Männerfreundschaft: Kracauer und Adorno 1924 in den Dolomiten.
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Männerfreundschaft: Kracauer und Adorno 1924 in den Dolomiten.

Adorno und Kracauer

Friedel und Teddie

Keine Einigung über den Film und die Kritische Theorie, aber eine lebenslange Freundschaft: Theodor W. Adorno und Siegfried Kracauer.

Von MICHAEL RUTSCHKY

Der Coup de foudre liegt schon ein paar Jahre zurück, als der überlieferte Briefwechsel 1923 einsetzt - Siegfried Kracauer ist 30, als er sich heftig in Theodor Wiesengrund verliebt, einen elfischen Gymnasiasten von ebenso hoher wie ausgreifender Begabung. Beide schreiben einander offen über ihre Leidenschaft - "eine solch quälende Liebe zu Dir" (Kracauer) -, was den Briefwechsel gleich zu Beginn zu einem außerordentlichen Dokument macht, weil solche Gefühlsstürme in der Regel der Zensur unterliegen; Freud charakterisiert die Homosexualität nichtschwuler Männer als "zielgehemmt": Ob man die (außerordentlich schönen) Sexualszenen, die Kracauers Romanheld "Georg" mit einem gewissen Freddie erlebt, als Reminiszenzen oder als Wunschphantasien lesen soll, die nur auf Papier ausgearbeitet werden durften, bleibt (indiskrete) Spekulation.

Als Teddie nach Wien geht, um bei Alban Berg sein Komponieren zu vervollkommnen, könnte die Hitze verdampft sein; womöglich entstand Indifferenz, wenn nicht Hass, wie das so oft zwischen Männern nach solchen Leidenschaften geht - doch bleiben Teddie und Friedel einander lebenslang verbunden. Die Freundschaft hält durch schwere Krisen hindurch.

Diese ergeben sich aus den Arbeitsbeziehungen. Anfangs ist Kracauer als Redakteur der Frankfurter Zeitung der Mentor des genialen jungen Wiesengrund, er bringt seine Texte ins Blatt, berät ihn in Fragen des Rundfunkvortrags (wobei das altkluge Junggenie gleich alles besser weiß) und hofft zuweilen, dass "das alles nicht wieder so schwer geschrieben ist". Am Ende bringt Theodor W. Adorno, das Schulhaupt der Kritischen Theorie und mit einer explodierenden Produktivität gesegnet - von der man aber auch denken kann, sie habe ihm den frühen Herztod eingetragen -, seinen alten Freund bei Suhrkamp unter; jene Bücher erscheinen, die unsereinen für Kracauer gewonnen haben, "Das Ornament der Masse" (1963), "Straßen in Berlin und anderswo" (1964), sogar die "Theorie des Films" (1964), die nach Adornos Meinung bei weitem zuviel Ontologie enthielt. Altklug wie je erklärte er, dem Film grundsätzlich abgeneigt, dem Kinogeher Kracauer, dass es (wegen Hollywood) eigentlich noch gar kein Kino gebe - zu einem Zeitpunkt, als in der Bundesrepublik und in Adornos Umkreis eine genuine Filmkritik entstand; Wolfram Schütte, eine der Säulen dieses Feuilletons, war Teil davon.

Es machte Kracauers Schriften für die Adepten der Frankfurter Schule so attraktiv, dass er ihre zentralen Motive teilte, sie jedoch anders gruppierte und letzten Endes in eine andere Richtung entwickelte. Er verhielt sich zur Kritischen Theorie wie Friedrich Schleiermacher zum deutschen Idealismus oder Roland Barthes zum Pariser Strukturalismus. (Kracauers Aufsatz "Die Photographie" von 1927 nimmt zentrale Gedanken von Roland Barthes' "Die helle Kammer" von 1985, den gewissermaßen ontologischen Realismus der Kamera, vorweg - allerdings ist Kracauer Barthes ganz unbekannt.)

