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Fußball ist unser Streben, Fußballbücher sind unser Leben

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Von: Christian Thomas

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Der Ball ruht. Eine Szene aus dem russischen Nowgorod am vergangenen Wochenende.
Der Ball ruht. Eine Szene aus dem russischen Nowgorod am vergangenen Wochenende. © rtr

Es gibt Gründe, dass in diesen Tagen die ruhelose Beschäftigung mit dem runden Leder darniederliegt. Also muss sich der Fan nach Alternativen umsehen.

Bücher sind erlaubt.  Sogar WM-Bücher, und sie sind, im Unterschied zum WM-Fernsehen, geradezu erwünscht. Wo doch der bisher glühende Fußballfreund zum gramgebeugten WM-Abstinenzler geworden ist. Ist er ein Boykottierender? Ach, was für ein großes Wort! Gewiss ist allerdings, dass durch das angelehnte Oberlicht die WM-Fernsehstimme aus den Stuben der Nachbarschaft wie eine Radiostimme rumort. Was ist jetzt wieder? Getöse, Gejauchze sogar. Womöglich ein Tor? Ja, es hat geklingelt, ganz klar!

Und jetzt? Was für ein Glück, dass dem Nicht-TV-Zuschauer, weil er sich den laufenden Fernsehbildern aus dem WM-Land Russland verweigert, immerhin die Fußballbücher nicht abhandengekommen sind.

Die WM-Bücher? In diesen Tagen solche Fußballbücher, die bereits zum Anpfiff der WM vorlagen – vollkommen im Unterschied zu den klassischen WM-Büchern, den Klassikern im Weihnachtsgeschäft. Denn wohl wahr, keine Fußball-Jugend ohne ein WM-Buch, und die Jugenderinnerung reicht immerhin über ein halbes Jahrhundert zurück. Die Autoren der Bücher hießen 1966 Huberty oder Wange, Göck oder Buchspieß, später auch Grube, eine unvergessene Truppe. „Deutschlands Elf, die Sensation in Mexiko“, war 1970 so ein denkwürdiger Titel. 1974 traten dann als Autoren sogar Trainer an, und wenn es sich bei den WM-Büchern um alles andere als weltmeisterliche Bücher handelte, dann auch deshalb, weil sie Dokumente deutsch durchexerzierter Tugenden waren, überhaupt keine Frage.

Und doch, wie viele Jahre hat der Fußballfreund mit diesen Büchern gelebt, schon der Knabe war ein positiv Verrückter - also den WM-Geschichten verfallen, und noch der Jugendliche saugte sagenhafte Bildlegenden auf. Ein wenig anders gesagt: Viele Jahre hat der Fußballfreund an das gedruckte Wort und das gezeigte Bild geglaubt. Der Fan konnte das Buch beiseitelegen, ja, er vermochte es sogar in den Keller zu tragen, wenig feierlich. Doch eines Tages war das Buch wieder da – es hatte irgendwie die Initiative ergriffen, ziemlich feierlich. Bewegt von der Rückkehr (dem Comeback) zeigte sich der Fußballfreund, im Grunde überwältigt. 1:0 für das Buch. Bei dem Zwischenstand (knappen Vorsprung) ist es nie geblieben.

Weite Wege auch für das Fußballbuch seitdem. Und das hat zweifellos mit einer Erkenntnis zu tun, die der spanische Fußballer Xabi Alonso, auch er ein Fußballweltmeister, so formuliert: „Wie sehr sich der Fußball verändert hat! Er ist komplizierter geworden – und schöner.“ Ein Satz, den der Fußballfachmann Christoph Biermann bereits vorab zitiert, als Motto, gleichsam im Vorfeld zu seinem Buch „Matchplan. Die neue Fußball-Matrix“ (Kiepenheuer & Witsch). Wobei wohl ein weiterer Schlüsselsatz der ist, dass der Fußball vom Zufall regiert wird, so dass „gar nicht so selten die bessere Mannschaft verliert. Darin unterscheidet Fußball sich von allen anderen Ballsportarten“. 

Das würde jeder Fußballer glatt unterschreiben. Prinzip Zufall, nicht dass im Fußball alles von ihm abhinge, im Gegenteil, denn das Spielfeld ist ein Betätigungsfeld für Strategen und Tüftler. Und dass es auch so etwas wie ein Schlachtfeld ist, weiß man, wenn man das Buch von Tobias Escher liest: „Die Zeit der Strategen“ (rororo). Ein Schlachtfeld? Ok, in einem metaphorischen Sinne. Aber nur das? 

Es geht auf jeden Fall darum, ein Feld zu beherrschen. Escher hat eine erste Elf aufgestellt, mit dem irgendwie immer mürrischen Mourinho und dem immer irgendwie gentilen Guardiola, mit Löw, dem Fuchs, mit Klopp, dem Löwen, mit Tuchel und Zidane, dem dreifachen Champions-League-Triumphator, mit dem unfassbar jungen Nagelsmann oder mit 4-2-4-Peter-Bosz, der in Dortmund, nach einem grandiosen Auftakt, scheiterte. Kein Zufall, die fulminante Bosz-Offensive war binnen zwölf Wochen ein durchschautes System. System? So schnell kann’s mit dessen Abstieg gehn.

