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Fühlen, fühlen, fühlen

Roger Willemsen plaudert sehr sophisticated über die Liebe und simuliert Tiefgang für die Damen

Von STEPHAN MAUS

Ach Gott, ja, Dings, die, äh, Bums, die Liebe. Bei Roger Willemsen ist Themenabend, und es geht nicht um die Moorfledermaus, sondern um die allseits beliebten Wollmäuse im menschlichen Gefühlshaushalt, das Auf und Ab der Liebe, die Fahrpläne all der Flugzeuge in unserem Bauch, uh yeah, ich bau dir ein Schloss aus Sand.

Rashid ist ein feinsinniger Restaurator mit afghanischen Wurzeln, der in Wien lebt. Beziehungsweise eben nicht mehr lebt, denn er liegt im Wachkoma, in das er eines Tages einfach so gekippt ist, kein Wunder bei seiner labersüchtigen Geliebten. Die heißt Valerie, ist Galeristin in Tokio und liebt ihren komatösen Afghanen, dass es eine Freude ist. Beziehungsweise eben nicht, denn sie ist die plappernde Erzählerin in Willemsens Buch. Weil die Liebe bekanntlich Berge versetzt, versucht Valerie, einen Kyber-Pass in Rashids petrifiziertes Bewusstsein zu schwätzen, durch den er sich bitte wieder in die Gegenwart retten möge. Sie nimmt ihm ein Speicherplatz fressendes Liebesgeständnis auf, das ihm das Pflegepersonal vorspielen soll, während sie nach Tokio fliegt, um ihren Haushalt aufzulösen, bevor sie endgültig nach Wien zieht. Vielleicht wacht Rashid ja von der poetischen Kraft des Monologes auf. Willemsens Fehleinschätzung seines literarischen Zauberbanns ist beinahe rührend.

Der Fernsehmann kann den Moderator einfach nicht ablegen und hat sich einen Erzählrahmen zurechtgezimmert, der ihm erlaubt, genau das zu tun, womit er diese Republik schon seit Jahren hinters Licht führt: unkontrolliert daherschwadronieren und sich dabei den telegenen Anschein einer kultivierten Silberzunge verleihen. Amüsanterweise hat er den fiktiven Adressaten dieser Suada ins Koma versetzt, was tiefenpsychologisch recht aufschlussreich ist: Das Einzige, was Willemsen bei seinen konzeptlosen und blenderischen Ausführungen wohl immer gestört hat, war der Adressat seiner selbstverliebten Causerien. Deswegen hat er ihn in seinem Debütroman gleich auf der ersten Seite mundtot gemacht. Der dialogisierende Moderator hat sich zum monologisierenden Romancier gewandelt. Aber was heißt hier Romancier?

Rettet Liebe Leben? Eine wichtige Frage, die man natürlich am liebsten von Wolfgang Petry beantwortet haben möchte. Wie aber stellt sich Willemsen seiner Herausforderung? Mögen uns die zugeschalteten Zuschauer aus Österreich und der Schweiz ein bundesrepublikanisches Gleichnis erlauben: Immer wieder sieht man in unseren Freibädern Frotteehandtücher, auf denen folgende Überschrift zu lesen ist: "Liebe ist..." Dann folgen in einer Explosion von herumfliegenden Herzchen Weisheiten wie: "... ihm die Schwimmflügelchen aufzupusten" oder "... einen Komapatienten nicht gleich ins Springerbecken zu werfen". Willemsen hat seinen ersten Roman aus unzähligen solcher Frotteehandtücher zusammengelegt. So liest man ein willkürliches Patchwork von semi-essayistischen Binsenweisheiten und Kalendersprüchen über Zärtlichkeit, Verstehen, Eifersucht und all den anderen beliebigen Psycho-Quatsch.

Widersteh dem Erstarrungsprozess

Der Ton dieses Gefühlsprotokolls will beschwörend sein, ist aber nur einschläfernd. Willemsen lässt seine Erzählerin über Paartherapiejargon spotten, schreibt aber selber Sätze wie: "In Tokio wehrten wir uns gegen den Erstarrungsprozess unserer Liebe." In seinen glänzendsten Momenten schwingt sich der Autor zu glitzerndem Eso-Pulp auf: "Deine Lippen schoben ihre Wärme vor sich her, dann setzten sie auf, mit der Aura zuerst." Aura an Tower, Aura an Tower: Bitte um Landegenehmigung. - Alles Roger, Sie können landen.

Willemsen hält sich offenbar für einen Aphoristiker in der Tradition französischer Moralisten und hat eine penetrante Vorliebe für gleisnerische Klugschwätzer-Formulierungen: "Kaum hat man einen Flecken gemeinsamen Boden betreten, berauscht man sich an den Konjunktiven des Zufalls." Man braucht solchen Pirelli-Liebeskalendersprüchen gar nicht lange nachzuspüren. Sie bedeuten schlicht nichts, klingen aber alle irgendwie sophisticated. Ungefähr so sophisticated wie das Geschwätz einer japanischen Galeristin, die einem Konzernvorstand irgendeine Videoinstallationsboulette ans sklerotische Knie schwatzen will. Insgesamt übersteigt der Erkenntnisgehalt dieses Textes nicht den der Psycho-Seite einer drittklassigen Frauenfernsehzeitschrift. Da hilft auch das bestens ausgebildete Romanpersonal nichts, das Willemsen aus der internationalen Kulturschickeria rekrutiert.

An dieser locker dahinschwadronierten Kulturkanal-Anmoderation zum Themenkonnex Liebe, Lust und Leberwurst überrascht vor allem, wie selten Willemsen sich in szenischem Schreiben versucht. Er simuliert Tiefgang, statt zu erzählen. Er hat die tautologisch klappernde Mühle am rauschenden Parlando-Bach angeworfen und produziert einen hölzernen Verhau abstrakter Gemeinplätze über die Liebe. Willemsen hat schon immer gern den Feingeist herausgekehrt, nun gibt er auch noch das Sensibelchen und erteilt seiner femininen Seite das Wort. Weibliches Erzählen heißt bei ihm: fühlen, fühlen, fühlen und immer an die Leserinnen denken.

Hin und wieder überkommt Willemsen allerdings das schlechte Gewissen. Dann reckt er sein Köpfchen aus der pathetischen Suada und murmelt: "Und in diesen ganzen Schwulst hinein höre ich dich noch mit meiner Stimme sagen: ?Aber Valerie, hast du denn gar keine Angst, dass uns genau diese Worte über die Gefühle hinaustreiben könnten?'" Ah Valerie, die Worte, das Meer der Gefühle, die verheißende Stille des Wachkomas! Willemsens Metaphern, Bilder und Vergleiche sind allesamt so abgegriffen und willkürlich wie seine pathetische Fabel und seine nichtssagenden Aphorismen. Mit sicherem Gespür spinnt er die schauerlichsten Metaphern gleich über mehrere Zeilen weiter: "Als ich in Tokio im Garten des Tenno diesen Affenbrotbaum sah, mit einer Krone, die sich wie ein Patronat über den Stamm senkte, habe ich uns in die Ewigkeit der Rinde geritzt. Stark sind wir jetzt, wie die Narbe dieses alten Baumes, der für uns bluten musste."

Ob Rashid wieder in die summsende Welt der gefühlsstarken Galeristinnen im Faselfuror und der blutenden Affenbrotbäume zurückkehrt, erfahren wir nicht. Aber es ist mehr als wahrscheinlich, dass sich der weise Afghane nie wieder rühren wird. Denn Valerie ist nur im Koma zu ertragen.

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