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Koneffke und Fels (rechts) beim Heurigen in Wien.
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Koneffke und Fels (rechts) beim Heurigen in Wien.

Ludwig Fels 70

Ein Fremder überall

Der Mensch muss sich „in sich selber beheimatet fühlen“: Dem Schriftsteller Ludwig Fels zum 70. Geburtstag.

Von Jan Koneffke

Als wir uns vor rund zehn Jahren im Wiener Augarten trafen, fremdelte er. Doch seine Vorsicht erstaunte mich nicht weiter. Schließlich war der angebliche „Bürgerschreck“ Ludwig Fels im Literaturbetrieb immer ein Außenseiter gewesen.

Gewiss, man hofierte den 1946 im fränkischen Treuchtlingen geborenen einstigen Hilfsarbeiter, Maschinisten, Stanzer und Packer, der es zum freien Schriftsteller gebracht hatte. Seinerzeit, in den späten siebziger und frühen achtziger Jahren feierte man ihn geradezu als Jungstar der Literatur. Hier war er, der hochbegabte „Arbeiterdichter“, mit dem sich der Betrieb schmücken konnte. Doch Fels, der aus dem „Werkkreis Literatur der Arbeitswelt“ gleich wieder austrat, wollte sich nicht vereinnahmen lassen. Seine schonungslose Wahrhaftigkeit vertrug sich nicht mit der Vorstellung von Literatur, die operative Funktionen zu erfüllen hat. Entsprechend kritisierte man seine Bücher gerne als „fatalistisch“ und „perspektivlos“.

Ein kluger Rezensent wie Heinrich Vormweg verlieh seinen Werken hingegen das Etikett des „Erlebnisrealismus“. Das richtete sich zunächst gegen jene Realisten, die in der Wirklichkeit, die sie schilderten, gänzlich unerfahren waren; es legte den Schriftsteller aber auch fest. Sollte der nun nur noch schreiben, was er am eigenen Leib erlebt hatte? Sollte der Verfasser von „Ein Unding der Liebe“, seinem erfolgreichen Roman von 1981, der monatelang den 1. Platz der SWR-Bestenliste belegte und für das ZDF als Zweiteiler verfilmt wurde, auf ewig seinem proletarischen Milieu treu bleiben und sich nicht der befreienden Phantasie bedienen dürfen? „Ich müsste etwas erleben, um berichten zu können …“, notierte Fels einmal, als wolle er sich das Etikett auch noch selber ankleben.

Entdeckt vom legendären Luchterhand-Lektor Klaus Roehler debütierte der 27-Jährige mit einem Lyrikband: „Anläufe“. Das war beileibe kein Zufall. Denn der „Arbeiterdichter“ entfremdete sich der entfremdeten Welt seiner Helden im ersten autobiografisch grundierten Roman „Die Sünden der Armut“ aus dem Jahre 1975 und dem bereits erwähnten „Unding der Liebe“ durch und mit der Sprache. Es waren die expressionistische Wucht, die kühnen Metaphern, die bildlichen und aphoristischen Zuspitzungen dieser Prosa, die der Wut über die in Kindheit und Jugend erlebte soziale und menschliche Misere Ausdruck verliehen. Es war die Sprache, die es dem Autor erlaubte, von seinem Antihelden Georg Bleistein, dem unehelichen Sohn einer Alkoholikerin und Prostituierten, der als Küchenhilfe arbeitet und von Tante und Großmutter mit Essen vollgestopft wird, das die mangelnde Liebe ersetzen soll, nicht nur zu erzählen, sondern sich aus dieser Welt deformierten Lebens voller Zorn und Trauer herauszusprengen.

Im Übrigen hatte Fels im fetten Georg Bleistein, seinem „Unding der Liebe“, der sich vergeblich nach Zukunft und Zuneigung sehnt, mehr als eine Geschichte psychosozialen Elends geschrieben. Sie handelte auch von der langen Nachkriegszeit, in der das von verbrecherischem Krieg und Niederlage traumatisierte Land in der Fresswelle die erstarrten Gefühle zu kompensieren suchte.

Die Entfremdung des Autors Ludwig Fels von seiner entfremdeten Herkunft, von Sprachlosigkeit und Faustrecht, hob die innere Fremdheit nicht auf – sie verstärkte sie. Fels, der früh formulierte, zuerst müsse der Mensch „sich in sich selber beheimatet fühlen“, verließ seine Heimat und zog nach Wien.

Seit 33 Jahren lebt er nun dort. Dadurch geriet er im deutschen Literaturbetrieb zwar nicht in Vergessenheit, doch wird er von der Kritik schon mal gerne als „österreichischer Schriftsteller“ expatriiert. Das ist umso kurioser, als er in Österreich lange ein Fremdkörper blieb. Und er selbst bis heute mit seiner Wahlheimat fremdelt. Dass er aber dem Impuls, nach Franken zurückzukehren, nicht nachgibt, verrät etwas über den Abgrund der Entfremdung, der sich zwischen ihm und seinem alten Leben aufgetan hat.

Mit seinem meisterlichen Alterswerk, dem sprachlich und atmosphärisch dichten, von der Kritik sträflich vernachlässigten Roman „Hottentottenwerft“ (2015) hat sich Fels nach mehr als zwanzig Gedicht- und Prosabänden, zahllosen Hörspielen und Theaterstücken, endgültig vom „Erlebnisrealismus“ befreit. Denn das Buch um den Reitersoldaten Crispin Mohr spielt in Deutsch-Südwestafrika, mithin zu Kolonialzeiten, einer Welt, die Fels ebenso wenig erleben konnte wie er das heutige Namibia bereist hat, und die er trotzdem mit großer Eindringlichkeit schildert. Und dennoch: Der kaiserliche Rekrut, der an Grausamkeit und Ungerechtigkeit durch seine Landsleute zerbricht, dieser Fremde in der Heimat und Fremde in der Fremde, dieser empfindsame, rebellische Mann, erinnert von fern an ihren Autor.

Dessen Vorsicht bei besagtem Treffen legte sich übrigens bald. Mit der Zeit wurde mir der warmherzige Mensch und bewundernswert eigensinnige Schriftsteller zum guten Freund. Am Sonntag wird Ludwig Fels 70 Jahre alt.

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