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Der HR-Rundbau war für den Deutschen Bundestag vorgesehen.

Literatur

Mit Hölderlin in Frankfurt unterwegs

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Auf einer Etappe Hölderlinpfads, auf vielleicht 2,2 Kilometern, zwischen heute und vor 220 Jahren, auf der Suche nach dem Adlerflychtschen Anwesen.

Ein Küchentisch, Corona-Zeit, aber keine Krisensitzung. Vielmehr zuversichtlich die Karte hervorgeholt und zielbewusst mit dem Finger von hier nach dort, mit Friedrich Hölderlin. Die Entfernung vermessen mit Daumen und Zeigefinger, den Maßstab abmessen, Luftlinie ist natürlich nicht gleich Entfernung.

Tatsächlich sind es 22 Kilometer zwischen Frankfurt a. M. und Homburg v. d. Höhe. Weil der Liebhaber Friedrich Hölderlin die Strecke vor rund 220 Jahren häufig ging, wurde vor ein paar Jahren der Hölderlinpfad abgesteckt. Fix gemacht ein besonderer Wanderweg. Mit ihm vorgesehen so etwas wie ein romantisches Projekt, anberaumt vom „Regionalpark RheinMain“. 22 Kilometer sind allerdings bereits für uns, ach, Dilettanten ein größeres Projekt.

Nicht einmal 220 Meter vom Hölderlinpfad führen auch Tag für Tag vorbei vor unseren Augen. Zum Fenster hinaus, die Wiese entlang, nach Osten. Und zurück, direkt auf uns zu, doch nicht zur Bibliothek hinein, sondern auf der Straße in einem rechten Winkel, die andere Straße weiter, nach Süden, Richtung Stadt, bis zur Adlerflychtstraße, gut 2,2 Kilometer hin, auch retour. So haben wir es vor, allenfalls eine Hölderlinpfadetappe, das muss genug sein.

Hölderlin kann es eigentlich nicht übersehen haben: Frankfurts Holzhausenschlösschen.

Wie anders Friedrich Hölderlin, der stets weit ausgriff, begriff er doch nicht nur die Gegenden, die er durchstreifte, als Wanderer. Als Wanderer begriff er die Welt, wenn er einen Entwurf zu seinem Gedicht „Der Wanderer“ mit dem Worten begann: „Süd und Nord ist in mir.“ Süd und Nord, das waren die Pole in Friedrich Hölderlin, das war die Unruhe in ihm. Wandern war ihm ein Muss, denn „das Ungebundene reizet“, wie er bereits lange vor seiner Frankfurter Zeit schrieb. Schon in seinem Herkunftsland Schwaben war er abhängig vom Aufbruch – und blieb es: „immer Ins Ungebundene gehet eine Sehnsucht“.

Hölderlin war ein gewaltiger Wanderer, er war es bis zu dem Tag, an dem er im September 1806 von einer furchtbaren Psychiatrie eingesperrt wurde und später dann, ebenfalls in Tübingen, die Hälfte seines Lebens, 36 Jahre, im Turm verbrachte. Wer sich auf diesen Wanderer einließ, der sich darüber bewusst war, wie sehr sein Leben in „exzentrischer Bahn“ verlief, dürfte kaum Schritt gehalten haben. Nicht nur mit dem Wanderer nicht, der den Wunsch hatte „unendlich fortzuwandern“. Unendlich, nicht nur unaufhörlich.

Deshalb kein Stillhalten bei Friedrich Hölderlin. Hätte er auf der Suche nach einer neuen Religion, hätte er einen Blick für den Hinweis gehabt, dass auf dem nach ihm benannten Pfad die Kirche von St. Albert seit ein paar Jahren auch von einer koreanischen Gemeinde genutzt wird? Hätte Hölderlin innegehalten, weniger vor dem nüchternen Zweckbau des Hessischen Rundfunks, aber doch, gleich nebenan, vor dem Rundbau aus Glas und rötlichem Mainsandstein? Eine nichtige Frage, gewiss, Ausdruck einer trivialen Vergegenwärtigung, dito. Es geschieht aus Verlegenheit. Denn es gibt von der Route keine gesicherten Belege. Keine Wegmarke, über die ein Vers existiert. Die heute abgesteckten 22 Kilometer haben in Hölderlins Dichtung keinen wirklichen poetischen Meilenstein hinterlassen. Ein paar versprengte Gedanken, aus der Perspektive von Homburg. „Da geh’ ich dann hinaus (…), steige auf den Hügel und seze mich in die Sonne, und sehe über Frankfurt in die weiten Fernen hinaus.“ Wie er nach Frankfurt kommt, darüber schreibt er nicht. Die nach ihm benannte Route ist eine, die auf Vermutungen hin angelegt worden ist.

