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Eine Statue zeigt die Königin Aphrodite von Milo.
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Eine Statue zeigt die Königin Aphrodite von Milo.

Literatur über die Antike

Fundamente der Antike erkunden

Fast scheint es, als ob die beschwörende Rede von Antike und Abendland zunimmt, je weniger gewusst wird, was damit überhaupt im Blick ist. Es gibt drei Wege, darauf zu reagieren, die sich an drei sehr verschiedenen neueren Publikationen studieren lassen.

Von Dirk Pilz

Die Antike ist nicht nur das Fundament, auf dem das Abendland ruht. Sie ist auch nicht schlichterweise der historische Spiegel, in dem das Heute sich aus sicherer Distanz heraus begreifen ließe. Die Antike ist Gegenwart: weder einfach vergangen noch begrifflich und denkerisch je einzuholen, sondern stets unheimlich nah und fern gleichermaßen. Als Fundament will sie immer wieder entdeckt und errichtet, als Spiegel stets aufs Neue geprüft werden – nichts ist in geistesgeschichtlichen Belangen auf der sicheren Habenseite, nichts auf die lange Bank des Gewesenen zu schieben. Eine Banalität, sollte man meinen. Wer aber darauf hört, wie von Abendland und Antike gesprochen und die Geschichte als vermeintlich gesichertes Gut der Vergangenheit gehandelt wird, sieht sich getäuscht. Fast scheint es, als ob die beschwörende Rede von Antike und Abendland zunimmt, je weniger gewusst wird, was damit überhaupt im Blick ist, je weniger die prägende, umformende Kraft der Geschichte vernommen wird.

Drei Annäherungen

Es gibt drei Wege, darauf zu reagieren, die sich an drei sehr verschiedenen neueren Publikationen studieren lassen. Zunächst der nahe liegende Weg, das Material zu sichten, die überlieferten Schriften und ihre Rezeption zu sortieren. Das leisten traditionell Handbücher. Sehr erfreulich daher, dass nach drei Jahren jetzt endlich der zweite Band des „Handbuchs der griechischen Literatur der Antike“ erschienen ist, den die beiden Altphilologen Bernhard Zimmermann und Antonios Rengakos herausgegebenen haben. Er widmet sich der klassischen und hellenistischen Zeit – für alle Freunde der Literatur unverzichtbar. Mit ungeheurem Fleiß und bewundernswerter Genauigkeit ist hier alles zusammengetragen, was es in Sachen Dichtung, Philosophie, Historiographie und Rhetorik zu wissen gibt, streng gegliedert nach Gattungen und literarischen Formen, immer bedenkend, dass besonders für den Hellenismus die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen gilt.

In seinem einleitenden Epochenporträt legt Hans-Joachim Gehrke deshalb besonderen Wert auf den Aspekt der kulturellen Austauschprozesse – man kann hier auch nachlesen, dass es die Gegenwart mit Fragen zu tun hat, die keineswegs gegenwärtige Erfindungen sind. Überhaupt fällt auf, dass dieses Handbuch mit dem berechtigten Anspruch, ein Standardwerk zu sein, bei aller philologischen Feinarbeit zum Glück nicht auf mutig einordnende Beschreibungen verzichtet. Zur Stoa, der bis heute ungemein einflussreichen philosophischen Schule, liest man etwa, dass ihr Erfolg in dem Versprechen begründet liege, „in einer unruhigen und unüberschaubar gewordenen Welt Halt gegen Irritationen“ zu bieten. Ob sie das kann oder sollte, war allerdings in der Antike auch schon heftig umstritten.

Das führt auf die zweite Möglichkeit, sich der Antike zu stellen: die historisch-kritische Edition der Texte. Nirgends ist sie besser aufgehoben als in der „Sammlung Tuculum“, die soeben einen von Rainer Nickel betreuten Band „Antike Kritik an der Stoa“ aufgelegt hat. Unterteilt in sechs verschiedene Ansätze wie den satirisch-parodistischen, den feuilletonistischen oder den ablehnend-polemischen, sind die zentralen Textpassagen von Cicero, Seneca, Epiktet, Laktanz oder Augustinus im Original und in einer zurückhaltenden, nahe an den Quellen ausgerichteten Übersetzung samt Erläuterungen zu finden, leider in winziger Schrift gesetzt, dafür aber mit größter philologischer Sorgfalt.

Deutlich wird vor allem, dass die damaligen Debatten um den freien Willen und die Rolle der Emotionen für das Handeln zum Beispiel gerade keinen gemeinsamen kleinsten Nenner bilden: Nicht Konsens war das Ziel der Debatten, sondern Perspektivenreichtum. Zum anspruchsvollen Erbe dieser Antike gehört auch die Fähigkeit, die Differenzen wertzuschätzen – es muss nicht alles miteinander versöhnt werden, solange die Unterschiede als bereichernd erlebt werden. Ein Erbe, das für die Moderne eine Lernherausforderung bleibt.

Ohnehin stellt sich im Umgang mit der Antike stets die Frage, wie sie sich übersetzen lässt. Der Dichter und Forscher Raoul Schrott gehört zu den wenigen Furchtlosen, die sie zu beantworten versuchen. Nach seinem so umstrittenen wie bestaunten Übersetzungsversuch der „Ilias“ (2008), hat er sich jetzt an die „Theogonie“ von Hesiod gewagt, jene Schöpfungsgeschichte des ersten uns bekannten griechischen Dichters über den Ursprung der Götter und Menschen, aus der sich wesentlich das heutige Wissen der griechischen Mythologie speist.

Schrott hat die griechischen Hexameter in freie Prosaverse übertragen, hat durchgehend nach einer Sprache gesucht, die moderner klingt, näher ans Heute herangerückt wirkt, zugleich aber, durch ungewöhnliche Kleinschreibungen etwa, die Fremdheit wahrt. „Zuallererst war da nur Chaos der aufklaffende abgrund“ ist bei Schrott zu lesen, sehr frei nach der Vorlage. Das muss den eingefuchsten Fachübersetzern ein Gräuel sein, doch Schrott gelingt etwas Seltenes, das er in einem langen, dem Buch beigegebenen Essay auch erläutert: einerseits die inneren Widersprüche des Textes offenzulegen, andererseits „das Weltschöpferische der Poesie“ vernehmbar zu machen. Hesiod als Zeitgenosse: eine herrliche Herausforderung, die Fundamente der Antike zu erkunden, ohne sie im Strom des Gewesenen zu versenken.

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