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Durchs wilde Asien, hier Kambodscha.

Literatur

Reise in zwei Richtungen

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In Friedemann Karigs Roman „Dschungel“ strandet der Erzähler in Asien und in seiner Vergangenheit.

Der namenlose Ich-Erzähler in „Dschungel“, dem Debütroman von Friedemann Karig (geboren 1982) meistert Abenteuer, die er wahrlich nicht gesucht hat, und er denkt lästige, von anderen hereingespielte Gedanken. Dennoch ist er ein Glückspilz, denn sowohl die unfreiwilligen Abenteuer als auch die Gedanken sind gar nicht uninteressant und ließen kaum etwas zu wünschen übrig, wenn dieser Erzähler nicht so viel daran herumnörgeln würde. Gut, er geht nicht aus eigenem Antrieb auf eine Reise entlang der erst mehr, dann weniger ausgetretenen Backpackerrouten nach Kambodscha, und es ist schon recht, dass er dem drogenbefeuerten Selbstfindungsquark, dem man ihn aussetzt, kritisch gegenübersteht – auch wenn er in seinen Reflexionen darüber doch sehr ausführlich wird.

Der Knackpunkt ist, dass es einmal mehr sein vereinnahmender Freund Felix ist, der ihn zu alledem zwingt. Der irgendwie schönere, stärkere, mutigere, hungrigere Felix, dem der Erzähler seit der Kindheit nacheifert und dessen Zuneigung er nie ganz gewinnen kann, ist bei seiner Allein-Weltreise vor ein paar Wochen auf einmal von der Bildfläche der sozialen Netzwerke verschwunden. Felix’ Mutter ahnt das Schlimmste und schickt seinen Freund, den Ich-Erzähler, auf die Suche. Es wird auch eine Reise in die Vergangenheit.

Der Roman wechselt unter erhöhtem Cliffhanger-Einsatz kapitelweise zwischen zwei verdorbenen Paradiesen: zwischen der Reisebeschreibung durchs wilde Asien und den Rückblenden in die südwestdeutsche Kleinstadtkindheit. Besonders der in Asien spielende Teil wirkt recht konstruiert und dekoriert. Man merkt, wenn dem Autor bange wird, dass der Leser die Geduld verliert, und er dann einen handlungstreibenden Schalter umlegt oder schnell den Spielort wechselt. Der Zufall – oder die erzählerische Willkür – muss ordentlich mithelfen, dass die Reisen interessant und spannend bleiben.

Die mit pop-lyrischen Glitzersteinen durchsetzten Kindheitserinnerungen sind nostalgisch überstrahlt und zugleich melancholisch überschattet. Man muss mit den Jungs Mutproben und Blamagen überstehen sowie die Provokationen von Felix, der die Freundschaft immer wieder auf die Probe stellt und den Bogen mehrmals überspannt. Doch auf die Komplexe und die mit Coolness getarnte Unterwürfigkeit des Erzählers gegenüber Felix ist Verlass, auch bei der Liebe ist klar, wer das Recht der ersten Nacht hat und wer sich zufrieden gibt mit dem, was übrig bleibt.

Der Leser ahnt lange nichts von den zugrundeliegenden seelischen Verletzungen, die zu diesem enervierenden Verhalten der beiden wie in einer schlechten Ehe voneinander abhängigen Freunde führen – und ein bisschen scheint es so, als sei auch dem Autor erst unterwegs eingefallen, dass er eine Begründung dafür installieren oder verstärken muss. An mindestens zwei Stellen, über die man nichts verlauten lassen darf, weil das der auf Spannung angelegten Handlung zu viel vorwegnähme, wird man doch von hereingereichten Informationen kalt überrascht und ein bisschen ausgetrickst. Doch das ist, weil man sich gut unterhält, leicht verzeihlich. Lieber zu viel Fabulierlust und Gefühlsmut in einem Debüt als zu wenig.

Buchinfo: Friedemann Karig - Dschungel

Ullstein Verlag, Berlin 2019. 384 S., 22 Euro.

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