War denn dann auch diese Straße ein Weg des Dichters? Wandelt, was der Pfad unausgesprochen nahelegt, der heutige Wanderer gar auf Dichterspuren? Ist womöglich ein erhebendes Gefühl der Sinn der Sache? Anders als zu Hölderlinzeiten jemals bilden die Straße entlang nicht Bäume ein Spalier, denn was da täglich entsteht und morgens bereits wild ausschlägt, wird durch Pkw aufgepflanzt. Ein besonderer Anrainer ist auch das Polizeipräsidium, dessen Architektur seit Jahren mit hässlichen Vergleichen verfolgt wird. Nicht zum Hinschauen das Gebäude für viele Menschen seitdem, anders als schräg gegenüber die Hochhausscheibe des HR, die wohl deswegen nicht wahrgenommen wird, weil sie so unsagbar banal ist.

Linker Hand, zur Stadt hin, der HR, rechter Hand das PP, da muss der Wanderer durch – und steht an der Fußgängerampel der Adickesallee. Sie, benannt nach einem der Frankfurter Oberbürgermeister, Franz Adickes (1846–1915), markiert eine Stadtgrenze, die schon lange nicht mehr existiert. Nutzte doch Adickes den Gründerzeitboom auch zu einer weiteren Stadterweiterung, hinaus über die deshalb heute nach ihm benannte Straße, die alles andere als eine Allee ist, aber eine Verkehrsschneise, wo an einer Ampel das Signet des Hölderlinpfads angeschraubt ist. Das Signet stammt von dem Lyriker und Zeichner Hans Traxler.

Der Hölderlinpfad in toto reicht von Frankfurt, Stadtmitte, bis nach Bad Homburg, in den Ortskern auch dort. Friedrich Hölderlin soll die Distanz seit Herbst 1798, seit seiner Übersiedlung nach Homburg vor der Höhe, stets am ersten Donnerstag im Monat überwunden haben, um seiner Geliebten, Susette Gontard, entgegenzueilen. Um ihr auf einer Sommerresidenz entgegenzufliegen, so muss man sagen, denn Hölderlin soll die über 20 Kilometer in nur drei Stunden bewältigt haben.

Der Dichter Friedrich Hoelderlin (Hölderlin, 1770-1843)

Rastlosigkeit machte Friedrich Hölderlin umtriebig, er nahm noch ganz andere Distanzen auf sich als die zwischen Homburg und Frankfurt. Wenn er an seinen Stiefbruder Karl schrieb, er suche Ruhe, „Bester Karl. Ich suche nur Ruhe“, dann war ihm schmerzhaft bewusst, wie sehr die Unruhe sein Schicksal war. Sich aufmachen, immer wieder! „Komm! ins Offene, Freund!“, so lautet der berühmte Vers, die Zeile aus der Elegie „Der Gang aufs Land“. Aufbruchstimmung, gelesen als poetische Losung, verstanden als politische Parole, unübersehbar aber auch ein existenzieller Fluch.

Der 2008 angelegte Hölderlinpfad ist, wie schon gesagt, eine Simulation – und wie erst würde Hölderlin darauf reagieren, dass dieser Pfad in Frankfurt am Goethehaus seinen Anfang nimmt, ausgerechnet! Sicherlich, am Gr. Hirschgraben, dort, wo in unmittelbarer Nähe der „Weiße Hirsch“ stand, das Palais des Bankiers Gontard. Ein besonders schönes Exemplar barocker Baukunst, ein langgestreckter Baukörper, zum Garten hin mit 19 Fensterachsen. Ein Besitztum des Geldes, in das zum Jahreswechsel 1795/96 auch Hauslehrer Hölderlin eintrat. Hier begegnete der 25-Jährige der Bankiersgattin Susette Gontard. Pierre Bertaux hat an einer Stelle seines aufsehenerregenden Hölderlinbuches in einer einzigen Zeile vieles gesagt: „Hölderlin liebt, seine Liebe wird erwidert. Er schwelgt.“

