Das fremde Leid

Geschichte eines Folteropfers: Sherko Fatahs Roman "Onkelchen"

Von SABINE PETERS

Wenn junge Männer am Heiligabend nicht mehr mit sich weiter wissen, können sie auch einen Schwan umbringen und braten. Mit der Durchführung dieses ziemlich verstörenden Vorgangs beginnt der neue Roman Sherko Fatahs, der 1964 in Berlin geboren wurde. Einer der jungen Männer, Michael, sagt von sich selbst, er sei in einer "unbefestigten Lebenssituation"; ein verbummelter Student ohne feste Beziehung, bereit, sich in Abenteuer verwickeln zu lassen.

So lernt er Rahman kennen, einen kurdischen Iraker, der auf diversen Baustellen arbeitet, und über ihn zwei Illegale: Nina und "Onkelchen". Michael ist dabei, sich in Nina zu verlieben, aber die Hauptsache in deren Leben scheint "Onkelchen", Omar, zu sein. Der Alte spricht nicht oder nur mit ihr, und man begreift schnell, dass er psyschisch krank ist, traumatisiert von Vorfällen aus seiner Vergangenheit. Das allerdings wird zwischen den jungen Männern nicht thematisiert. Als sie wissen wollen, was mit dem Alten los ist, behandeln sie ihn wie einen Gegenstand: In einer weiteren äußerst irritierenden Szene pressen sie ihm mit Gewalt den Mund auf und sehen schreckliche Verletzungen. Omar ist ein Opfer von Folterungen. "Sieht ziemlich scheiße aus... Bei all den Wirtschaftsflüchtlingen ist das einer, den es wirklich erwischt hat. Und der ist illegal. Das ist doch ein Witz." Rahman und Michael fahren dann in den Norden des Irak, Rahman überführt ein Auto dorthin, besucht seine Familie, und beide versuchen, mehr über Omars Geschichte herauszufinden.

In diesem Roman sind alle Fremde und mehr oder weniger sprachlos

Die große Qualität von Sherko Fatahs Roman besteht in der Fremdheit und Distanz, die der Autor zu dem Geschehen einhält. In diesem Roman sind alle Fremde, alle sind mehr oder weniger sprachlos: Die Illegalen in Deutschland sind es, aber dann sind es auch Michael und selbst Rahman in seinem Herkunftsland. Michael hält sich nicht an dessen Ratschläge und Warnungen, gerät prompt an den Rand einer Schießerei, aber wer kämpft da eigentlich? Sie bewegen sich in unbefestigtem Gebiet. "Es gibt keinen Staat, sondern nur Territorien, Absprachen - und Wortbrüche." Die Toten auf der Straße? "Das waren unsere... Woran erkenne ich ,unsere' eigentlich? ...Vielleicht daran...daß sie nicht auf dich schießen... Sondern nur mein Auto klauen..."

Einmal geraten die beiden in Streit darüber, was sie hier eigentlich wollen. Rahman wirft dem Freund vor, keine Position zu beziehen, und seine Vorwürfe erweitern sich in einen Plural, der im Grunde die Bevölkerung sämtlicher westlichen Demokratien umfasst. "Ihr" verkauft erst Minen, dann Prothesen, erst Giftgas, dann Medikamente; "Ihr" seid abgeklärte indifferente Schwätzer, die an allem verdienen. Michael verteidigt sich, betont den Singular, das "ich": Er selbst habe einen Abstand, der nicht auf Bösartigkeit oder Ignoranz beruhe. Und es scheine ihm Unrecht, die Qualen Fremder zu studieren. Der Streit wird nicht geklärt, aber die Handlung entwickelt eine vom Autor behutsam beschriebene, von Michael eher hilflos betriebene Annäherung an Omar.

Kann und darf man sich in ein Opfer von Folter hineinversetzen?

Die Frage, ob man sich als Nichtbetroffener in ein Opfer von Folter hineinversetzen kann bzw. "darf", wurde unter anderem anhand von Dorothea Dieckmanns Roman Guantánamo heftig diskutiert. Vermutlich wäre die teilweise überzogene Kritik sachlicher ausgefallen, hätte die Autorin sich nicht einem Gefangenen der US-Streitkräfte zugewandt. Dieckmanns Text war minutiös recherchiert und dabei gleichzeitig ein literarisches Experiment, eine Fantasie über die Innenwelt eines Gefangenen. Pointiert könnte man sagen, Dieckmann vertrat einen universalistischen Ansatz, eine grenzüberschreitende grundsätzliche Einfühlung in "den" gefangenen, leidenden Menschen.

Sherko Fatah setzt den Schwerpunkt seines Buches anders: Er konkretisiert die Frage, ob es überhaupt möglich ist, die eigenen kulturellen Grenzen zu überspringen, um fremdes Leid zu verstehen. Fatah zeigt nur ein paar Splitter aus dem Lebensweg Omars, dieses engagierten Lehrers, der Wissen und Fortschritt in entlegene arme Dörfer bringen wollte. Omar wurde verhaftet, gefoltert und unter größten Mühen von Angehörigen Richtung Westeuropa geleitet, in der Hoffnung auf medizinische Hilfe. Und Michael, der ihm nachging, wird ihn in Deutschland wieder aus den Augen verlieren.

Onkelchen ist ein in äußerst zurückgenommenem Tonfall geschriebener und dabei sehr komplexer Roman. Man erfährt etwas über die Gewalttätigkeit in einem von Krieg und Bürgerkrieg geschüttelten Land. Das Eingeständnis, die dortige Situation kaum zu verstehen und letztlich in einer anderen Welt zu leben, die allerdings ihrerseits nach der Reise auch anders aussieht - dieses Aushalten einer "Befremdung" nach allen Seiten gibt dem Roman seine Gespanntheit, seinen Wert.

Sherko Fatah: "Onkelchen". Roman. Verlag Jung und Jung, Salzburg 2004, 300 Seiten, 19,90 Euro.

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