Wie immens der Zufall waltet, kann man ermessen, wenn auch Escher schreibt: „Möglichst wenig soll dem Zufall überlassen werden.“ Und wenn das nicht schon kompliziert genug wäre, zur Komplexität des Fußballs gehört, so Biermann, „dass Leistung und Ergebnis weniger eng miteinander im Fußball verbunden sind als beim Basketball oder Handball.“ 

Komplexitätsreduzierung, das ist eine der kompliziertesten Aufgaben der Fußballtrainer und ihrer immer größeren Trainer- und Spezialistenstäbe, die längst eine schier unglaubliche Menge an Daten zusammentragen, darunter nicht nur die Laufwege des Gegners und die Laktatwerte der eigenen Mannschaft. Die digitale Revolution hat den Fußball verändert. Die digitale Revolution verändert das Strategiespiel, und auch wenn das nicht nur eine gute Nachricht ist, so hat sie den Fußball doch attraktiver gemacht. 

Das seit geraumer Zeit am meisten Erfolg versprechende Rezept, das Risiko zu minimieren, besteht darin, Überzahlsituationen herzustellen. Davon, vom ballorientierten Verschieben, vom liquiden Fußball – also auch von der „tiefsitzenden Antipathie bei vielen Fußballfans gegen den geplanten Fußball“ erzählen Biermann oder Escher bis ins kleinste Detail. Ihre Bücher sind eine Fundgrube, wie sehr der Fußball, diese strukturell konservative Bastion, durch das geplante Spiel verbessert geworden ist. 

Ballorientiertes Verteidigen anstelle tumber Manndeckung entwickelte sich in den 1990er Jahren zu einem Erfolgsmodell, das den Kickern Beine machte. Aber sprach nicht der in der Bundesliga erfolgreiche Österreicher Ernst Happel schon Anfang der 80er Jahre von Raumdeckung? Aber was half’s, wenn sich die deutsche Elf 1982 und 1986 durch die WM stocherte, 1996 gar zum Europameister durchwurschtelte, abtörnend. 

Der entscheidende Kulturwandel, den der deutsche Fußball seit dem Tiefpunkt, 2002, erlebte, war die Kultivierung, eine in der Tat sagenhafte Zivilisierung der technischen und taktischen Fähigkeiten deutscher Kicker. Raffinesse statt Rumpelfußball. (Um hier ganz kurz eine All-Star-Elf der größten Begabungen der letzten 15 Jahre aufzustellen: Neuer – Boateng, Hummels, Metzelder – Lahm, Ballack, Kroos, Schweinsteiger – Özil, Götze – Podolski. 

Der Kulturwandel im Fußball ist ein großes Thema in den Fußballbüchern. Biermanns Analyse des Kulturwandels ist die Geschichte der Unruhestifter und Regelverletzer. Die Regelbrecher hießen, massenhaft vergessen, Wolfgang Frank oder Uwe Rapolder, sie alle standen auf den Schultern des Freiburgers Volker Finke, den kennt man noch. Den Abschluss (den Torschuss) auf keinen Fall außerhalb des Strafraums suchen! Welcher Welttrainer hat das später nicht durchexerziert, der Spanier Del Bosque, Weltmeister werdend. Der Deutsche Jogi Löw, Weltmeister werdend. Wenn Jürgen Kaube in seinem immens durchdachten „Lob des Fußballs“ (C.H. Beck) schreibt, es gebe „keine privilegierten Zonen für den Abschluss“, dann kann man bei Christoph Biermann nachlesen, wie sehr das nicht stimmt. Es stimmt strategisch nicht, der Ball soll ins Tor getragen werden. Es stimmt statistisch nicht, der Ball wurde ins Tor getragen. Aber muss das so sein?

Nein! Jürgen Klopp, einer der Pioniere der bedingungslosen Offensive hat dagegen opponiert, und wie! Auch der Meister der Flexibilisierung der taktischen Konzepte bei Einhaltung eines Matchplans, Thomas Tuchel. Soweit die gute alte Bundesliga, die an dem Tag keine rückständige Liga mehr war, als Borussia Dortmund und Bayern München 2013 zum Champions League-Endspiel im Londoner Wembley Stadion aufliefen, unvergessen. Die Bayern unter Jupp Heynckes gewannen – die englischen Sportzeitungen am nächsten Tag feierten Klopps furiosen Fußball als dessen Zukunft.

Das ständige Doppelpassspiel - anspruchsvoll und einschläfernd

Erstaunlich, dass ein Trainer wie Jupp Heynckes, im höchsten Traineralter noch einmal so etwas wie ein Überflieger sogar bei den Bayern und der Übervater eines älteren Teams, in den Fachbüchern unter ferner liefen rangiert. Das mag für voreingenommene Leser (Fans!) wahrscheinlich nicht so eingeplant gewesen sein. Aber da im Fußball alles möglich ist, muss man sich damit abfinden.

