

Inzwischen gibt es neuen Dünger für das weite politische Feld. Waren die Autoren der „selbstbewussten Nation“ überwiegend damit befasst, die deutsche Verantwortung für den Holocaust zu relativieren, so soll das Selbstbewusstsein nun aus einer vergifteten Identitätspolitik hervorgehen. Die Texte wechseln, die Charta ist nur Folklore, das politische Ziel aber ist eine geistige Revolte von rechts.

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