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„Ich verlasse mich auf meine Figuren“, sagt Friedrich Ani.
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„Ich verlasse mich auf meine Figuren“, sagt Friedrich Ani.

Kriminalromane

Friedrich Ani: „Ich nehme ernst, dass es um Leben und Tod geht“

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Der Schriftsteller Friedrich Ani über unterschiedliche Arten von Kriminalromanen, über seine Figuren und wie sie ihn manchmal schreiben.

Herr Ani, Sie haben so vieles geschrieben, Gedichte, Kinderbücher, zuletzt haben Sie einen Balladenband veröffentlicht. Was hat Sie einst zum Kriminalroman gebracht?

Das ist eine schwierige Frage, andererseits auch einfach. Als Autor hat mich zum Krimi im Grunde Hejo Emons aus Köln gebracht, der Verleger, vor sehr langer Zeit. Das ist deswegen einfach gewesen, weil ich Krimis geliebt habe, sie waren Teil meiner Lektüre und meines Filmkonsums. Aber ich bin nicht auf die Idee gekommen, das mal selber zu versuchen, obwohl ich geschrieben habe ohne Ende. Emons hat Mitte der 90er Regionalkrimis verlegt, die in Köln und Umgebung spielten. Frank Schätzing hat damals seine ersten Sachen dort veröffentlicht. Und Emons wollte eine Geschichte aus München haben. Ich schrieb einen Krimi, der hieß „Killing Giesing“, das ist der Stadtteil, in dem ich lebe, dann noch einen zweiten, „Abknallen“. Und plötzlich entdeckte ich, dass das Genre meinen Figuren zugutekommt, auch meiner Art, Geschichten zu erzählen. Parallel hatte ich Kontakte zum Heyne-Verlag – also Anschub und Antrieb kamen von außen.

Und es hat Sie nicht abgeschreckt, dass der Krimi damals nicht gerade als literarisches Genre galt?

Darüber habe ich nicht nachgedacht. Überhaupt habe ich mir in den ersten Jahren wenig Gedanken gemacht über meine Umgebung, mein neues Haus, in dem ich nun wohnte. Ich war dermaßen befreit, endlich Sachen schreiben zu können, die ich schon immer schreiben wollte, mit speziellen Figuren. Plötzlich, wie vom Kosmos hingestellt, hatte ich eine Bühne, auf die ich alle meine seltsamen Figuren aus der Garderobe holen konnte und ins Rampenlicht stellen. Das war so befreiend, dass ich über die Gesamtsituation nicht nachgedacht habe. Ich hatte auch, als ich Tabor Süden erfand, der nach Vermissten sucht, nicht überlegt, ob so eine Figur im Krimi schon existiert. Oder ob es etwas Neues ist, was ich da mache. Es waren einfach genau die Geschichten, die ich erzählen wollte.

Haben Sie jemals Druck gespürt, traditionellere Kriminalromane zu schreiben? Denn in einem Tabor-Süden-Roman gibt es ja nicht zu Beginn einen Mord, der dann aufgeklärt werden muss. Oft gibt es gar keinen Mord.

Nein, ich hab’s einfach laufen lassen. Die Sachen sind zügig erschienen, und nach einigen Büchern war klar, dass es Unterschiede gibt in der Erwartungshaltung – sowohl bei den Lesern als auch im Buchhandel. Dass ich mit dieser seltsamen, langsamen Art meines Erzählens beim Krimileser – der ja ein Königsleser ist für uns Autoren, weil er viel und gern und leidenschaftlich liest – manchmal keinen Fuß auf den Boden bekomme. Dass meine Romane zu abseitig, zu anders, zu langsam sind. Es mangelt an der sogenannten Oberflächenspannung. Im Fernsehkrimi ist es so: Am Anfang liegt die Leiche rum, und jeder will wissen, wer war’s. Aber ich hab’s halt nicht so mit den Leichen am Anfang.

Für Sie ist der Ausgangspunkt immer die Figur, die Hauptfigur?

Na ja, der Ausgangspunkt ist eine verschattete Gestalt in ihrem Zimmer. Meine Ausgangspunkte sind zwielichtig, wie auch meine Figuren. Der Plot kommt hinterher, wenn ich zwei, drei Figuren habe, deren Konflikte mich interessieren. Dann erst fange ich an zu überlegen: Wie könnte ich das strukturieren? Oder welche Story könnte das ergeben? Aber: Characters first.

