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Friedrich Ani „Bullauge“: „Mit einem Auge ins Nichts

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Von: Sylvia Staude

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Demonstration von Impfgegnern und -gegnerinnen in München.
Demonstration von Impfgegnern und -gegnerinnen in München. © Imago

Friedrich Anis Kriminalroman „Bullauge“ über zwei, die verletzt wurden und sich gegenseitig stützen.

Mit einem Auge weniger halbierte sich nicht gleich die ganze Welt“ – auf diese schöne Erkenntnis einen Plomari, frisch aus dem Eisfach. Kay Oleander, Nachname wie die Pflanze, Polizist von Beruf, versucht, sich mit Galgenhumor, Bissigkeit, Menschenscheu und reichlich Alkohol an die neue Lebenssituation anzupassen. Auf einer Demo von „Querdenkern“, Impfgegnern und Maskengegnerinnen traf ihn aus der Menge heraus eine Flasche im Gesicht; das linke Auge ist zwar noch da, aber „erloschen“, wie er seinem zum Höflichkeitsbesuch antretenden Kollegen Gillis erklärt. Das bedeutet nach der Genesung auf jeden Fall Innendienst. „Mal sehen“, sagt Oleander, grinst. Und hofft, dass der Kollege endlich geht.

Der Münchner Krimischriftsteller Friedrich Ani, der einst mit Geschichten von Menschen begann, die am liebsten verschwunden bleiben wollten, erzählt in seinem jüngsten Roman „Bullauge“ von zweien, die nur schwer aus dem Einigeln heraus und zueinander finden. Die elend lange brauchen, um ein bisschen Vertrauen zu fassen. Denn könnte nicht Silvia Glaser diejenige sein, die die Flasche geworfen hat? Auch wenn sie es leugnet? Sie wurde mit einer 0,3-Liter-Flasche in der Hand auf der Demo gefilmt. Und ist nicht Kay Oleander einer von denen – den Blauen, den Bullen –, die vor ein paar Jahren so rücksichtslos an Silvia Glaser vorbeibrausten, dass sie vor Schreck vom Radl stürzte, sich schwer verletzte, nun am Stock geht?

Um die Aufklärung dieser beiden Vorfälle geht es eigentlich nicht in „Bullauge“, auch wenn Oleander, noch krankgeschrieben, ins Büro geht, Videos der rechten „Querdenker“-Demo durchsieht, auch Silvia Glasers Geschichte zu verifizieren versucht. Denn was sie ihm nach einigen Kneipenbesuchen andeutet, dann anvertraut, ist wichtiger: Die Rechtspopulisten, mit denen sich Glaser eingelassen hat, bei denen sie unbedingt wieder aussteigen möchte, scheinen einen Anschlag zu planen.

„Bullauge“ ruft in seinem dunklen Hintergrund die Erinnerungen an das sogenannte Oktoberfest-Attentat von 1980 auf. An das Versagen der Polizei, das auch eine gute Portion Vertuschen enthalten haben könnte. Und wem kann Kay Oleander trauen, der glaubt, dass diese Sache für ihn allein viel zu groß ist? Er entscheidet sich für den Kollegen Gillis. Und überredet Silvia Glaser, noch eine kleine Weile bei den Rechten mitzuspielen. Und die Ohren aufzusperren.

Das Buch:

Friedrich Ani: Bullauge. Roman. Suhrkamp, Berlin 2022. 268 S., 23 Euro.

Im Gegensatz zu seinen anderen Kriminalromanen gibt es in Friedrich Anis „Bullauge“ einen Showdown: Dieser kommt unerwartet, unvermittelt, ist nur sparsam hergeleitet. Die Leserin kann sich nicht recht entscheiden, ob sie sich mehr Ausführlichkeit, mehr Erklärungen gewünscht hätte. Oder ob diese Vagheit passt zu einem Buch der Lücken, Nuancen, Schemen im Nebel.

Piraten sind doch cool

Die längste Zeit jedoch umkreist der Autor seine Hauptfigur Oleander, erzählt von der Befindlichkeit, von den Anpassungsschwierigkeiten eines Menschen, der sich in der Mitte seines Lebens an eine Behinderung gewöhnen muss. Trotzig folgt Kay Oleander einem Ritual, bei dem er morgens erst einmal das rechte Auge zuhält und mit dem linken ins Nichts starrt. Dann legt er das weiche, irgendwie tröstliche Filzteil an, das ihn an die coolen Piraten seiner Kindheit erinnert: „Eine innere Freude, die ich mit niemandem teilte.“ Mit niemandem ist freilich nicht ganz richtig: Sein Autor teilt sie mit uns.

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