Orang-Utan in Taiwan.
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„Mann im Zoo“

Das freundliche Tier

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Ein weiterer amüsanter und gescheiter Roman des wiederentdeckten britischen Schriftstellers David Garnett erzählt von einem Gentleman im Affenhaus.

Sabine Dörlemanns Gespür für angelsächsische Literatur ist die Wiederentdeckung, nein, die Entdeckung des Briten David Garnett (1892-1981) zu verdanken. Die Schweizer Verlegerin ließ seinen kleinen Roman „Dame zu Fuchs“ (1922) übersetzen, ein Überraschungserfolg des Bücherfrühjahrs 2016, den außer ihr offenbar niemand recht vorhersagen mochte. Er, der Erfolg, stand gewiss mit dem extravagant rosafarbenen Umschlag in Verbindung und mit der außerordentlich adäquaten, entspannten, witzigen Übersetzung der jungen Maria Hummitzsch. Im Zentrum aber war Garnetts in allen Facetten durchgespielte Idee, dass eine glückliche Ehefrau sich eines Tages ad hoc in eine Füchsin verwandeln könnte. Durchaus kaltblütig spielte Garnett die Folgen durch (Schamgefühl, Geruch, Jagdinstinkt, sexuelle Bedürfnisse etc.), ließ aber auch die Liebe und Treue des Ehemannes über den Großteil der Fährnisse triumphieren.

Zwei Jahre später dachte Garnett, als Mitglied des Bloomsbury Kreises Geselligkeit und zwischenmenschliche Komplikationen gewohnt, sich eine andere Situation aus. Auch ihr mangelt es nicht an Kafka-Potenzial, auch sie aber bringt er garnettesk nüchtern und zugleich comme il faut zu Ende. „Mann im Zoo“ (1924) lässt ein junges Paar übel streiten. Da die Szene zwischen Tierkäfigen spielt, versteigt sich die Frau nach wenigen Seiten zu dem Satz, er gehöre selbst hierher, als Tarzan unter Affen. Da der Zank auch böse endet – die Frau, aus bester Gesellschaft, ist nicht bereit, sich über die Wünsche ihres Vaters hinwegzusetzen –, reagiert der Mann mit eben jener konsequenten Unlogik selbstschädigend und trotzig, wie es häufig eher Frauen unterstellt wird. Er schließt mit der zunächst befremdeten, dann zunehmend interessierten Zoogesellschaft einen Vertrag, zieht in einen eigens für ihn hergerichteten Käfig im Affenhaus und gibt seinem Leben auf diese Weise einen ganz anderen Dreh.

Nach „Dame zu Fuchs“ spürt man jetzt natürlich schon viel deutlicher, wie Garnett eine neue Versuchansordnung (Mann im Zoo) einrichtet und damit zu spielen beginnt. Aber erneut ist die Folgerichtigkeit bestechend, die zugleich voller kleiner und größerer Überraschungen steckt, denn freilich wird die Leserin über eine solche Situation noch selten nachgedacht haben. Der Mann, in dessen Nachnamen Cromartie der frühe Cro-Magnon-Mensch anklingt, lebt im Käfig den diskreten Alltag eines Gentleman. Gleichwohl ist der Andrang der Besucher enorm, „und niemand war im Anschluss wirklich enttäuscht“. Garnett nimmt hier gewissermaßen die unbegreiflichen Reize von Reality-Soaps voraus. Es gibt nichts Besonderes zu sehen, außer einer heillos unechten Wirklichkeit. Aber alle wollen dabei sein.

Mr. Cromartie indessen bleibt unter Affen erst recht das Tier Mensch. Nicht eine Borniertheit, die Krone der Schöpfung zu sein, macht ihn dazu, sondern seine höfliche Anpassung, seine Scheu, auch – ein selbstbewusstes Statement Garnetts – seine Unfähigkeit, unter widrigen Umständen zu verwildern. Auf abendlichen Spaziergängen lernt er einen Karakal kennen, eine Wildkatze, die zu ihm in den Käfig ziehen darf. Nun muss man ihn sich im Sessel bei der Lektüre des „Wilhelm Meister“ vorstellen, der Karakal zu seinen Füßen, friedfertige Parodie bürgerlichen Behagens.

Auf den bald engagierten zweiten Mann im Zoo – zu erfolgreich ist der neue Bewohner, die Zoogesellschaft kann nicht widerstehen – reagiert er hingegen mit Verlegenheit. Uns geht es kaum anders, schmerzlich grob zeichnet Garnett im putzmunteren Schwarzen den vorgeführten Wilden, der jetzt sein Schicksal selbst in die Hand nimmt. Er verspricht sich Vorteile vom Zooleben. Er ist der Zerrspiegel für Cromartie, dem der Zoo als Rückzugsort dient, offensichtlich ein eigenartiger Rückzugsort angesichts der exponierten Stellung als beliebtestes Ausstellungsstück. Aber auch Eremiten werden bestaunt, so man ihrer habhaft wird.

Auch hier überzeugt Maria Hummitzschs Übertragung, die den Ball flach hält wie der junge Mann, dessen Perspektive Garnett weitgehend einnimmt. Seiner Anspruchs- und Arglosigkeit ist es zu verdanken, dass „Mann im Zoo“, ebenso wie „Dame zu Fuchs“, nicht zum Alptraum wird, sondern amüsant bleibt bis zum unerwarteten Ende.

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