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Begehrt und unterschätzt: Die 17-jährige Alma Schindler, 1896.

Susanne Rode-Breymann "Alma Mahler-Werfel"

„Für die Musik würde ich jeden Mann aufgeben“

Susanne Rode-Breymann legt eine gut recherchierte und faire Biografie über die so gehasste wie geliebte Alma Mahler-Werfel vor.

Von Wilhelm von Sternburg

Alles in meinem Leben ist mir rätselhaft“, notiert die 37-jährige Alma Mahler-Werfel nach der Geburt ihrer Tochter Manon Gropius im Herbst 1916 ins Tagebuch. Hinter ihr liegen die neunjährige Ehe mit dem 1911 gestorbenen Komponisten Gustav Mahler, eine sich jahrelang hinziehende leidenschaftliche Affäre mit dem Maler Oscar Kokoschka und eine Eheschließung mit dem Architekten und Bauhaus-Mitbegründer Walter Gropius. Rätselhaft war diese Frau aber nicht nur sich selbst, sondern auch vielen ihrer intellektuellen Zeitgenossen, deren Urteile zwischen Verachtung und Spott, Bewunderung und Hochachtung schwankten.

Ihre Biografen gehen in der Regel wenig einfühlsam mit ihr um, schildern sie als sinnliche Genie-Sammlerin und sich selbst zur Muse stilisierenden Femme fatale. Eine geistig dem großen Musiker Mahler oder dem Dichter Franz Werfel weit unterlegene Ehefrau sei sie gewesen, eine kalte Mutter und eine häufig peinlich wirkende Selbstdarstellerin.

Es ist bemerkenswert, mit welcher sympathisierenden Genauigkeit sich dagegen die Musikwissenschaftlerin und Mitherausgeberin der 1997 veröffentlichten „Tagebuch-Suiten 1898-1902“, Susanne Rode-Breymann, in ihrer Biografie mit dem schwierigen Charakter und dem dramatischen Liebes- und Künstlerleben dieser Frau auseinandersetzt.

Ihre Darstellung ist nicht zuletzt auch der Versuch, das weitgehend negative Bild zu korrigieren, das in vielen Lebensdarstellungen über ihre berühmten Ehemänner, Liebhaber und Freunde gezeichnet worden ist.

Rode-Breymann zitiert Sätze aus Alma Mahler-Werfels Lebenserinnerungen, die zeigen, wie es aus der Sicht der Geliebten und der Ehefrau bedeutender Männer wirklich in diesen Beziehungen aussah: „Ja, gewiß sind Künstler desto größer als Menschen, je größer ihre Kunst ist, aber sie messen mit anderen Maßen ... ihre Welt ist eine von ihnen erfundene Welt, aus der sie sich ... schwer umpflanzen können. Darum sind solche Menschen oft so roh oder verständnislos im Verkehr mit Frauen. Sie sehen ja ihr Gegenüber nicht; vom Fühlen gar nicht zu sprechen.“

Rode-Breymann nutzt für ihre Biografie neben den bekannten Quellen – im besonderen den Lebenserinnerungen und Briefwechseln – die erst in den letzten Jahren veröffentlichte, umfangreiche Korrespondenz Alma Mahler-Werfels mit Alban und Helene Berg (erschienen 2008) und den Briefwechsel mit Arnold Schönberg (erschienen 2012), mit dem sie ein jahrzehntelange intensive Freundschaft verband. Es entsteht so ein differenziertes, dieser ungewöhnlichen Frau womöglich doch erheblich gerechter werdendes Charakter- und Lebensbild, als der Leser es in den meist aus männlicher Sicht formulierten Bewertungen gefunden hat.

Eine Wissende und gut ausgebildet

Alma Mahler-Werfel war in Fragen der Kunst, der Literatur und der Musik eine Wissende. Aufgewachsen ist sie im Wiener Künstlermilieu. Der geliebte, früh verlorene Vater war der Maler Emil Jakob Schindler, der Stiefvater wurde Gustav Moll, der engste Familienfreund hieß Gustav Klimt (ihre erste große Liebe), ihr Klavierlehrer war Alexander Zemlinsky (ihr erster Geliebter). Im Elternhaus verkehrten Arthur Schnitzler und Hugo von Hofmannsthal, bald auch Gerhart Hauptmann (der sie begehrte), Max Reinhardt und Alfred Roller.

