Politisches Buch

Fünf Lehren und eine Flucht

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Eine ehemalige chinesische Staatsanwältin kündet von Korruption und Machtmissbrauch.

Mit achtzehn Jahren hat Xiao begonnen, Staatsanwalt zu lernen. Die erste Lehre: In China ist ein Studium nicht nötig, eher sogar hinderlich, wenn jemand diesen Beruf ergreifen will. Xiao ist in bitter armen Verhältnissen aufgewachsen, der Einstieg in diesen Beruf bringt bedeutenden sozialen Aufstieg. Freilich, das sucht sich keiner aus; die Partei bestimmt - oder bestimmte in jenen Jahren -, wer was werden kann. Und sie gibt auch unmissverständlich vor, was wer in welchem Beruf zu tun hat.

Das Opfer ist selber schuld

Die zweite Lehre: Weil Xiao eine Frau ist, wurden ihr zuerst einmal Vergewaltigungsfälle zugeteilt. Das Urteil hing dann von den Beziehungen ab, die ein Angeklagter zu den höheren Rängen in der Gesellschaft ab; gefällt von Männern, denen eine Mitschuld oder die Alleinschuld des Opfers plausibel erscheint. Zumal dann, wenn Milde wegen der sozialen Beziehungen des Angeklagten erwünscht ist. Xiao hatte aber ein starkes Bewusstsein für Recht und Unrecht, mithin nicht für Justiz, und machte sich nicht sehr beliebt. Ihr das alte Bewusstsein auszutreiben, ist den Vorgesetzten am Ende nicht ganz gelungen.

Die dritte Lehre: Je weiter ein Mitglied der Behördenstrukturen sich emporarbeitet, desto näher gerät es an die Quellen, aus denen Korruption fließt. Als im späteren Verlauf ihrer Karriere Eltern einer Festgenommenen ein Präsent von zehn Kilo Fleisch überreichen, wundert es sie gar nicht mehr.

Die vierte Lehre: Es ist nämlich von Anfang an verdächtig, wer von der Polizei der Justiz vor- und zugeführt wird. Der Staat hat immer recht, für alle anderen gilt nicht die Unschulds-, sondern die Schuldvermutung. Den Beweis, am besten mit einem Geständnis verbunden, hat die Staatsanwältin zu erbringen, und sie setzt dabei harte Mittel ein: tage- und vor allem nächtelange Verhöre ohne Pause, mithin Schlafentzug, wogegen die verhörenden Staatsanwälte sich ablösen können, um hellwach ermitteln zu können.

Die fünfte Lehre: In der Provinzhauptstadt Changsha (sechs Millionen Einwohner) gibt es einen - einen - Rechtsanwalt. Der kann zwei Rollen spielen: entweder Echo der Anklage oder Prediger vor tauben Ohren.

Xiao Rundcrantz - so heißt sie jetzt in Schweden, wo sie vor gut neun Jahren ankam, 31 Jahre alt damals - berichtet aus der Praxis, schlicht, sehr persönlich und zuweilen naiv. Sie gesteht der "Zentrale" Reformbereitschaft zu; nur kommt diese in der Provinz nicht an. Sie begreift ihre relative Machtlosigkeit, kann hier und da mildernd eingreifen, auch gegen Hochkorrupte ermitteln, und nimmt doch das alltäglich-willkürliche Unrecht einigermaßen hin. Bis ihr ein deutscher Freund klarmacht, dass es durchaus nicht in Ordnung ist, einer unterbezahlten Serviererin einen Tageslohn abzuknöpfen, weil sie ein Glas hat fallen lassen.

Die billigende Resignation ihres Ehemanns, Korruption betreffend, war ein weiterer Augenöffner. Xiao Rundcrantz ist 1998 nach Skandinavien emigriert. Was sie mitteilt, illustriert den langen Marsch, den China auf dem Weg zum Rechtsstaat noch zu gehen hat.

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