Das lässt sich irgendwann nicht mehr verbergen, Gerüchte in der Frankfurter Gesellschaft, im Haus Gontard, nach zwei Jahren kommt es zum Eklat, so dass der Gatte dem Geliebten Susettes die Tür weist. Der Hausherr soll den Hauslehrer als Domestiken abgekanzelt haben. Der prächtige „Weiße Hirsch“ existiert heute nicht mehr, am Gr. Hirschgraben wurde das ausgebombte Goethehaus nach dem Krieg rekonstruiert, von hier aus wurde die Hölderlinfährte durch Frankfurt gelegt, als Startpunkt ausgerechnet das Geburtshaus der Großmacht Goethe, die Hölderlin auf herablassende Weise behandelt hatte. Es war mitnichten, wie gelegentlich behauptet, ein Poetengipfel, das Vieraugengespräch war für Hölderlin ein Desaster, die Demütigung durch den Arrivierten empörend, eine Verständnislosigkeit, die den Avantgardisten verzweifeln ließ.

Bis zum Goethehaus wollen wir deshalb nicht, heute nicht. Hölderlin ist die Strecke vom Hirschgraben aus häufig gelaufen Richtung Norden, vorbei auch an der Katharinenkirche, in der die ihn bezaubernde und von ihm insgeheim ebenfalls angehimmelte Marie Rätzer getraut wurde, ohne ihn dabeihaben zu wollen. Der Weg zum Adlerflycht’schen Anwesen, das der Bankier Gontard als Sommerresidenz angemietet hatte, führte vorbei am Thurn-und-Taxis-Palais, es ist heute immer noch da. Doch es ist bedrängt von einer der größten Bausünden der letzten Jahre, „Frankfurt Hoch Vier“, sowie der Shopping Mall „My Zeil“, die auf den ersten Blick ebenso wie im Detail genauso mies zusammengeschustert wurde wie zuletzt ein Hotelbau, dort, wo das Rundschauhaus stand. Anstelle einer Architekturikone, so konnten es Generationen begründen, steht heute, zumal wenn Hölderlins ästhetische Anstrengungen ein Maßstab sind, Läppisches, Lächerliches. Oh, wie man durch Hölderlin doch befangen ist.

Einen Steinwurf nur entfernt das historische Eschenheimer Tor, seit dem Spätmittelalter existent, häufiger bedroht. Auch in den Tagen, in denen Hölderlin zwischen Januar 1796 und September 1798 sich in Frankfurt aufhielt, war das Tor zusammen mit den anderen und der Stadtmauer eine von den Frankfurtern ängstlich angesehene Befestigung, weil sie von den französischen Revolutionstruppen belagert und die Stadt am 10. Juli 1796 bombardiert wurde; am schrecklichsten traf es das Judenghetto.

Wir haben den Hölderlinpfad wiedergefunden. Er führt in die Eysseneckstraße – tatsächlich in eine Allee. Die Straße zeigt, wie der Gründerzeitreichtum sich vor 125 Jahren bis an die nördliche Stadtgrenze vorgearbeitet hat. Ein Reichtum, wie er auch in Bad Homburg zu sehen ist, heute, nicht nur hier und da, ist doch der Reichtum in Automobilen nun mal mobil.

Homburg muss Hölderlin als ein Gegenentwurf zum „geist- und herzensarmen“ Frankfurt erschienen sein. Schon in Tübingen, an der Seite des Kommilitonen Hegel, hatte Hölderlin gelernt, in These und Antithese zu denken – Homburg, das war ein Schauplatz für das „Spiel des Schicksals“, wie der Hölderlinfreund Sinclair in einem Brief bekannt hatte, wie geschaffen für „viele Fremdlinge“, eine „Kolonie von aventuren“. Hierhin zog es Hölderlin, denn mit dem Kanzler am Homburger Hof, Sinclair, den er aus Tübinger Tagen kannte, konnte er sich in einer zwanglosen Atmosphäre austauschen, über Poesie ebenso wie über Politik, beide als Anhänger der Französischen Revolution, Hölderlin allerdings, unter dem Eindruck der Nachrichten über den Terror, zunehmend enttäuscht, bald auch verzweifelt.

