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Hat gerade ihren ersten Roman veröffentlicht: Paula Fürstenberg.
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Hat gerade ihren ersten Roman veröffentlicht: Paula Fürstenberg.

Junge Autoren 2016: Paula Fürstenberg

„In der Fremde war ich Botschafterin der DDR“

Paula Fürstenbergs erster Roman erzählt die Geschichte von Johanna, die mehr über ihren zu DDR-Zeiten verschwundenen Vater erfahren will. Wieso Eltern - und die DDR - wichtig für die eigene Identität sind, erzählt die Autorin im Interview.

Von Maike Brülls

Geflügelte Tiger gibt es nicht. Genau deswegen macht der Titel des Debütromans von Paula Fürstenberg neugierig: „Familie der geflügelten Tiger“. Was also hat es damit auf sich?
Der Roman erzählt die Geschichte von Johanna. Sie ist 1987 in der DDR geboren, wuchs ohne Vater auf. Er habe „rübergemacht“, sei also in den Westen gegangen, erzählt ihre Mutter. Nur eine Postkarte haben sie mal von ihm bekommen, sonst nie etwas über ihn gehört. Bis seine Stimme plötzlich auf dem Anrufbeantworter ist, wirr irgendwelche Worte stammelnd. Johanna ruft ihn zurück und erfährt, dass er an Krebs erkrankt ist. Endstadium. Sie lernt Antonia kennen, ihre Stiefschwester. Und ihre Großmutter. Nur den Vater, den kann sie nicht mehr kennenlernen, denn der Krebs lässt ihn nicht mehr sprechen. Doch Johanna will nun Antworten: Ist ihr Vater Jens wirklich geflohen? Oder wurde er – wie Antonia sagt – verhaftet? Sie beginnt, die Geschichte ihrer Familie zu erforschen. Wie eine Landkarte, die zu sammeln Johannas Hobby ist. Ihre liebste Karte ist die mittelaterliche Ebstorfer Weltkarte, auf der die Zeichner diejenigen Flecken, die sie noch nicht kannten, mit Fabeltieren verzierten – zum Beispiel mit einem geflügelten Tiger.

In deinem Roman „Familie der geflügelten Tiger“ stecken viele verschiedene Themen: Das Straßenbahnfahren in Berlin, die DDR, die Stasi-Akten, eine schwere Krebserkrankung. Wie hast du all das recherchiert?
Die Recherche war ein riesiger Spaß. Da gab es vor allem drei größere Themenfelder: Das eine war das Straßenbahnfahren. Damit kannte ich mich natürlich vorher gar nicht aus. Da habe ich mehrere Tage bei der BVG in Berlin verbracht, habe eine Straßenbahnfahrerin begleitet, mir den Fahrsimulator und die Ausbildung angeschaut und durfte auch selber auf dem Betriebshof mal Straßenbahn fahren. Das zweite waren die Stasi-Akten. Da habe ich ein paar Tage in der Behörde in Frankfurt/Oder, wo die Akten liegen und aufbereitet werden, verbracht und habe mit Mitarbeitern gesprochen, in Akten reingeschaut, habe mir erklären lassen, wie der Apparat funktioniert hat. Dann gab es den dritten Themenbereich, den ich von zu Hause aus recherchiert habe: Wie verläuft eine Krebserkrankung? Und dann war noch die Frage: Was macht man mit einem Igel, wenn man ihn zu Hause aufnimmt, wie die Mutter von Johanna es tut?

Die Geschichte ist eine emotionale: Die Protagonistin wächst ohne Vater auf, dann meldet er sich, sie hat scheinbar endlich Gelegenheit, all ihre Frage an ihn zu richten – und plötzlich fällt wegen seiner Krankheit das Sprachzentrum aus und er kann ihr doch nicht antworten. Die Sprache des Romans ist trotzdem sachlich und direkt, nicht kitschig beladen mit Gefühlsregungen. Warum hast du dich für diesen sachlichen Ton entschieden?
Für die Geschichte und die Figur den richtigen Tonfall zu finden, hat eine ganze Weile gedauert. Es hat sicher auch mit mir als Mensch und Autorin zu tun, dass ich lieber zwischen den Zeilen schreibe oder dass mich die Leerräume zwischen den Wörtern, Buchstaben und Sätzen auch sehr interessieren. Ich glaube auch, dass oft nur ganz wenig nötig ist, da Wörter selber schon so aufgeladen sind. Wenn ich das Wort „Krankenhaus“ sage, hat jeder sofort etwas im Kopf, das Wort ist gefüllt mit einer gewissen Schwere, mit einer gewissen Traurigkeit oder Ängsten. Deswegen habe ich gar nicht das Gefühl, eine Figur noch einen großen Heulkrampf kriegen lassen zu müssen. Ich wünsche mir auch, dass der Leser sich da die Geschichte selbst aneignet, selber Dinge bebildert.

Die Protagonistin Johanna ist total versessen darauf, herauszubekommen, wieso ihr Vater damals verschwunden ist. Wie wichtig ist die Geschichte der Eltern für die eigene Identität?
Identität setzt sich ja aus verschiedenen Bausteinen zusammen. Die Protagonistin ist zum Beispiel nicht nur ostsozialisiert, sondern sie ist auch Straßenbahnfahrerin, sie ist Geliebte, Deutsche, Frau, Uckermärkerin, Neu-Berlinerin – und eben auch Tochter. Identität ist also eine komplexe Sache, und trotzdem ist es einer der stärksten und stabilsten Bausteine, die man hat, das Kind seiner Eltern zu sein. Als allererstes kommt man auf die Welt und ist das Kind seiner Mutter. Und das bleibt man ein Leben lang. Eltern sind diejenigen, die den Zugang zu einer Welt geben, die schon deutlich länger als man selbst existiert und die man sich erschließen muss. In Johannas Fall wird das durch den Systemumbruch der Wende deutlich, weil die Konflikte zwischen den Generationen sichtbar werden.

