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Fümms bö wö tää zää Uu, pögiff, kwii Ee

  • VonHans-Jürgen Linke
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"Wollt ihr einen Dorn in eurem Auge dulden, Männer von Revon?" - Schwitters' Herausforderung für Rezitatoren

Zunächst müsste einmal geklärt werden, was ein Urlaut sei. Ob beispielsweise "fümms" oder "R Z L" (gesprochen: rrrzill) wirklich Urlaute sind oder einfach nur freie, von Bedeutung unbelastete Laute. Den Dadaisten war's egal, sie liebten und propagierten die Bedeutungsfreiheit und machten daraus etwas, was heute noch in immer kleiner werdenden Kreisen als eine Art Urknall der Moderne gilt. Kurt Schwitters aus Hannover ließ sich von Raoul Hausmanns Plakatgedicht zu einer Sonate in Urlauten anregen, die diesen Urknall als unausgeschöpftes Verbalklang-Kunstwerk überlebt hat und heute als große Herausforderung an Rezitationskunst ihr Dadadasein fristet.

Schwitters selbst hat seine Sonate und anderen Unsinn nicht selten auf Soireen rezitiert und war dabei stets auf unkonventionelle Reaktionen aus dem Publikum gefasst. Wie ernst er sein Werk genommen hat, ist nicht ganz klar, klar ist nur, dass er wenig gegen Belustigung und viel gegen Pathos und gegen Ernstgemeintes hatte.

Äußerst unklar ist aber vor allem, warum er seinen Sohn Ernst nannte. Und Ernst Schwitters hat etwas Merkwürdiges getan: Er hat viele Jahre lang mit nachhaltigem Erfolg eine eigene Aufnahme der "Sonate in Urlauten" als Originalaufnahme seines Vaters ausgegeben - die Beweise , die im Begleitbüchlein von "Kurt Schwitters, Urwerk" vorgelegt werden, sind schlagend.

Immerhin kann die CD mit mehreren Rezitationen vom echten Original-Schwitters aufwarten - übermütig-ausdrucksvolle, leichtfüßige Interpretationen mit Urlauten und Anna Blume. Das ist für Dada-Anhänger etwas Auratisches und zeigt eine frühe analoge Phase des Zeitalters der technischen Reproduzierbarkeit von Kunst in einem sehr schrägen, freundlichen Morgensonnenlicht. Und vielleicht ist Schwitters von Singvögeln ähnlich stark inspiriert wie Olivier Messiaen, der in einer anderen Branche arbeitete.

Kurt Schwitters:

Urwerk. MP 3-CD

mit Begleitbuch.

Zweitausendeins, 24,90 Euro

Die CD hat noch andere Schätze parat. Außer den Aufnahmen, die Ernst Schwitters hinterlassen hat, gibt es äußerst kunstvolle Ursonaten-Interpretationen von der Vokalistin Salome Kammer und dem Stimmartisten Jaap Blonk. Beide erheben den sinnlos anmutigen alten Text in eine Kunsthöhe, von der man gar nicht recht weiß, ob sie angemessen ist, die aber einen Riesenspaß bereitet und darum wohl in Ordnung geht.

Überhaupt gibt es viel große Stimm- und Rezitationskunst auf der CD. Otto Sander widmet sich "Franz Müllers Drahtfrühling", einem Abschnitt aus der epischen Geschichte von der glorreichen Revolution in Revon, und falls jemand nicht weiß, dass Revon die Abkürzung von Revonnah ist, also "Hannover" rückwärts gelesen, dann sei das hiermit gesagt.

Neben all dem von Nachgeborenen herrlich rezitierten Text-Sondermüll aus dem 20. Jahrhundert und Originalen beider Schwitters gibt es auf der CD auch drei Minuten und 44 Sekunden, in denen Dadasoph Raoul Hausmann eigene historische Lautgedichte rezitiert. Man hört danach den bedauernswerten Ernst Schwitters mit anderen Ohren.

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