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Die Fülle des Lebens in Fußnoten

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Mehr als eine ziemlich gute Story: Saftig und dicht erzählt Michael Chabon seinen neuen Roman "Moonglow".

Vielleicht schreibst du doch besser mit“, mahnt der Großvater auf Seite 142. Der Enkel, der am Bett des vom Tode gezeichneten Mannes sitzt, hat offenbar nicht richtig aufgepasst. Also noch einmal: Nicht mit einer Pistole wollte der Großvater einst den Python töten, der die Haustiere der Umgebung verschlang, sondern mit dem „Schlangenhammer“. Gut, dass das geklärt ist.

In Wahrheit ist der Enkel selbstverständlich ein äußerst aufmerksamer Zuhörer. Er hält gewissenhaft fest, was ihm der Großvater in Oakland 1989 aus seinem vertrackten, von Wut und Wahnsinn, Liebe und Raumfahrt geprägten Leben zu erzählen weiß. Der Enkel, der das alles für uns aufgeschrieben hat, heißt wie der Autor des Romans: Michael Chabon. Auch ist anzunehmen, dass in diesem grandios sprühenden Werk manche autobiografische Spur zu finden ist.

Dennoch steht nicht nur auf dem Buchdeckel der Hinweis: Roman. Das Feuerwerk, das Chabon hier zündet, ist nicht vorstellbar ohne Zutaten der Fantasie. Da denken wir nicht nur an den Sex, den der Großvater genießen durfte und von dem er dem Enkel gewiss nicht in dieser Anschaulichkeit berichtet hat, in der wir nun davon lesen. Auch ist die finale „Danksagung“ aufschlussreich: Da führt der Autor diverse Personen an, die wir zuvor kennengelernt haben, und versichert, dass sie entscheidend für die Fertigstellung dieses Buches gewesen wären, „würden sie existieren“.

Gleichwohl spielt Michael Chabon, der 2001 für „Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier und Clay“ einen Pulitzer gewann, immerzu mit dem Genre der Memoiren. Als hätten wir ein Sachbuch vor Augen, wird der Text angereichert mit zahlreichen Anmerkungen, die am Fuße der Seite auftauchen. Da werden ergänzende Hinweise gegeben, kommentiert die Mutter des Erzählers den Text oder tut dieser kund, eine „tadellos eingebrannte Omelettpfanne“ in den Irrungen und Wirrungen seiner Scheidung verloren zu haben.

Einmal heißt es von einer Person (von Sally, einer späten Liebe des Großvaters, aber wir wollen hier nicht durch Nennung allzu vieler Namen für Verwirrung sorgen), sie habe „ihre Lebensgeschichte in zersprengten Kapiteln voller Fußnoten und Anmerkungen erzählt“. Genau das praktiziert Chabon. Nicht nur, was die Fußnoten angeht. Auch entscheidet er sich dafür, in diesen „Memoiren“ vor und zurück durch die Jahre zu jagen.

Und was waren das für Jahre! Der gemeinhin wortkarge, aber nun unter dem Einfluss von Schmerzmitteln recht eloquente, sehr gelegentlich ins Jiddische fallende Großvater erzählt, dass er einmal als Kind ein Kätzchen aus dem Fenster geworfen habe. Warum er das getan habe? „Aus Neugier.“ Viel später versucht der Großvater, seinen Chef zu erdrosseln, nachdem dieser ihn entlassen hat. Ein Augenzeuge berichtet: „Ich habe noch nie jemanden gesehen, der so wütend war. Man konnte fast riechen, wie er qualmte.“ Nur durch den beherzten Einsatz einer Sekretärin, die mit dem Brieföffner zustach, kam der Großvater zur Besinnung – und dann ins Gefängnis.