Sie haben einmal in einem Interview gesagt: „Ich glaube, der Kriminalroman als Spielerei funktioniert nicht.“

Kann schon sein, dass ich das gesagt habe. Doch natürlich funktioniert er – nur für mich nicht. Für mich ist es keine Spielerei. Ich schreibe Kriminalromane, weil ich ernst nehme, dass es um Leben und Tod geht. Ums Vermisstsein und den Schmerz, die Not. Meine Bücher sind Geschichten von Menschen in Not.

Würden Sie das auch als politisch bezeichnen, wenn man von Menschen in Not erzählt?

Meine Geschichten spielen relativ stark in der Realität, sie existieren in einer realen Zeit und oft auch an ziemlich realen Orten. Damit sind sie gesellschaftspolitisch verortet.

Aber es geht Ihnen nicht darum, Missstände aufzudecken.

Missstände aufdecken, das machen viele von uns. In dem Moment, in dem man anfängt, ernsthaft über Menschen zu schreiben, die in einer realen Welt leben, dann kann es automatisch passieren, dass das Licht auf Missstände fällt. Welcher Art auch immer diese sein mögen, im großen Stil oder auch kleine Missstände, im Zusammenleben von Menschen und nicht nur in einer Gesamtgesellschaft.

Vor einiger Zeit sprach ich mit Else Laudan, Verlegerin von Ariadne, nach deren Beobachtung der anspruchsvolle Kriminalroman inzwischen stärker wahrgenommen wird.

Ja, manchmal kommt es mir auch vor, dass komplexere Romane intensiver ernst- und wahrgenommen werden als früher, Romane von Autorinnen wie Denise Mina, Liza Cody oder Cloé Mehdi. Das ist anspruchsvolle Literatur. Der Mainstream ist etwas ganz anderes. Ich möchte das nicht gegeneinander ausspielen, das sind verschiedene Bühnen für ein unterschiedliches Publikum.

Wie viel Handlung, gleichzeitig Spannung muss sein im Kriminalroman?

Zur Person

Friedrich Ani, Jahrgang 1959, wurde bekannt durch seine Romanreihe um Tabor Süden, der bei Vermisstenfällen ermittelt. 2006 führte er den Ex-Mönch Polonius Fischer ein, 2007 kam der erblindete Polizist Jonas Vogel dazu, 2015 der Ex-Kommissar Jakob Franck, der Angehörigen die Todesnachricht überbringt. Ani hat auch schon Hörspiele und „Tatort“-Folgen geschrieben.

Jüngst erschienen sind die Balladen „Die Raben von Ninive“ (Suhrkamp). Im Mai kommt der nächste Krimi heraus.

Wie definiert man Handlung? Bei mir findet viel Handlung innerhalb der Figuren statt. Spannung ist relativ. Ich nehme Spannung anders wahr. Wenn ich einen Krimi mit Spannung brauche, schalte ich den Fernseher ein und schau mir einen klassischen Krimi an. Ich lese keine Romane wegen der Spannung, ich lese sie wegen der Figuren, wegen des Blicks des Autors, der Autorin auf die Welt. Das interessiert mich, so wie es mich in jedem anderen Roman auch interessiert. Ich mache keinen Unterschied zwischen Kriminalroman und allgemeiner Belletristik.

Haben Sie eine Theorie, warum die Kriminalliteratur, auch der Fernsehkrimi seit zwei, drei Jahrzehnten so boomen?

Die vielen Fernsehkrimis gibt es, weil die Quote stimmt, da macht man halt auf der Welle weiter. In der Literatur dagegen wurde das Angebot reichhaltiger, weg vom Heftchen-Image. Verlage haben sich getraut, die Genre-Literatur in Buchdeckel zu pressen. Und es war ein Wahnsinns-Coup von Emons und anderen Verlegern, das Regionale in den Mittelpunkt zu stellen. Also Geschichten aus Gegenden, die die Leser kennen und in denen sie sich aufgehoben fühlen. Ich glaube, dass die Kuschelkrimis auch dazu beigetragen haben, das Genre insgesamt aufzuwerten. Dass auf diese Weise Interesse geweckt wurde, und nun in Buchhandlungen riesige Regale voller Kriminalromane stehen. Und dadurch rückt auch anspruchsvolle internationale Kriminalliteratur in den Fokus des Buchhandels, auch der Medien.

