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Schriftstellerin Karen Duve.

Märchen

Frosch und Mafioso

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Fabelhaft sinnlos: Karen Duve erzählt in „Grrrimm“ eigene Grimm-Märchen

Wer in den Siebzigerjahren eingeschult worden ist, wird dieses Buch auf den ersten Seiten möglicherweise unterschätzen und denken: Ach so. Karen Duve aber münzt ihre Auswahl aus dem Märchenschatz der Brüder Grimm nicht ins aus moderner (Siebzigerjahre-)Sicht pädagogisch Hochwertige um, indem sie wehrhafte Rotkäppchen oder antiautoritär eingestellte Hexen zum Zuge kommen lässt.

Vielmehr entpädagogisiert sie die Geschichten rigoros, entzieht ihnen damit anscheinend den Boden und gibt sie im Zustand eines herrlich sinnfreien Herumschwebens einer tollen Fabulierlust anheim. Ihrer eigenen. Nicht, dass es den Grimms und ihren Zuträgerinnen an Fantasie gefehlt hätte, aber Karen Duve ist auch nicht ohne. Nüchtern-ausgebufft könnte man den von ihr gewählten Märchenton nennen.

Gerne schreibt sie über das wahre Leben, in ihrem „Taxi“-Roman oder in „Anständig essen“, aber schon 2005 erwies sie sich in „Die entführte Prinzessin“ auch als anständige Märchenerzählerin. Die Trennung zwischen dem Möglichen und dem Unmöglichen hat sie schon dort außer Acht gelassen. In „Grrrimm“ baut sie das weiter aus. Schneewittchen ist ein Luder, aber sehr attraktiv. Der Frosch ist ein undercover ermittelnder Polizeibeamter, der sich bei einem Schwerverbrecher von Vater einschleimt und mit ihm Zigarren raucht, während er – der Frosch – und die Tochter sich längst füreinander interessieren. Und während die „Froschbraut“ damit zum Mafioso-Drama wird, lässt „Der geduldige Prinz“, Duves Dornröschen-Paraphrase, an eine Telenovela denken. Klarer als die an der Ehe wenig interessierten Brüder sieht Duve der Tatsache ins Auge, dass es in Grimms Märchen de facto in erster Linie ums Heiraten geht.

Werwolf unter Kontrolle

Wobei es dann, wenn der Leser glaubt, eine Erzählung in den Griff zu bekommen, eine lapidare Wendung gibt, aber nicht zu lapidar und nicht zu wendungsreich. Gemeinhin siegen Vernunft und Pragmatismus.

Das meiste ist schwierig zu erklären, und ohne den auch flapsigen, aber vor allem entspannten Ton, den Karen Duve anschlägt, lässt es sich kaum nacherzählen. Es geht nicht einfach darum, dass der Herr Jesus im weniger bekannten Märchen „Bruder Lustig“ (dort war es noch der Hl. Petrus) sein Wasser des Lebens in einer Pet-Flasche aufbewahrt. Oder dass die Großmutter, die seit dreißig Jahren ein Werwolf ist, versichert: „Ich habe das unter Kontrolle“ („Das behaupten immer alle Werwölfe, wenn sie erwischt werden“, kommentiert die Enkelin, wegen einer peinlichen Mütze Rotkäppchen genannt). Es geht vielmehr um den dabei ungezierten und doch eleganten Erzählverlauf, in dem jede Albernheit ihren Platz findet, und schon gleitet die Geschichte weiter. Die orale Tradition klingt an, zugleich wählt Duve bisweilen – untraditionell – Ich-Erzähler. Einen Zwerg, der Schneewittchen liebt. Die Tochter des Mafioso, der dem Frosch vertraute.

Die titelgebende Geschichte ist die längste und verrückteste. Sie macht aus Rotkäppchen eine Soap mit Splatter-Elementen um Wiedergänger in einem von der EU im Stich gelassenen nordöstlichen Winkel. „Grrrimm“, knurrt der Wolfhund (nicht Wolfshund, lernt man hier doch noch kurz etwas), den eine unsympathische Frau ihr am Wegesrand andreht. Das bedeutet nichts. Das Letzte, was diese Geschichten wollen, ist, etwas zu bedeuten. Während das Buch, aufwendig gestaltet, gewiss gerne zu Weihnachten verschenkt werden will. Nur zu.

Mehr Vergnügen kann ein sinnloses Buch kaum bereiten. Und heiterer kann der Leser dann dem 200-Jahr-Jubiläum der Herausgabe von Grimms Hausmärchen im Dezember kaum entgegensehen, jener schuldlos schuldig in Grund und Boden interpretierten Sammlung.

Karen Duve: Grrrimm. Galiani, Berlin 2012.160 Seiten, 19,99 Euro.

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