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Fremd in Wien

Ein trauriger Arbeiterroman des slowenischen Ivan Cankar

Von JÖRG PLATH

In nur gut einem Monat schrieb Ivan Cankar den Roman Die Fremden. Der 25-jährige, der heute als bedeutendster Vertreter der slowenischen Moderne gilt, brauchte damals, im Mai und Juni 1901, dringend Geld. Was lag näher, als von einem Künstler zu erzählen, den Armut und Unverständnis seiner Zeit an der Verwirklichung seiner hoch fliegenden Pläne hindern und schließlich in den Freitod treiben? Die Fremden, in der verdienstvollen Cankar-Werkausgabe des kleinen Drava Verlags erschienen, liest sich wie ein Versuch, ein drohendes Schicksal abzuwenden. Dass Cankar es dabei nicht belässt und sein Künstlerroman scheinbar mühelos die zentralen Probleme der Zeit aufnimmt - die Ortlosigkeit des modernen Bewusstseins, die soziale und die nationale Frage -, macht das Buch noch heute lesenswert. Zumal es ganz nebenbei das k.u.k.-Vielvölkerreich aus einer ungewohnten Perspektive zeigt: aus der einer kleinen, noch um seine Identität ringenden Nation.

Im Taumel der Zustimmung

Anfangs lässt es sich ausgesprochen hoffnungsvoll für Pavle Slivar an: Der junge Bildhauer hat eben noch in bedrückender Armut an der Wiener Akademie studiert, da erhält sein Entwurf eines Dichter-Denkmals in Lubljana den ersten Preis. Slivar glaubt, endlich seine künstlerischen Vorstellungen verwirklichen zu können - und weiß bereits kurz darauf: Die Politiker und Anwälte stimmen ihre Lobeshymnen auf die nationale slowenische Kunst nur um der eigenen Karriere willen an. Es fehlt nämlich das Geld, um das Denkmal zu bauen. Slivar muss schon am nächsten Tag wieder um Unterstützung bitten. Doch man bedeutet ihm, in Wien, nicht in Slowenien, sei der Platz für seine moderne Kunst, und er verlässt die Heimat als Fremder.

Als bitterarmer Emigrant nimmt Slivar im Wiener Arbeiterbezirk Ottakring eine Wohnung und muss sich als Kunsthandwerker verdingen, um zu überleben. Nur als Spaziergänger auf dem Ring hat er teil am Glanz der Metropole, und Zeit für die Kunst bleibt ihm allein nachts, weshalb lediglich Skizzen, Entwürfe und Vorarbeiten entstehen. Ein kurzes Glück schenkt Slivar die Liebe zu der Näherin Berta, doch nach der Heirat muss er für sie und ihre Eltern sorgen. Ein überraschender Auftrag hilft über die ersten Wochen hinweg. Dann wird die Not drückend, und Slivar ergibt sich desillusioniert der Trauer über die nicht verwirklichten Entwürfe und unerfüllten Sehnsüchte.

Mit raschem, zuweilen auch grobem Strich zeichnet der Sozialdemokrat Ivan Cankar die Physiognomie eines proletarisierten Künstlers, der anders als die mitleidig betrachteten Arbeiter in Wien-Ottakring nicht einmal mehr die janusköpfige Stütze täglicher Arbeit besitzt. So wird Slivar zum Spielball äußerer Ereignisse. Sie lassen ihn beständig hin- und herschwanken zwischen Auflehnung und Selbstaufgabe, Triumph und Depression. Es gibt, lehrt der Anfang des 20. Jahrhunderts begeistert gelesene Philosoph und Physiker Ernst Mach, kein beständiges Ich.

Einmal nur, als Slivar den Preis erhalten hat, gewinnt er Halt: Er fühlt sich eins mit der Heimaterde. Der Moment vergeht, und danach erkennt Slivar nur noch Menschen, die der Heimat entfremdet sind: Die erfolgreichen Emigranten in Wien haben sich von ihr losgesagt, die erfolglosen sind dem Nihilismus und dem Zynismus verfallen, und die kleine slowenische Bourgeoisie führt das Vaterland nur um der eigenen Vorteils willen unablässig im Mund. Kein Wunder, dass Slivar seinen Freitod als Widerstand und Bekenntnis versteht.

Schäbig sieht in Die Fremden nicht nur die Metropole Wien aus, schäbig sind auch die Landsleute des Künstlers. Der 1876 geborene Cankar weiß, wovon er schreibt. Durchaus nicht zufällig lebte er 13 Jahre in Wien. Für die slowenische künstlerische Avantgarde gab es kein Heimatrecht. In der Provinz tobte, darauf weist der Übersetzer Erwin Köstler in seinem informativen Nachwort knapp hin, ein Kulturkampf zwischen der erzkonservativen katholischen Reaktion und den Liberalen. Die Katholiken hatten Cankars erste Veröffentlichung, den Gedichtband Erotika, 1898 öffentlich verbrannt. Immerhin blieb Cankar der Freitod seines Helden erspart. Doch schon Ende 1918 starb er mit erst 42 Jahren.

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