Seine Tochter, die Mutter unseres Erzählers, war während der Haftzeit beim Onkel einquartiert. Denn die Großmutter, aufgewachsen in Frankreich und als Jüdin von den Nazis verfolgt, hatte psychische Probleme. Genauere Hintergründe bietet der Roman, doch wollen wir diesen traurigen Dreh nicht verraten. Als Witwe ist sie mit ihrer vierjährigen Tochter aus Europa nach Baltimore gelangt – und verliebt sich dort 1947 in den Mann, der durchweg nur als „Großvater“ bezeichnet wird (sieht man einmal ab vom Spitznamen „Rico“, ausgeliehen vom Gangsterboss, den James Cagney in „Der öffentliche Feind“ gespielt hat). Geplagt wird die Frau zeitlebens von der Vorstellung eines gehäuteten Pferdes, von einem mit einem gewaltigen Penis. Die Großmutter versucht vergeblich, das Tier mit Dudelsack-Musik von der Wohnung fernzuhalten. Eine Weile verbringt sie in einer geschlossenen Anstalt. Doch die Schatten der Vergangenheit lassen sich nicht vertreiben. Gleichwohl ist das Paar glücklich und in Liebe vereint. In einem Interview hat Chabon angemerkt, dass die Konstellation eine Art Porträt seiner eigenen Ehe mit der Schriftstellerin Ayelet Waldman sei.

Die psychische Erkrankung der Großmutter ist ein starker Strang in der Erzählung. Der andere ist die Faszination des Großvaters für die Raumfahrt. Da passt es perfekt, dass ausgerechnet er daran beteiligt ist, im sich neigenden Zweiten Weltkrieg nach Wernher von Braun zu suchen. Der war Erbauer der V2-Rakete, mit der man durchs All hätte fliegen können – doch hatten sich die Nazis dazu entschlossen, diese technische Meisterleistung für ihr Zerstörungswerk zu nutzen. Thomas Pynchon schildert dies in „Die Enden der Parabel“; dieser Roman sei die Quelle seines Wissens um die V2 gewesen, sagt der Erzähler in „Moonglow“. Und vom real existierenden Autor Michael Chabon wissen wir, dass er ein Verehrer von Pynchons Werk ist und den legendär scheuen Kollegen einmal persönlich getroffen hat.

Großvater verachtet den Menschen Wernher von Braun

Und Wernher von Braun? Am 2. Mai 1945 stellte er sich den Amerikanern. Die nahmen ihn mit in die USA, wo er seinen Anteil an der Landung auf dem Mond hatte. Der Großvater ist beeindruckt von der technischen Gewitztheit des Deutschen. Doch den Menschen von Braun, der um den oft tödlichen Einsatz der KZ-Häftlinge im „Arbeitslager Dora“ für die V2 gewusst hat, verachtet er.

Chabon glücken bei der Beschreibung des durch den Weltkrieg verheerten Landes Szenen von apokalyptischer Intensität. Überhaupt wird der Familienroman in diesen Passagen zur historischen Doku-Fiktion. Wie die Schauplätze verändern sich die Stimmungen der 36 Kapitel – sie sind eher selten so romantisch wie „Moonglow“ (Mondschein), der Song von Glenn Miller, aber mindestens so anrührend. Grundlegend für diesen Roman ist ein saftiges, dichtes Erzählen. „Ich habe hier weder den Raum noch den Nerv, ins Detail zu gehen“, heißt es einmal. Und das sagt ein Erzähler, dem 500 Buchseiten zur Verfügung stehen.

Aber es stimmt ja. Es ist nie genug Platz da. Auch diese Besprechung – aber lassen wir das und kommen zum Ende: Michael Chabon hat mit „Moonglow“ ein fulminantes, bannendes, auf vielen Ebenen unterhaltendes Kunststück erschaffen. Es ist viel besser als er selber meint. Denn im Roman sagt der Erzähler zum Großvater mit dem für die Familie typischen Understatement: „Auf jeden Fall ist es eine ziemlich gute Story.“ Sie ist nicht ziemlich gut. Sie ist sehr gut.

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