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"Die Flüsterer"

Furcht ein ganzes Leben lang

Orlando Figes hat ein wichtiges Buch über die Geschichte des sowjetischen Alltags vorgelegt.

Von RUDOLF WALTHER

Seit der Öffnung der ehemals sowjetischen Archive fehlt es nicht an präzisen Analysen des Gulag und des übrigen stalinistischen Terrorapparats. Über das Leben in den Lagern weiß man seit den siebziger Jahren Bescheid, als die Bücher Alexander Solschenizyns erschienen. So gut wie nichts weiß man jedoch über das Privat- und Familienleben und die psychische Verfassung jener, die Lager und Verbannung überlebten und ihr Zusammenleben mit jenen, die mit dem Regime kollaboriert hatten und weiterhin kollaborierten. Und das waren sehr viele.

Der britische Historiker Orlando Figes, der jetzt die erste umfangreiche und quellengestützte Untersuchung zum Privat- und Familienleben von ehemaligen Opfern und ihren Angehörigen sowie Kollaborateuren in der Zeit der stalinistischen Diktatur vorlegt, sichtete Hunderte von Familienarchiven und stützte sich auf ein Netzwerk von Helfern aus der Gruppe "Memorial", die Tausende von Interviews mit Überlebenden führten. Der Autor verdichtete diesen riesigen Materialberg zu einer ebenso umfangreichen wie beeindruckenden Studie über den sowjetischen Alltag von Menschen und ihren Familien nach Deportation und Zwangsarbeit.

Passivität als Machtbasis

Wie gestaltete sich das nahe Zusammenleben von ehemaligen Verbannten und Zwangsarbeitern und Kollaborateuren? Als Signatur der stalinistischen Herrschaft arbeitet Figes den "Flüsterer" heraus. Das Wort meint im Russischen zwei Personengruppen: jene, die aus Furcht, belauscht zu werden, leise reden ("scheptschuschti"), und jene, die den Behörden etwas über andere zuflüstern ("scheptun"). Die ehemaligen Opfer, Beobachter und die Kollaborateure beschwiegen ihre Erfahrungen; ihre Passivität und ihr Handeln bildeten die Basis der stalinistischen Herrschaft außerhalb der Lager. Zwei der neun Familienschicksalen, die im Mittelpunkt des Buches stehen, verdeutlichen diese Grundstruktur von Schweigen und Denunzieren. Antonia Golowina wurde im Alter von acht Jahren mit ihrer Mutter nach Sibirien verbannt, weil der Vater sich 1931 der Kollektivierung der Landwirtschaft widersetzt hatte und für drei Jahre als "Kulak" in ein Arbeitslager deportiert wurde. Die Familie verlor ihren ganzen Besitz.

1934 kehrten Antonia, ihre Mutter und ihr Vater an einen Ort zurück, wo viele ehemalige Kulaken wohnten. Diese galten nach wie vor als Klassenfeinde und wurden diskriminiert. Um an eine höhere Schule zu gelangen, fälschte Antonia ihre soziale Herkunft und studierte Medizin. Sie trat in die Partei ein und schwieg fortan eisern über ihre Familie und deren Schicksal. Nicht einmal ihre beiden Ehemänner kannten bis in die neunziger Jahre ihren familiären und sozialen Hintergrund. Antonia lebte ihr ganzes Leben lang in der Angst, entdeckt zu werden und litt unter dem Zwang zu schweigen, zu lügen und sich zu tarnen: "Eine sich im Stillschweigen hütende konformistische Bevölkerung ist eine der dauerhaften Konsequenzen von Stalins Herrschaft."

Der andere Typ des "Flüsterers" war der proletarische Schriftsteller Konstantin Simonow. Er verschwieg seine aristokratische Herrschaft und gelangte als Lyriker und Romanautor zu großem Ruhm. Sechs Mal erhielt er den Stalinpreis und einmal den Leninpreis. Er heiratete Jewgenia Laskin, verließ sie jedoch nach kurzer Zeit. Während der antisemitischen Kampagne, deren Opfer die ganze Familie Laskin wurde, verhielt sich der bekannte und einflussreiche Schriftsteller und Funktionär Simonow als "guter Stalinist". Er rührte keinen Finger für seine ehemalige Frau und schwieg.

Figes zeigt, wie das System der Gemeinschaftswohnungen "Flüsterer" beider Art hervorbrachte. Die Deportationswelle Anfang der dreißiger Jahre führte zu einer Massenflucht in die Städte, wo der Wohnraum immer knapper wurde. Standen in Moskau 1926 für jede Person in einer Gemeinschaftswohnung noch 13 Quadratmeter zur Verfügung, waren es 1940 nur noch vier. Die Einwohnerzahl Moskaus stieg von 1928 bis 1933 von zwei auf 3,4 Millionen, wovon 75 Prozent in Gemeinschaftswohnungen lebten.

Der Mensch als Wir

Diese Wohnform war kein Zufall, sondern ein politisches Ziel zur Ausbildung "kollektiver Persönlichkeiten": "Der Mensch muss als Wir denken", dekretierte Anatoli Lunatscharski, Volkskommissar für das Erziehungswesen. Demonstrative Loyalitätsbekenntnisse gehörten ebenso zum sowjetischen Alltag wie eine immer stärker um sich greifende "Denunziationskultur", der jeder buchstäblich über Nacht zum Opfer fallen konnte.

Gerade die ehemaligen Opfer von Verbannung und Verfolgung standen unter einem ungeheuren Konformitätsdruck, wie Figes anhand von zahlreichen Zeugnissen der Selbstbezichtigung und Ergebenheitserklärungen belegt. Als Furcht verlängerte sich der erlittene Terror lebenslang in die psychischen Strukturen und Verhaltensformen von Privatpersonen und Familien hinein.

Die Schicksale, die Figes dokumentiert, ergänzen das Wissen über das stalinistische Lagersystem um Gesichter, in denen die ganze Abgründigkeit des Stalinismus sichtbar wird und die jeden erschüttern. Ein wichtiges Buch.

Orlando Figes: Die Flüsterer. Leben in Stalins Russland.

Aus dem Englischen von Bernd Rullkötter. Berlin Verlag, Berlin 2008, 1036 Seiten, 34 Euro.

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