Ich habe festgestellt: Als Viel-Leserin wird man mit der Zeit immer anspruchsvoller.

Außerdem gibt’s auch abseits des Krimigenres viel Unfug. Es ist ja nicht so, dass in der allgemeinen Belletristik alles Gold ist, was einen Preis kriegt.

Es hat sich viel verändert, aber ein wenig wird der Krimi schon immer noch als minderes Genre gehandelt.

In Deutschland hat der Kriminalroman leider nicht das Image wie in Frankreich oder Amerika, wie in England schon gar nicht. Dass das Genre einen kriminalliterarischen Wert hat, das in der Breite zu begreifen, wird noch dauern. Macht nix, es sind so viele anspruchsvolle internationale Kriminalromane auf dem Markt, das ist große Klasse. Schön wäre, wenn sich das Sortiment in den Buchhandlungen irgendwann mischen würde, wenn nicht neben Denise Mina die Holzhackerkrimis stehen würden, sondern dass man sagt, hier haben wir Kriminalromane, die stellen wir zur allgemeinen Belletristik. Sodass Kunden, die einen guten Roman kaufen wollen, auch auf einen Kriminalroman stoßen.

Da stellt sich die Qualitäts- und Abgrenzungsfrage und wer die beantworten soll.

Die stellt sich sowieso dauernd. Da kann man doch dazu stehen und sagen: Das ist diese Art von Krimi, und dann gibt es noch eine andere Art von Kriminalliteratur, wo es tatsächlich um Literatur geht und nicht nur um kochende oder essende Kommissare.

Denken Sie, dass in einem Ihrer nächsten Bücher die Corona-Situation zum Thema wird?

Das nächste Buch von mir erscheint im Mai, da kommt Corona nicht vor. Ich habe jetzt einen Roman geschrieben – eine wuide Gschicht, die raus musste –, in dem steht, dass es eine Pandemie gab. Ich bin schon weiter, post-pandemisch praktisch (lacht).

Angesichts Ihrer Werkliste: Sind Sie ein schneller Schreiber?

Ich bin vor allem ein Um-Schreiber. Ich versuche immer zügig die erste Fassung hinzukriegen. Dann schreibe ich um. Die erste Fassung könnte ich nicht im Verlag abgeben, da hätten die mich schon längst in die Wüste geschickt, und wir würden jetzt nicht miteinander sprechen. Meine ersten Fassungen sind kurios, sogar für mich. Manchmal denke ich, da schleicht nachts einer in mein Zimmer und kickt die Wörter durch die Gegend.

In Ihrem kürzlich erschienenen Balladenband „Die Raben von Ninive“ gibt es ein Gedicht „Vom Geschriebensein“. Entsteht da eine solche erste Fassung?

Das bezieht sich weniger auf das Schreiben an sich, sondern dass ich manchmal den Eindruck habe, die Figuren sind längst da. Dass ich Dingen hinterherschreibe. Ich bin der Chronist am Wegesrand, so empfinde ich das. Ich sitze im Unterholz, habe einen Klapptisch vor mir und schreibe mit, wer da des Weges kommt. Die Figuren, auch die Art, wie sie reden, denken, empfinden, dass das vorgegeben ist, denke ich manchmal. Deswegen kann ich manchmal relativ zügig schreiben, weil es mir jemand sagt.

Diese schemenhafte Figur, über die wir am Anfang sprachen.

Ja, nicht nur die Hauptfigur, schon auch andere, die des Weges kommen. Ich schreibe ein Exposé, damit der Verlag sieht, ich tue was, ein Beruhigungspapier, fünf Seiten maximal. Das ist nur ein Gerüst, das meistens beim ersten Satz schon ganz anders wird. Ich verlasse mich auf meine Figuren. Das klingt jetzt ein bisschen voodoo-mäßig, aber irgendwie ist es so. Was soll ich sagen, schreiben heißt geschrieben werden.

Interview: Sylvia Staude

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