Sie spielte glänzend Klavier, komponierte Lieder und diskutierte schon als junges Mädchen mit den Künstlergrößen im Wien der letzten Friedensjahre. Rode-Breymann schreibt (und weist es in zahlreichen Briefzitaten nach), dass Gustav Mahlers junge, bildschöne Ehefrau dem nervösen und genialen Komponisten ein kongenialer Diskussionspartner war, wenn es um die neu entstehenden Partituren seiner Symphonien ging.

Ähnliches gilt später für das Zusammenleben mit dem dritten Ehemann Franz Werfel, dessen Manuskripte sie mit großem literarischen Verständnis bewertete. „Für die Musik“, schreibt sie an ihrem 35. Geburtstag im Tagebuch, „würde ich jeden Mann aufgeben. Musik bedeutet mir alles. Wagner bedeutet mir mehr als irgend jemand sonst.“

„Aber Du hast von nun an nur einen Beruf: mich glücklich zu machen!“ Mahlers Brief an die Verlobte zeigt, welche Selbstaufgabe dieser Frau von ihren berühmten Männern zugemutet wurde. Sie ertrug das. Bewunderte Mahler bis zu ihrem Tod im Dezember 1964, wurde vom wilden Genie Kokoschkas sinnlich zeitweise überwältigt, fand in Werfel das Kind, das sie in allen praktischen Fragen und politisch dramatischen Jahren vor dem Untergang bewahrte. Sie war eine starke Frau und ihr Leben vielfach von Einsamkeit und Tragik überschattet. „Alma Mahler-Werfel hat vier Kinder von drei Vätern geboren“, hält die Biografin fest. „Zu den ausnahmslos sehr schweren Geburten kamen Fehlgeburten und eine Abtreibung. Im Abstand von jeweils gut zehn Jahren starben drei der vier Kinder.“

1938 geht sie mit Werfel ins Exil; erst nach Südfrankreich, dann in die USA. Österreich wird sie nach dem Krieg nur noch zweimal kurz betreten. „Nach Oest. kann ich nicht kommen, da man mich dort ausgeraubt, und mir mein liebstes Bild, den ,Munch‘ gestohlen hat. ... Die oest. Seele habe ich nie geliebt.“

Nie ist sie für die geraubten Häuser und Gemälde entschädigt worden. Sie wird diesen Verlust nicht überwinden und die Haltung des österreichischen Staates zu dieser Frage nie verzeihen. Der letzte Triumph ihres Lebens ist es, dass sie die ungeheuer wachsende Anerkennung, die Mahlers Werk in der Nachkriegswelt neu findet, noch miterleben kann.

Die Schwäche dieser Biografie liegt in der sehr knappen Beschreibung der Schattenseiten des Charakters der Alma Mahler-Werfel. Obwohl in ihrem Haus viele Juden verkehrten, Mahler und Werfel Juden sind, bleibt sie zeitlebens eine Antisemitin. Sie verachtet nach 1918 alle demokratischen Bewegungen, ist nach 1933 eine Anhängerin des Austrofaschismus um Dollfuß und Schuschnigg, der in ihrem Wiener Salon verkehrt. Werfels liberal-demokratische (auch lange Zeit linke) politische Haltung reißt sie sehr häufig zu wütendem Ehestreit hin.

In Gesellschaften fällt sie durch antisemitische oder – später von starkem Alkoholkonsum beflügelte – hochmütig-kränkende Bemerkungen gegenüber ihren Gesprächspartnern auf. Sie betrügt den angeblich so einzig geliebten Mahler in den letzten Lebensjahren mit Walter Gropius, was bei dem sensiblen Komponisten eine Existenzkrise auslöst. Den Ehemann Gropius wiederum betrügt sie mit Kokoschka. Ihre (in Deutschland vielgelesenen) recht eitlen Lebenserinnerungen mussten wegen zahlreicher judenfeindlicher Bemerkungen in der deutschen Fassung „bereinigt“ werden.

Diese fragwürdigen, teilweise schlimmen Wirklichkeiten im Leben der Alma Mahler-Werfel werden von Rode-Breymann nicht unter den Teppich gekehrt. Aber sie bleiben in dieser psychologisierenden, gut geschriebenen und in vielen Teilen aufklärenden Biografie leider nur Randnotizen.

Susanne Rode-Breymann: Alma Mahler-Werfel. Eine Biographie. C. H. Beck. 335 Seiten, 22,95 Euro.

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