„Neue Zeit. Neue Verantwortung“

Ausgeschlossen, dass Friedrich Merz sein neues Buch gelesen hat

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Friedrich Merz hat sein Programm vorgelegt: „Neue Zeit. Neue Verantwortung“ heißt das Buch. Die 22 Euro sind noch das kleinere Übel. Die 238 Seiten sind das eigentliche Hindernis.

  • Friedrich Merz möchte nächster CDU-Vorsitzender werden.
  • Jetzt hat Merz sein Programm vorgelegt, das 238-seitige Buch trägt den Titel „Neue Zeit. Neue Verantwortung“.
  • Merz bleibe oft sehr oberflächlich und verstricke sich in Widersprüche, so rezensiert Arno Widmann das neue Buch.

Für ausgeschlossen halte ich es, dass Friedrich Merz „Neue Zeit. Neue Verantwortung“ gelesen hat. Er wäre – so viel Mensch ist er denn doch – eingeschlafen darüber. In einen tiefen Dornröschenschlaf, aus dem nicht einmal der Prinz „CDU-Mitglieder“ ihn hätte wachküssen können. Aus dem gleichen Grunde ist undenkbar, dass Friedrich Merz dieses Buch geschrieben hat. Allerdings fürchte ich, dass, hätte er ein Buch geschrieben, es tatsächlich so ausgefallen wäre wie dieses.

Klassenprimus Friedrich Merz: Konkret wird er selten

Stellen wir ihn uns fünfzig Jahre jünger vor. Wir sehen ihn mit den Fingern schnippen, damit der Lehrer ihn drannimmt. Der soll sehen, dass er alle, wirklich alle Hausaufgaben gemacht hat. Es gibt nichts, zu dem er nicht exakt das zu sagen weiß, das der Lehrer von ihm hören will. Und auch genau mit den Worten, mit denen der Lehrer schon jahrelang auf die Klasse einredet.

Während die anderen unter der Bank – das tat man im Präsmartphonium – Schiffchen versenken oder Mau Mau spielen, rutscht Friedrich Merz auf dem Stuhl und ruft „In der gegenwärtigen Situation ist der quantitative und vor allem der qualitative Ausbau der Angebote wichtig“ oder „Es gilt nachzuweisen, dass ökologische Fortschritte mit wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit und sozialer Teilhabe einhergehen können.“

Neues Buch von Friedrich Merz: Viel Text für wenig Erkenntnisgewinn

Wir kennen alle diese Prosa. Normalerweise wird sie uns reich bebildert in Großbuchstaben unaufgefordert in die Briefkästen geliefert und nur die abgehärtesten unter uns werfen erst einen Blick hinein, bevor sie Drucksache in den Papierkorb werfen. „Neue Zeit. Neue Verantwortung“ aber hat 238 Seiten und wir sollen 22 Euro dafür ausgeben. Das ist sehr, sehr viel verlangt. Die 22 Euro sind noch das kleinere Übel. Die 238 Seiten scheinen mir das eigentliche Hindernis.

Das Buch

Friedrich Merz: Neue Zeit. Neue Verantwortung. Demokratie und Soziale Marktwirtschaft im 21. Jahrhundert. Econ 2020. 238 S., 22 Euro.

Sie sind für die Fülle von Themen, die Friedrich Merz abarbeitet natürlich viel zu wenig. Er rast mit einem Affenzahn durch die Weltlage. Keine Zeit für eine wirkliche Beschäftigung mit irgendetwas. Und schon gar keine dafür, uns seine Themen schmackhaft zu machen. Sagen wir: Sie brauchen zwei Minuten für eine Seite des Buches. Das sind fast acht Stunden Merz. Nichts für Leute, die ihm schon in einer Talkshow nicht länger als drei Minuten zuhören können. Aber das ist doch ein Buch! Sagen Sie. Wenn es denn eines wäre. Es ist ein achtstündiger Talkshowbeitrag über alles und jedes.

Kein Wort zu eigenen Verfehlungen im neuen Buch von Friedrich Merz

Das natürlich gerade nicht. Wenn der Autor sich zum Beispiel über den Willen zur Leistung auslässt, wird die eine Leserin oder der andere Leser vielleicht erwarten, von ihm darüber aufgeklärt zu werden, warum Friedrich Merz 2011 von Nordrhein-Westfalen den Auftrag erhielt, für die tief in rote Zahlen abgesunkene WestLB einen Käufer zu finden. Obwohl doch alle Welt davon ausging, dass sich keiner finden werde für die marode Bank. Merz hat stets davor gewarnt und tut das auch in diesem Buch – das aber unmöglich von ihm stammen kann -, dass der Staat die Sozialhilfeempfänger in die Abhängigkeit treibe. Dabei komme es doch darauf an, deren Selbstständigkeit zu fordern und zu fördern.

War es diese Einsicht, die das Land Nordrhein-Westfalen und Friedrich Merz dazu brachten, letzterem für seine Käufersuche einen Tagessatz von 5000 Euro auszuzahlen? Ein Patriot hätte diese Arbeit kostenlos verrichtet. Mehr als 20 Stunden berechnete Merz – wenn der „Stern“-Bericht von Hans-Martin Tillack stimmt – monatlich. 14 weitere Anwälte der Merz-Kanzlei hatten bis April 2011 der WestLB elf Millionen Euro für Beratung in Rechnung gestellt. Staatsknete abgreifen. Das ist ein gern geäußerter Vorwurf gegen Sozialhilfe-Empfänger. Einer der größten war und ist womöglich noch immer Friedrich Merz. Dazu steht in dem Buch nichts.

„Neue Zeit. Neue Verantwortung“ — Wirtschaftsliberale Botschaften durchziehen das Buch

Die Verzahnung von Staat und Wirtschaft wird von Merz mehrfach kritisiert, aber es geht fast immer nur darum, dass der Staat schlechter wirtschaftet als die Wirtschaft, dass aber die immer wieder völlig am Boden läge, wenn der Staat ihr nicht aufhülfe, dazu kaum ein Wort. (Arno Widmann)

Rubriklistenbild: © Kay Nietfeld/dpa

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