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Mit dem Opel Kapitän des Pädagogen und Freundes Wilhelm Michels, der die Schmidts im April 1959 erstmals in Bargfeld besucht.

Arno Schmidt

Der Fremde im Häusel

Pünktlich zum 103. Geburtstag am heutigen Mittwoch: Fanny Esterházys gewichtige und vorbildliche Bilder- und Materialsammlung zu einer Arno-Schmidt-Biografie.

Von Hans-Jürgen Linke

Mütter können schrecklich sein. „Lieber Arno“, schrieb zum Beispiel Clara Schmidt am 21. November 1953 an ihren damals 39-jährigen Sohn, „hänge doch bitte die ganze Schreiberei an den Nagel, und suche Dir eine andere Beschäftigung, ein Dichter bist Du meiner Ansicht nach nicht (...). Und was hast Du denn davon das Du so unschöne Ausdrücke in Deinen Büchern verwendest, das war doch nie Deine Art, und politisch sei doch bitte ganz still, Du änderst doch nichts (...).“

Arno Schmidt, der um diese Zeit in der westdeutschen Literatur längst den Status eines vor allem in Kollegen-Kreisen bewundernd umraunten Schriftstellers hatte, antwortete mit einem „sackgroben“ Brief, der (leider) nicht erhalten ist. Aber konzedieren wir: Auch Söhne können wohl schrecklich sein.

In der Bildbiografie zu und über Arno Schmidt, die Fanny Esterházy herausgegeben hat, nehmen die Vorfahren ein Kapitel ein, das offenbar vor allem Biografie-Konventionen bedient. Markante Einflüsse der Herkunftsfamilie auf das schriftstellerische Werk sind kaum namhaft zu machen. Allenfalls kann die abweisende Atmosphäre von Fremdheit, die Schmidt um sich herum zu erzeugen pflegte, die fehlende Vertrautheit und das nicht vorhandene Einverständnis mit gesellschaftlichen Konventionen in den Soziotopen der frühen Jahre ihre Wurzeln haben; vielleicht ist die maskenhafte Selbstinszenierung auf fast allen Fotos, die je von Arno Schmidt gemacht wurden, eine sichtbare Folge dieser Fremdheit. Auch die – nie klaglose – Bereitschaft und Fähigkeit, in bedrückender Armut zu leben und dabei kleinbürgerliche Träume (etwa vom eigenen „Häusel“ in angenehmer Landschaft) nie aus dem Auge zu verlieren, mag hier ihre emotionalen Quellen haben.

Als Schmidt begann, über seinen Rang als Schriftsteller und seinen Nachruhm nachzudenken, beschrieb er in einem Vorwort zu „Materialien für eine Biografie“ sein Leben und seine Arbeit als „in entscheidendem Maße vom Ort abhängig“.

Die Bild-Biografie folgt dieser Vorgabe und gliedert Arno Schmidts Leben also in zehn Kapitel, die jeweils die an bestimmten Orten verbrachten Jahre zu einer Einheit zusammenfassen; nur Bargfeld, das Dorf in der Südheide, bekommt mit gutem Recht zwei Kapitel. Jedes Kapitel wird von einem kundigen, vorbildlich informierenden, schnörkellosen Text von Bernd Rauschenbach eingeleitet.

Vorbildlich ist auch für die äußere Form des Buches. Es ist großformatig (A4), gewichtig und opulent, aber nicht hochglänzend noch gar prätentiös. Es besitzt haptische Qualitäten, wie nur Bücher sie haben können, bei denen nicht am falschen Ende gespart wurde. Es ist ungemein materialreich, aber nicht unübersichtlich. Es ist schön und solide und strahlt also die Qualitäten aus, die Bewohner der Gutenberg-Galaxis an Büchern lieben.

Fanny Esterházy gibt sich, was den Einzugsbereich ihrer herausgeberischen Arbeit anbelangt, bescheiden. Aber es ist die Bescheidenheit einer Pionierin, die Wege bereitet und unerlässliche sichtende und sichernde Vorarbeit leistet. Das hat sie mit größter Umsicht getan. Sie bringt das Material in Konstellationen ein, die Urteile vorbereiten und Schlüsse nahelegen, die sich aber nie mit forschen Ansichten kurzschließen. Die Arbeit ist gleichermaßen von Sorgfalt, Urteilsvermögen und Respekt geprägt und ergibt ein lebendiges, wohlgefügtes Gesamtbild.

Arno Schmidt selbst hat, das wird von Seite zu Seite offensichtlicher, sich intensiv mit der Frage beschäftigt, wie ein Arno-Schmidt-Biograf mit Material versorgt werden könnte; seine eigene Arbeit an einer Fouqué-Biografie hat ihn da manches gelehrt, und so hat er selbst eine erhebliche, strukturierte Materialmenge hinterlassen. Fanny Esterházy hat darüber hinaus eine Fülle von neuem Material zusammengetragen, und die Ordnung, die das Material in ihrer Bild-Biografie bekommt, ist von ihr selbst gestiftet.

Das Buch enthält zahlreiche Fotos, viele darunter von Schmidt selbst „geknipst“: Fotos von Landschaften, Mitmenschen, Städten, Blicken aus Fenstern. Es gibt als gleichberechtigte Material-Gattung eine große Menge an Faksimiles von Dokumenten, Pressetexten, Briefen und anderen Schriftstücken, von Quittungen, Postkarten, Rechnungen, Eintrittskarten, Zeichnungen, Notizen, Landkarten und anderen Plänen. Die Einordnung und Kommentierung erfolgt in der Regel anhand originaler Texte von Arno oder Alice Schmidt. Schmidt-Leser finden viel Vertrautes und Bestätigendes, aber auch viel Neues. Wer ungeduldig auf die große Arno-Schmidt-Biografie wartet, kann mit diesem Buch erst einmal für einige Jahre zufrieden sein.

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