Als dann Pep Guardiola die Münchner Bayern übernahm, hatte er bereits in Barcelona das Gegenpressing perfektioniert. Kein Zurückziehen nach Ballverlust in eine verteidigende Ordnung, vielmehr Unterbinden der gegnerischen Offensivanstrengungen bereits in dessen eigenen Hälfte. Unterbinden ist natürlich sehr höflich gesagt; fußballkompatibel gesagt geht es um abwürgen. Was lange schwer lesbar war, haben die Plauderföten unter den Fußballkommentatoren heute vollends durchschaut: „hoch stehen“. Spätestens seit der Saison 2009/2010 war das kein Geheimnis mehr. Dazu ein ständiges Doppelpassspiel, technisch hochanspruchsvoll, aber auch zum Einschlafen, manchmal.

Fußball ist unser Leben. Um das zu sagen, braucht man keine Bücher, natürlich nicht. Denn ja, wie auch im wahren Leben sonst, geht es im Fußball um zwei Lebenskonzepte („Philosophien“, so die philosophieferne Branche Fußball) – jedenfalls entweder um das Reformieren oder aber das Kultivieren. Als ein Kultobjekt ersten Ranges ist der Fußball extrem traditionsorientiert. Jede Reform wird mit Misstrauen betrachtet, jede Revolution erst recht, man denke nur an die Einführung des Videobeweises. Oder auch der Videoanalyse, die in der Bundesliga professionell erstmals bei Borussia Dortmund in den 1990er Jahren zum Einsatz kam. Die Mannschaft von Otmar Hitzfeld und seines Assistenten, des angeblichen „Videoten“ Michael Henke, wurde zweimal Deutscher Meister, erreichte mehrmals europäische Endspiele, wurde 1997 Champions League- und Weltpokalsieger. 

Im fußballerischen Expertenwissen artikuliert sich ein fundamentaler Populismus – man denke nur an die Häme gegenüber den sogenannten Laptoptrainern. Immer dann, wenn sich das Kultobjekt als besonders reformunwillig zeigt, werden Ressentiments kultiviert. Das Kultobjekt Fußball ist strukturell reformunwillig. Das hat auch mit zu tun, dass dieses so ungemein einfache Spiel zugleich so ungeheuer komplex ist. Mit jeder Reform scheinen noch mehr Unübersichtlichkeit und Überforderung zu drohen. Ja, Fußball hat sehr viel vom Leben. Er lebt keine friedliche Koexistenz vor, manchmal vielleicht eine unbeschwerte, eine fröhliche, häufig eine anstrengende Koexistenz von Widersprüchen und Rhythmuswechseln. Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt. Weil Fußball unser Leben ist, ist es gut so, wenn es so lange wie möglich auch so bleibt. Verweile doch! Aber es bleibt nicht so wie früher. 

Verweildauer wäre hier das Stichwort, Biermann spricht, wie jeder Fußballfachmann, von „Ballkontaktzeiten“. Während es 2005 noch 2,8 Sekunden dauerte, bis ein Spieler den Ball angenommen und weitergeleitet hatte, wurde er 2010 von Löw in der Nationalelf auf durchschnittlich – sage und schreibe – 1,1 Sekunden gedrückt. Ja, nur so geht’s.

Einer von Kaube herrlich hingeschlenzter Satz lautet: „Es geht im Fußball, paradox aus der Sicht älterer Kampfspiele, immer stärker darum, den Ball abzugeben, um ihn zu behalten“ – das heißt, den Ball durch die eigenen Reihen zirkulieren zu lassen. Man muss Kaubes „Lob des Fußballs“ unbedingt ernst nehmen, in der Theorie und in der Praxis sowieso. Wo doch mancher Rumpelfußballer rasch den Überblick verliert, ob als Bierdeckel-Detari, Bolzplatz-Prinz oder Ostparkkönig, fummelnd mit sich selbst beschäftigt, den Ball bebrütend, nein, das ist nicht Fußball.

Ein Relikt ist es aber schon. Es ist die Reminiszenz an die 1970er Jahre, an denen das Fußballherz vieler Fußballnostalgiker hängt, als der Ballkontaktwert noch bei durchschnittlich einer halben Ewigkeit lag – insofern hat sich auch das verändert, was den Fußball nicht zuletzt ausmacht, „die Dehnung des Augenblicks, die Weitung der Zeit“, so Kaube. Der Mensch vergisst die Lebensuhr, obwohl die Fußballuhr unerbittlich runterläuft. Das ist gemeint, wenn Kaube schreibt: „Die Zeit hängt nicht mehr tückisch über dem Menschen.“

Man kann den Fußball also nicht genug loben, denn er meint es gut mit den Menschen, seinen Akteuren ebenso wie mit seinen Aktivisten, den Zuschauern. Dass diese menschliche Betätigung nur einigermaßen zu begreifen ist, wenn man sie in ihrer Komplexität anzuerkennen bereit ist, kann man vielleicht daran ermessen, dass die extrem verkürzte Verweildauer des Balles an einem Fußballerfuß mit einem veränderten Raumbewusstsein im Kopf des Fußballers zu tun hat. Seinem Verständnis für Positionsspiel und Ballorientierung. Die Räume eng machen – so banal wie genial. 

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