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Fritz Pleitgen, hier als ARD-Korrespondent in Moskau in den 70er Jahren.
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Fritz Pleitgen, hier als ARD-Korrespondent in Moskau in den 70er Jahren.

Erinnerungen

Fritz Pleitgen: „Eine unmögliche Geschichte“ – Historische Sekunden und ihr Reporter

  • VonWilhelm v. Sternburg
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„Eine unmögliche Geschichte“, die Erinnerungen des Journalisten Fritz Pleitgen.

Die Bilanz ist nüchtern: „Über die 30 Jahre seit der Wiedervereinigung ist viel zusammengewachsen, was zusammengehört. Manchmal mit Ächzen und Schmerzen! ... Geschichte geht selten spurlos an einer Gesellschaft vorbei. Spaltungen sind besonders schwer zu überwinden.“ Fritz Pleitgen, 1938 geboren, mehr als 40 Jahre lang einer der führenden Korrespondenten und Manager der ARD, war Zeitzeuge einer Epoche, die den Namen historisch zweifellos verdient.

Das deutsch-deutsche Thema – dieses selbstverschuldete Erbe einer beispiellosen Gewalt- und Vernichtungspolitik – hat ihn nie losgelassen. Er analysierte es in engagierten Reportagen und einfühlsamen Fernsehfilmen als Korrespondent in Moskau und Ostberlin, in Washington und New York. Als dann die Mauer entgegen allen Voraussagen unter dem Ansturm eines Volkes fiel, das in Leipzig und Dresden, Ostberlin und vielen anderen Orten der untergehenden DDR den Mut fand aufzustehen gegen die Herrschaft eines vergreisten Nomenklatura, begleitete Pleitgen dieses historische Wunder in zahlreichen Studiosendungen mit Leidenschaft und klugen Interviews. Gemeinsam mit dem damaligen Chefredakteur des Senders Freies Berlin (SFB), Jürgen Engert, wurde er jenseits der Bilder vom Untergang eines Staates in den Sondersendungen der ARD für das Publikum Abend für Abend das Gesicht dieser so dramatischen Zeit eines weltpolitischen Wandels.

In seinen jetzt vorgelegten Erinnerungen spürt der Leser in jeder Zeile das Engagement eines Journalisten, dessen unstillbare Neugier ihn in die Amtsräume der mächtigsten Männer seiner Zeit eintreten ließ. Pleitgen interviewte Breschnew, Gorbatschow und Reagan ebenso wie Willy Brandt, Helmut Kohl oder Erich Honecker. Er saß in den Wohnungen russischer oder ostdeutscher Dissidenten und Dissidentinnen oder ließ das „einfache Volk“ seinen Missmut über die fatalen Verhältnisse äußern, die seinen schwierigen Alltag begleiteten. Er reiste mit seinem Team durch die endlosen Weiten des sowjetischen Imperiums, berichtete vom wirtschaftlichen Elend, das die Menschen heimsuchte, und von der Größe ihrer Kultur und ihres Lebensmutes.

Seine Reportagen über die Rassenunruhen in den USA, über eine Gesellschaft, die vielfach noch immer in den Zeiten des „Wilden Westens“ zu leben glaubt, oder über das aufklärerische Erbe der amerikanischen Revolution haben das Bild des Fernsehpublikums von der westlichen Führungsmacht und dem demokratischen Vorbild der Nachkriegsdeutschen entscheidend mitgeprägt.

Das Buch

Fritz Pleitgen: Eine unmögliche Geschichte. Als Politik und Bürger Berge versetzten. Keyser Verlag, Berlin 2021. 374 S.. 24 Euro.

Ein erfülltes Journalistenleben. Es begann in einer westfälischen Zeitungsredaktion und führte in die Intendantenetage des WDR, des größten Senders der ARD. „Als Intellektueller galt ich nicht. Ich gab mich auch nie als solcher. Ich verließ mich auf meine Erfahrungen und Beobachtungen, die ich mir im Laufe meine Wanderjahre angeeignet hatte.“ Auch in seinen Erinnerungen tritt Pleitgen nicht als der allwissende Deuter seiner Zeit auf, sondern erzählt plastisch und mit viel Empathie von den politischen Ereignissen und den Menschen, die das Schicksal der Völker für eine historische Sekunde bestimmten.

Vor allem auch mit Blick auf den deutschen Wiedervereinigungsprozess sind dabei die kritischen Untertöne nicht zu überhören. Etwa Pleitgens Urteil über den Nationalfeiertag am 3. Oktober. „Im Vergleich zur Montagsdemonstration vom 9. Oktober 1989, auf der Zehntausende DDR-Bürger ihr Leben für das Recht auf Freiheit einsetzten, wirkt die Entscheidung der DDR-Volkskammer, der Bundesrepublik Deutschland beizutreten, wie ein Unterwerfungsakt. Deshalb halte ich den 3. Oktober nach wie vor für ein schwaches Datum, das der historischen Leistung der DDR-Bürgerinnen und -Bürger nicht gerecht wird.“

Präzise sind Pleitgens Urteile über die deutschen Akteure in den Monaten und Jahren der Wiedervereinigung. „Vor mir saßen zwei Autoritäten in Sachen Deutschland, die sich in vielen Punkten einig waren“, schreibt er über ein Interview, zu dem er Willy Brandt und Helmut Kohl eingeladen hatte. „Der Sozialdemokrat Willy Brandt war mit seinen Ansichten dem konservativen Bundeskanzler Helmut Kohl näher als seinem Parteivorsitzenden und Nachfolger Oskar Lafontaine, der den Prozess der Deutschen Einheit mit mehr Skepsis beurteilte – was sich aus der Rückschau als nicht unberechtigt erwies.“

Ein persönliches Geschichtsbuch ist es geworden. Für die Miterlebenden eine Erinnerung an Zeiten, die auch ihr Leben mehr oder weniger tief beeinflussten. Die Nachgeborenen erwartet das spannende Panorama einer Vergangenheit, die unsere Gegenwart mitprägt.

Bewegend Pleitgens sehr persönliche Schilderungen seiner Krebserkrankung, von der der Autor mitten im Entstehen des Manuskripts heimgesucht wird. „Das Schreiben bereitet keine Freude mehr, sondern wird zur Quälerei“, heißt es im „Epilog“. „Was ich zusammenstoppele, ist des Lesens nicht wert.“ Zum Glück für den Leser seines Buchs hat Pleitgen diese tief depressiven Anflüge nicht obsiegen lassen.

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