Im rechten Winkel nach links.

Warum wurde die Eysseneckstraße zur Route des Radikalen erklärt? Vielleicht weil sie sich hübsch ausmacht, viele Häuser aus älteren Tagen. Hölderlin, im Bankhaus Gontard mit dem Anblick der schnittigsten Kutschen seiner Zeit vertraut, der Equipage oder dem Phaeton, entginge auch hier nicht das Repertoire an automobilem Reichtum, die geparkten Carrera und Cayenne, der Maserati, der M6, die Range-Rover-Flotte, die zwei, drei AMG, der singuläre Aston Martin. Umso auffälliger, dass in diesem Milieu das eine oder andere eigentlich feine Haus auf solche Weise getunt wurde, in die Mansarddächer ein zweites, ein drittes Dachgeschoss hineingepresst wurde. Dächer wie riesige Spoiler, Bauwerke mit feisten Anbauten. Opel-Manta-artig frisierte Immobilien.

Was in manchem Haus vor sich gegangen ist, veranschaulicht die Geschäftigkeit und eine auf Geld basierende Tüchtigkeit, die Hölderlin im Haus des Bankiers Gontard abstieß – und unversöhnlich machte. Nimmt man die Eysseneckstraße, auf dem Weg zum Adlerflycht’schen Anwesen, so kommt man auch am Holzhausenschlösschen vorbei, und das ist nun eine Attraktion, barock, aber überhaupt nicht prahlerisch, vielmehr angenehm. Auch Hölderlin dürfte das ganz besondere Haus eigentlich nicht verfehlt haben. Und mit langen Ruten hängen die Weiden in die Gräfte. Enten tauchen ihre Köpfe ins schlierige Wasser. Still blättert eine alte Frau auf einer Bank eine Taschenbuchseite um. Aus einem Lautsprecher klirren die Verse: Ey, Mann, was machst du für Sachen? / Willst mich bloß wieder fertigmachen.

Hat Hölderlin den Holzhausenpark verfehlt? Wandern bedeutet, zumal wenn man es ernst nahm wie Hölderlin, auch mäandern. Dagegen zielstrebig brachte er die Strecke zwischen Homburg von der Höhe und dem Adlerflycht’schen Anwesen hinter sich. Peter Härtling hat es in seinem Hölderlinroman nach einer Gouache von Johann Georg Meyer, die auch im Internet kursiert, beschrieben: „das spätbarocke, behäbig noble Hauptgebäude hinter einem Pappelspalier versteckt. Der niedrige Wirtschaftsbau mit verschachtelnden Walmdächern steht zurückversetzt, alles ist von hohen Hecken eingefasst.“

Nicht zu vergessen die Laube. Hier treffen sich die Verliebten, stecken sich durch die Hecke Briefe heimlich zu. Hölderlin erwähnt die „Kastanienbäume um sich herum und Pappeln und reiche Obstgärten und die herrliche Aussicht aufs Gebirg“. Hölderlin beschweigt die näheren Umstände, in einem Aufsatz über die Tragödie wird er schreiben, dass der „tragische Dichter“ die eigene „Person verläugnet“, selbst dann, wenn er „seine tiefste Innigkeit ausdrükt“. In seiner innigen Liebe war Hölderlin stets ein tragischer Dichter, wie als inniger Dichter ein tragisch Liebender. Die heimliche Liebe ist ein offenes Geheimnis, doch das Heimliche ist unwürdig und das Geheimnis ohne Perspektive. In seiner großartig erzählten Hölderlinbiografie sagt Rüdiger Safranski es ganz lapidar: „Es war kein Glück dabei.“

Verblieben ist von der prachtvollen Anlage kein Stein, als sie 1866 nach nur 103 Jahren (typische Frankfurter Gleichgültigkeit seiner Architektur gegenüber?) abgerissen wurde. Wo genau sich das „ländliche Arkadien“ (Peter Michalzik) befand, darüber gibt es verschiedene Ansichten. Es gibt in der Adlerflychtstraße ein größeres Anwesen, heute, eine Berufsschule, ein passables Bauwerk, das nach außen hin gezeigte Betonskelett ist ausgefacht mit Ziegeln.

