Dem Führer blind ergeben

Ein furchtbarer Jurist im Porträt

Von ERNST PIPER

Wenn jemand Anspruch erheben kann, Kronjurist der Nationalsozialisten gewesen zu sein, dann der Staats- und Völkerrechtler Carl Schmitt, ein scharfsinniger Denker, der keine erkennbaren Skrupel hatte, sich in den Dienst des Dritten Reichs zu stellen. Hans Frank war Adolf Hitlers Rechtsanwalt. Schon 1919 kam er als Jurastudent mit der späteren NSDAP in Berührung. 1926 eröffnete er nach mäßigem Examen in München eine Kanzlei, Hitler wurde sein wichtigster Mandant. Er vertrat ihn in unzähligen Strafverfahren und Beleidigungsklagen.

Frank war Hitler blind ergeben. Zugleich propagierte er ein zwar nationalsozialistisch pervertiertes, aber gewisse Standards wahrendes Rechtsdenken und übersah dabei, dass Hitler alles Juristische zutiefst verachtete. Frank gründete 1928 den späteren Nationalsozialistischen Rechtswahrerbund, 1930 das Reichsrechtsamt der NSDAP und 1933 die Akademie für deutsches Recht. Franks Ziel war es, mit Hilfe der Akademie Einfluss auf die nationalsozialistische Gesetzgebung zu nehmen, was ihm aber nicht gelang. Reichsjustizminister blieb der Deutschnationale Franz Gürtner, während Frank nur Reichsminister ohne Geschäftsbereich wurde.

Als Anwalt wurde er nicht mehr gebraucht und als Jurist war er lästig, weshalb man ihn gern 1939 im eroberten und mehrfach geteilten Polen die Leitung des so genannten Generalgouvernements übertrug. Er nahm seinen Dienstsitz im Wawel, der ehemaligen Residenz der polnischen Könige in Krakau, wo er mit seiner Frau Brigitte eine selbst für nationalsozialistische Verhältnisse bemerkenswert prunkvolle Hofhaltung betrieb Das brachte ihm den Spitznamen "König Stanislaus" ein. Zugleich nannte man ihn den "Polenschlächter"; denn er zeichnete für die Liquidierung der polnischen Führungsschicht und ein äußerst brutales Zwangsarbeiterprogramm verantwortlich. Sein Ziel war es, dass "aus den Polen und aus den Ukrainern und dem, was sich hier herumtreibt, Hackfleisch gemacht" werde, wie er verkündete. Aber mit dem extrem grausamen Vorgehen gegen die Zivilbevölkerung stärkte er die Partisanenbewegung. Das wurde für die deutschen Besatzer im Verlauf des Kriegs so sehr zum Problem, dass die SS Frank loswerden wollte, was an Hitlers Veto scheiterte, der seinem "alten Kämpfer" insoweit die Treue hielt.

Dieter Schenk widmet Franks Tätigkeit als Generalgouverneur den Hauptteil seiner Darstellung. Dabei geht es nicht nur um den "Polenschlächter", sondern vor allem auch um die Ermordung der Juden. Etwa 2,9 Millionen polnische Juden wurden von den Nazis ermordet. Schon im November 1939 hatte Frank in einer Rede erklärt: "Mit den Juden nicht viel Federlesens machen! Je mehr sterben, um so besser." Schenk, der kein Historiker ist, schreibt einleitend, das Geschehen des Holocaust sei "von Berufeneren beschrieben worden". Er beschränkt sich auf die Schilderung der Rolle Franks, die allerdings durch die schwache Ausleuchtung des Kontextes nicht immer plastisch wird.

Seinen letzten großen Auftritt hatte Hans Frank als Angeklagter in Nürnberg, wo er den reuigen Sünder gab und sich plötzlich für den katholischen Glauben begeisterte. Ähnlich wie Albert Speer gab er ein allgemeines, in seinem Fall von Larmoyanz nicht freies Schuldbekenntnis ab. Das brachte ihm nicht nur die Verachtung von Hermann Göring ein, auch seine Frau Brigitte empörte sich über das "anbiedernde Schuldgelalle". "Im Angesicht des Galgens" nannte Frank seine Nürnberger Aufzeichnungen, die nach seiner Hinrichtung die Witwe im Eigenverlag herausbrachte. Darin versuchte er wortreich zu belegen, dass er von der "Judenvertilgung" nichts gewusst habe, eine vollkommen absurde Behauptung.

Wer sich für die Abgründe der Person Franks interessiert, sei auf Der Vater. Eine Abrechnung verwiesen, das Buch seines jüngsten Sohns Niklas, der unlängst auch eine Biografie seiner Mutter Brigitte vorgelegt hat. Auf beide Werke stützt sich Dieter Schenk vielfach. Sein Buch ist nicht frei von stilistischen Unsicherheiten, immer wieder wird die Darstellung von enumerativen Faktenaufzählungen unterbrochen. Aber Schenk liefert eine informative Übersicht über das Leben dieses furchtbaren Juristen.

Dieter Schenk: Hans Frank. Hitlers Kronjurist und Generalgouverneur. S. Fischer Verlag, Frankfurt / Main 2006, 492 Seiten, 22,90 Euro.

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