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Das Ehepaar Aleida und Jan Assmann erhält von Heinrich Riethmüller den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

Friedenspreis für Ehepaar Assmann

Seit 1950 wird der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels vergeben. In diesem Jahr kann sich das Ehepaar Aleida und Jan Assmann über die Auszeichnung freuen.

Die Kulturwissenschaftler Aleida und Jan Assmann haben am letzten Tag der Frankfurter Buchmesse den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten. In ihrer Dankesrede plädierten die Preisträger am Sonntag für weltweite Solidarität als Antwort auf zunehmenden Nationalismus. Es könne nicht angehen, dass es eine neoliberale Freiheit für Kapital, Güter und Rohstoffe gebe, während Migranten an Grenzen festhingen und ihr Leid vergessen werde, sagten Aleida und Jan Assmann, die ihre Dankesrede im Wechsel hielten, bei der Preisverleihung in der Frankfurter Paulskirche. Das Preisgeld von 25.000 Euro wollen die Assmanns an drei Initiativen spenden, die sich für die Integration von Migranten engagieren.

Das Forscherpaar Assmann ergänze sich in seiner Arbeit seit Jahrzehnten wechselseitig, begründet der Börsenverein des Deutschen Buchhandels die Preisverleihung. Aus dieser spannungsvollen Einheit sei ein zweistimmiges Werk entstanden, das für die zeitgenössischen Debatten um ein friedliches Zusammenleben auf der Welt von großer Bedeutung sei.

Die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann (71) greife die Themen Geschichtsvergessenheit und Erinnerungskultur auf, so der Börsenverein. Angesichts einer wachsenden politischen Instrumentalisierung der jüngeren deutschen Geschichte leiste sie so Aufklärung zu Fragen eines kulturellen Gedächtnisses einer Nation.

Der Ägyptologe und Kulturwissenschaftler Jan Assmann (80) habe internationale Debatten um Grundfragen zu kulturellen und religiösen Konflikten angestoßen, heißt es in der Begründung weiter. Mit seinen Schriften zum Zusammenhang von Religion und Gewalt leiste er einen unverzichtbaren Beitrag zum Verständnis der Friedensbereitschaft und Friedensfähigkeit der Religionen in der Weltgesellschaft von heute.

Nationalistische Politik befördere Entsolidarisierung, indem sie Hass auf Schwächere oder Fremde schüre, sagten die Assmanns. Eine Wohlfahrtswelt brauche soziale Solidarität in der Gesellschaft und vor allem globale Solidarität im Umgang mit ökonomischen und natürlichen Ressourcen. Nur so könne es eine Zukunft für nachfolgenden Generationen geben.

In der Demokratie kann nach Ansicht der Assmanns Denken nicht delegiert und Experten oder Demagogen überlassen werden. Es müsse einen Grundkonsens über Verfassung, Gewaltenteilung, Unabhängigkeit des Rechts und Menschenrechte geben. Nicht jede Stimme gegen diese Grundüberzeugungen verdiene Respekt. Sie verliere diesen Respekt, wenn sie darauf ziele, die Grundlagen für Meinungsvielfalt zu untergraben.

Der deutsch-amerikanische Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht sagte in seiner Laudatio, Aleida Assmann habe sich dafür engagiert, in den Gesellschaften Europas mehr Verständnis für Flüchtlinge zu wecken. Jan Assmanns These über einen historischen Zusammenhang zwischen den Absolutheitsansprüchen der theologischen Monotheismen einerseits und der politischen Totalitarismen andererseits habe unter europäischen Intellektuellen als Warnung vor moralischer Überheblichkeit gewirkt.

Die in Bethel bei Bielefeld geborene Aleida Assmann wurde 1993 Professorin für Anglistik und allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz. Sie veröffentlichte unter anderem die Bücher „Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik“ (2006) und jüngst angesichts der Flüchtlingsdebatte „Menschenrechte und Menschenpflichten“ (2017).

Der in Langelsheim im Harz geborene Jan Assmann war von 1976 bis 2003 Professor für Ägyptologie an der Universität Heidelberg. Über die Analyse des ägyptischen Totenkults setzte er sich mit der Frage auseinander, welches Selbstverständnis eine Kultur späteren Generationen von sich vermitteln will. Er verfasste Bücher zur Entstehung des Monotheismus und leistete einen Beitrag zur aktuellen Diskussion über das Gewaltpotenzial monotheistisch geprägter Gesellschaften, etwa in „Totale Religion. Ursprünge und Formen puritanischer Verschärfung“ (2016).

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wird seit 1950 vergeben. Zu den Trägern des Preises gehören der DDR-Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer, der Schriftsteller Martin Walser, der Historiker Fritz Stern, der Philosoph Jürgen Habermas und die amerikanische Essayistin Susan Sontag. Im vergangenen Jahr erhielt die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood den Preis. (epd)

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