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„Freude“ von Angela Köckritz: Bis zum letzten Pantoffeltierchen

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Von: Arno Widmann

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„Moos weckt meinen Beschützerinstinkt“, schreibt Angela Köckritz.
„Moos weckt meinen Beschützerinstinkt“, schreibt Angela Köckritz. © imago

Alles ist ein großes Wunder: Angela Köckritz’ ausgesprochen tröstliches Buch über „Freude“ bietet eine Anleitung zum Glücklichsein.

Ohne den Krieg in der Ukraine hätte ich mir vielleicht „Freude“ von Angela Köckritz nicht gekauft. Das immer wieder in Angst umschlagende Gefühl des Unbehagens mit der derzeitigen Situation, lässt mich in Liebeskomödien und zur Schönheit von Gedichten fliehen. Fliehen ist nicht das richtige Wort. Ich nutze sie vielmehr als Reparaturwerkstätten, die meine von den Nachrichten lädierte Psyche wieder aufrichten helfen.

„Freude – Über die Entdeckung der Leichtigkeit“ heißt das Buch der 1977 geborenen Journalistin. Sie arbeitete u.a. als Korrespondentin der „Zeit“ in Peking und Dakar. Ihr Buch skizziert in mehr als 50 kleinen Vignetten auf 256 Seiten Augenblicke der Freude. Das heiße Bad mit einem Glas Rotwein auf dem Beckenrand gehört dazu wie der Anblick der Eleganz, mit der auch die ärmsten Frauen in Burkina Faso den aufrechten Gang pflegen. Es gehört auch der skeptische Blick auf die eigene Freude dazu. Jene so stolz wirkenden Frauen stecken, Angela Köckritz sieht näher hin, in einer höllischen Konkurrenz. Die nächste Nebenfrau steht bereit, ihre Stelle einzunehmen. Eleganz ist eine Waffe, wie die Schönheit auch eine ist. Selbst die Fähigkeit, Freude zu verbreiten, ist eine. Vielleicht die wirksamste.

Auf diese Kunst versteht sich die Autorin Köckritz. Sie hat keine Furcht vor starken Empfindungen und auch keine vor den ihnen entsprechenden Beschreibungen. Wer vor Kitsch flieht, flieht vor dem Leben und vor der Medizin, die uns vor ihm schützt. Köckritz’ Buch ist eine Reiseapotheke, vollgestopft mit Medikamenten gegen das Leiden am Leben, gegen die – wie George Steiner das 2005 nannte – „Sadness of thought“. Denken mag traurig machen, aber es stellt auch die Gegengifte.

Eine Kollektion davon hat Angela Köckritz bereitgestellt. Jeder Leser und jede Leserin wird sich andere Geschichten herausgreifen und sie nutzen, um sich an ähnliche Momente im eigenen Leben zu erinnern. „Wieder und wieder versicherten mir Chinesen, dass Essen für sie das ist, was für den Westler Erotik darstellt: Ausdruck höchster Sinnlichkeit, orgasmatischer Sinnenrausch.“

Das ist eine sehr heftige Wortwahl. Zumal die von Angela Köckritz geschilderten Freuden sich alle im jugendfreien Bereich abspielen. Und es gibt noch eine auffällige Lücke: den Sieg. Fast alle von der Autorin gesammelten Freuden sind solche, die genossen werden können, ohne dass jemand Schaden nimmt oder auch nur in einem Wettbewerb verliert. Es sind keusche Freuden.

Es geht im Wesentlichen um das, was der Untertitel sagt: Um die Entdeckung der Leichtigkeit. Das Flanieren, die Verlangsamung, die einen Vorgänge und Dinge beobachten lassen, die man als gehetzter Termin-Junkie niemals wahrnehmen würde. Dazu die Fähigkeit, ihnen Bedeutung zu geben. Sie wichtig zu machen. Sie erinnern Köckritz an Dürers „Rasenstück“ oder an ihren Sohn als er vier Jahre alt war und er keine drei Schritte gehen konnte, ohne anzuhalten und sich in den Anblick einer Pfütze und in sie selbst zu vertiefen. So entdeckt man die Welt. So macht sie einem Freude. Freude wird einem nicht geliefert. Sie widerfährt einem. Aber nur, wenn man bereit ist für sie. Sie ist eine Reaktion auf etwas oder jemanden, der mir begegnet. Sie ist der Augenblick dieser Begegnung.

Das Buch

Angela Köckritz: Freude – Über die Entdeckung der Leichtigkeit. Berlin Verlag 2022. 256 Seiten, 20 Euro.

Ich hatte eine Freundin, die bei jeder Zugfahrt neue Menschen kennenlernte. Einige wurden Freunde. Sie saß nicht da und las. Sie war gespannt auf Menschen und Welt. Kein Wunder, dass ihr mit mir langweilig wurde.

Als ich damals George Steiners „Warum Denken traurig macht“ las, dachte ich. Es ist nicht das Denken, das traurig macht. Der Mangel an Bewegung ist es. Köckritz berichtet vom Eislaufen, Tanzen, Spazierengehen, aber auch vom Geschwindigkeitsrausch. Daneben kommt sie immer wieder auf unterschiedlichste Freuden des Nichtstuns zurück: sich ins Gras legen und hochblicken zum Himmel oder abends vom Dach des Hauses aus einen Blick in die Sterne. Da dann die Einsicht, „dass alles, bis zum letzten Pantoffeltierchen, ein großes Wunder ist“. Ein Gedanke, der definitiv nicht traurig macht.

Angela Köckritz erinnert sich und uns daran, was wir tun können, um bereit zu sein für freudige Begegnungen. Es genügt, da zu sein. Nicht dauernd woanders sein wollen, als man gerade ist. „Moos weckt meinen Beschützerinstinkt. Wann immer ich Moos entdecke, grün, weich, ausgesetzt wie ein wehrloses Tier, möchte ich über sein Moosfell streicheln.“ So leicht geht das mit der Freude. Und so schwer.

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