Der Spielplatz, die erste Querstraße links, war in diesen Tagen mit Corona-Krisen-Bändern abgesperrt. Unter zwei sehr steilen Giebeldächern untergebracht ist die Kita Hexenhäuschen, das eine mit grauen Panelplatten verkleidet, das zweite rot verputzt, richtig frech. An der schrägen Betonrampe ein Graffiti mit Kreide: „Fick dein Scheide“. Humboldtstraße heißt der Tatort, der Hölderlin allerdings wohl kaum überraschen würde, war er doch als Hauslehrer, einige Jahre vor seiner Frankfurter Zeit, mit dem geradezu zwanghaft mit seinem Penis beschäftigten Fritz von Kalb konfrontiert. In diesen Tagen ein Penis überlebensgroß an einer Kita-Außenwand. Ein Wink? Hier, wo irgendwo Susette Gontard und Hölderlin verabredet waren. „Wenn es in der Stadt 10 Uhr schlägt, erscheinst Du, an der niedrigen Hecke (...), zum Zeichen halte Deinen Stock auf die Schulter, ich werde ein weißes Tuch nehmen (...)“, schrieb sie.

Und wie ging es zurück?

Die Route über den Oeder Weg dürfte für Hölderlin naheliegend gewesen sein, weiter dann über die Eckenheimer Landstraße. Doch Wandern bedeutet ja auch Mäandern. So nehmen wir also durch Frankfurts Nordend eine Alternativroute – und stehen in der Klettenbergstraße vor dem Haus „SV 35“. Das Kürzel verweist auf das Wohnhaus des ehemaligen Suhrkamp Verlegers, des verstorbenen Siegfried Unseld. Die Pappel wächst und wächst, sie beschirmt eine seit Jahren wie verschwiegen wirkende Adresse.

Was hätte der Dichter Hölderlin von hier aus (auf Höhe der Verlegerresidenz, heute) sehen können? Vor seinen Füßen viel freies Feld, Wiesen. „Aber lächelnd und ernst ruht droben der Alte, der Taunus, / Und mit Eichen bekränzt neiget der Freie sein Haupt.“ Unter Eichen ging es zurück, sein Sinclair erwartete ihn, Isaak von Sinclair. Vertraute Worte, vertrauliche Gespräche, über Poesie, aber auch über Politik, in Sorge um die Revolution in Frankreich.

Hölderlin, so hieß es 2008 in dem Bericht der FR über die Eröffnung des Hölderlinpfads, sei „der erste Einpendler“ nach Frankfurt gewesen. Eine feinsinnige Formulierung. Dass der Hölderlinpfad direkt dort, wo wir aus dem Fenster schauen, vorbeiführt, ist ihm kaum anzusehen. Er ist nicht prominent, es fehlen Kleingruppen, die das demonstrieren, von Prozessionen gar nicht zu reden, in der Hand ein Reclam-Heftchen oder ein Insel-Taschenbuch. Noch nie ein Mensch, der reklamierend auf der Straße gestanden hätte. „Ich kann, nicht weiter schreiben, Lebe wohl! Lebe wohl! Du bist unvergänglich in mir! Und bleibst so lange ich bleibe.-“ So verabschiedete sie sich von ihm, Susette, am 5. März 1800.

Wir wären die Ersten, die ein solches Zusammentreffen von Liebhabern, Hölderlinliebhabern, mitbekommen hätten. „Die Menschen gähren, wie alles andere, was reifen soll.“ Poesie und Politik, gleichermaßen radikal. An der Straße, hier, bietet sich die Gelegenheit, um sich ein Stück deutsche Geschichte zu vergegenwärtigen. Entstand hier doch der Rundbau, den Gerhard Weber entwarf und der vorgesehen war für den Deutschen Bundestag. Dazu kam es 1949 nicht, Bonn wurde Bundeshauptstadt, eine alte Geschichte, so gut wie vergessen. Doch umso länger man darüber nachdenkt, so kommt man auf dem Hölderlinpfad, hier, wo man ihm täglich nachsehen kann, ein weiteres Mal unter die Deutschen.

Nächstens vielleicht mehr.

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