Während sich die heftige Liebe der beiden Männer in beständige Freundschaft verwandelt, treten die intellektuellen Differenzen immer wieder zutage. Adorno verfolgt eine Kunst und Philosophie, welche "die bestehende Gesellschaft und ihre kommunikativen Kategorien transzendieren muss". Als er in einem Kronberger Hotel an seiner Habilitationsschrift über Kierkegaard arbeitet, spottet Kracauer, das Hotelzimmer werde wohl "von den Stürmen der Weltrevolution durchzittert sein". Während Kracauer seine essayistische Zeitungsarbeit als "Maschinengewehrfeuer von kleinsten Intuitionen" kennzeichnet und der kritischen Gesamtschau der gesellschaftlichen Totalität abzuschwören vorschlägt - die KPD und die SU liefern keinen archimedischen Aussichtspunkt -, beginnt Adorno seine hermetische Spielart des Marxismus zu entwickeln; Jürgen Habermas wird 1960 die "verschwiegene Orthodoxie" der Kritischen Theorie als Blockade erkennen, und noch heute beobachtet man sie, wenn versprengte Veteranen ebenso hochfahrend wie hilflos über die Tauschabstraktion und den Warenfetisch und den universalen Verblendungszusammenhang perorieren. (Habermas selbst musste mit der Kritischen Theorie noch einmal ganz woanders anfangen.)

Quälende Spannung erfüllt den Briefwechsel während der dreißiger Jahre, zeitweise setzt er ganz aus. Kracauer bemüht sich im Pariser Exil um regelmäßige Mitarbeit bei dem von Max Horkheimer umsichtig in die USA transferierten Institut für Sozialforschung - aber Adorno resümiert in einem internen Gutachten schneidend, "dass Kracauer weder seiner theoretischen Haltung nach verbindlich zu uns gehört, noch seiner Arbeitsmethode nach als wissenschaftlicher Schriftsteller rangiert". Dabei ist Adorno angestrengt bemüht, für seinen Freund die Überfahrt und die Unterstützung einschlägiger Institutionen zu organisieren, was endlich in Kracauers erstem großen Filmbuch, "From Caligari to Hitler" (1947) resultiert, das eine ganze Schule begründet; zwar gehörte Kracauer nicht wahrhaft zur Corona der "kritischen Kritiker" (Marx), doch Teddie half Friedel, wo er nur konnte, no doubt about that.

Kracauers Einwand gegen die hermetische Spielart des Marxismus lautet immer wieder: dass die Kategorien doch noch gar nicht fertig seien. "Bei Dir tritt der Fascismus als eine fertige Sache auf, die hundertprozentig ein- und zugeordnet werden kann." 1960 ergibt ein "Talk with Teddie", dass dessen sozialkritische Kategorien viel zu formal und allgemein seien; und aus einem Brief von 1965 kann man hinzufügen: "Vor allem deshalb, weil die gesellschaftlichen Verhältnisse heute in solcher Veränderung begriffen sind, dass es neuer Definitionen bedarf, um sie fassbar zu machen."

Als eine dieser Veränderungen muss man den überwältigenden Erfolg erkennen, den der aus dem Exil zurückkehrende Adorno in Frankfurt, in der frühen Bundesrepublik erlebte; schon die "Minima Moralia" (1951) waren so etwas wie ein Bestseller - aber ihren Verfasser wandelt auch im weiteren Verlauf der Begebenheiten nicht die Ahnung einer soziologischen Reflexion auf diesen Sachverhalt an; er bemäkelt Kracauers Erfolge - der 1957 Ehrengast bei der Biennale in Venedig ist - als Zeichen von Anpassung und Konformismus.

Das Wunderkind muss mit 60 den Ruhm als das Geschenk empfunden haben, das ihm schon lange zustand - während die Kritische Theorie die gesellschaftlichen Veränderungen der sechziger Jahre als Avantgarde stimulierte. Es bleibt ein ewiger Verlust, dass Adorno so früh starb - nur drei Jahre nach Kracauer, der 14 Jahre älter war - und sich mit seiner durchdringenden Intelligenz nicht doch noch an diese Arbeit machen konnte.

Theodor W. Adorno / Siegfried Kracauer:Briefwechsel 1923-1966. Hrsg. v. Wolfgang Schopf. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2008. 770 S., 32 Euro.

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