Du hast diesen Systemumbruch zeitlich genauso erlebt wie die Protagonistin, denn ihr seid im gleichen Jahr in der DDR geboren. 1987, also kurz vor der Wende. Wann ist dir das erste Mal bewusst geworden, dass du ostsozialisiert bist?
Es gab den ersten Vorläufer in der Schule. An dem Tag, als mein Geschichtslehrer eine Folie an die Wand geworfen hat, auf der wir die Diktatur des Nationalsozialismus mit der der DDR vergleichen mussten. Darüber stand: „Systemvergleich Nationalsozialismus und DDR“. Da gab es in mir selbst einen massiven Widerstand gegen diese Aufgabe, dabei war ich 14 Jahre alt und konnte das nicht so richtig einordnen. Trotzdem gab es innerhalb der Klasse große Proteste. Mit dem war unser Lehrer – ein Wessi – hoffnungslos überfordert. Er hat dann zwar gesagt, es sei ja nur ein Vergleich, bei dem ja auch herauskommen könne, dass die beiden Systeme nichts miteinander gemein haben und dass es große Unterschiede gebe. Da hatten wir aber schon komplett dicht gemacht. Die Stunde wurde abgebrochen, wir haben den Raum verlassen. In den Jahren danach habe ich erst verstanden, was da überhaupt passiert ist. Wir haben so lange in der Schule anhand des Nationalsozialismus gelernt, was ein Mitläufer ist, was eine Diktatur ist, was darin passieren kann. Alles immer mit dem erhobenen Zeigefinger. Und dann kommt der Geschichtslehrer und legt die DDR daneben, legt unsere Eltern daneben, legt unsere Großeltern daneben. Damit stellte er ja nur die Vermutung auf, sie könnten Schuldige sein.

Ganz deutlich wurde es dann, als ich nach dem Abitur einige Jahre nach Frankreich und in die Schweiz gegangen bin. Da wurde ich plötzlich zur Botschafterin der DDR. Dauernd wurde ich darüber ausgefragt. Ich hatte ein doppeltes Erschrecken, zum einen darüber, wie wenig über die Geschichte bekannt ist und zum anderen, wie wenig ich tatsächlich beantworten konnte. So war ich in der Fremde die Botschafterin der DDR, zu Hause war ich aber immer die, der gesagt wurde: „Mädel, du warst ja nicht dabei, du hast ja keine Ahnung.“

Ich habe mich mal mit einem Deutschen unterhalten, dessen Familie türkischer Herkunft ist, also das, was wir postmigrantisch nennen. Das war eine erstaunlich ähnliche doppelte Heimatlosigkeit, von der er erzählte, die auch auf mich zutrifft. Also man ist an beiden Orten nicht zuhause, aber für beide wiederum Botschafter.

In deinem Roman haben die verschiedenen Figuren jeweils ihre eigene Sicht auf die DDR.  Wie war es für dich, diese Figuren zu konstruieren?
Ach, das war gar nicht so schwierig. Einfach, weil ich das zu Teilen auch in mir selber trage. Und natürlich, weil ich das bei anderen Menschen beobachtet habe. Dann kommt hinzu, dass ich mich innerhalb der Recherche auch mit Erinnerungskultur beschäftigt habe. Da wird unterschieden in drei verschiedene Gedächtnisformen, wie mit der DDR umgegangen wird. Dabei fiel mir auf, dass ich genau passend zu diesen drei Begriffen drei Figuren um Johanna herumgebaut hatte – ohne die Begriffe vorher zu kennen.

Welche Figuren sind das?
Die Schwester Antonia entspricht dabei dem, was man Diktaturgedächtnis nennt. Das erinnert die DDR als eine Diktatur, die nicht wieder so passieren darf. Dem gegenüber steht das Fortschrittsgedächtnis. Im Buch ist das die Großmutter, die die DDR ganz anders erinnert, nämlich als einen Gegenentwurf zum Nationalsozialismus. Für die war der Sozialismus eine riesige Hoffnung auf Gerechtigkeit und Frieden, und die Idee dessen trägt sie immer noch in sich. Dann gibt es noch das Arrangementgedächtnis, was dazwischen steht. Das ist oft vertreten in den Generationen, die in der DDR geboren sind und gar kein anderes Leben kennen als dieses, die sich aber dann arrangieren. Sie haben einen anderen Zugang, bejahen die DDR also weder komplett noch lehnen sie den Sozialismus komplett ab. Im Buch entspricht das der Mutter von Johanna.

Hast du deine Figuren – nachdem du von den drei Gedächtnisformen gehört hast – dann auch dementsprechend verstärkt?
Ja. Mir war auf jeden Fall wichtig, dass die verschiedenen Stimmen in dem Buch zu Wort kommen. Dass also intergenerationell auf die DDR geschaut wird und das nicht einseitig bleibt.

Der Roman „Familie der geflügelten Tiger“ von Paula Fürstenberg ist im Verlag Kiepenheuer und Witsch erschienen.

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