Fremd wie ein Marsbewohner

Die Globalisierung um 1900 förderte die Formierung Deutschlands als Nationalstaat, glaubt Sebastian Conrad

Von MARTIN WEIN

Sebastian Conrad:

Globalisierung

und Nation im

Deutschen

Kaiserreich.

C. H. Beck,

München 2006,

442 Seiten, 39,90 Euro.

"Kinder statt Inder" - die verkürzte Schlagzeile aus dem CDU-Wahlkampf des Jürgen Rüttgers in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2000 ging als Synonym für Globalisierungsfurcht in die Alltagssprache ein. Nachdem Nordsee-Krabben heute in Marokko gepult werden, der Transrapid bislang nur in China schwebt und deutsche Spitzenforscher an US-amerikanische Hochschulen abwandern, sahen viele Konservative mit der Ausstellung von "Greencards" an vornehmlich indische IT-Spezialisten die letzte Bastion überlegener deutscher Arbeit fallen.

Die inszenierte Furcht vor einer Arbeitskonkurrenz aus dem Fernen Osten war nicht nur unbegründet, weil die Inder auf das ach so großzügige Angebot dankend verzichteten. Sie war auch nicht neu oder originell. Schon als gegen Ende des 19. Jahrhunderts vor allem auf den Gütern Ostpreußens die Arbeitskräfte knapp wurden, erwog Danzigs Regierungspräsident von Heppe, chinesische "Kulis" ins Land zu holen. Die Empörung war enorm: Der Chinese sei "uns fremd wie ein Marsbewohner, und... wenn er sich mit uns mischt, ziehen wir als Rasse den Kürzeren", warnte damals beispielsweise der Nationalist Stefan von Kotze.

Die alte Geschichte der Abschottung

Die Selbstdefinition von Gesellschaften durch Abschottung ist mithin nichts Neues. Ja, die Globalisierung ist mit all ihren positiven wie negativen Anklängen ein alter Hut. "Die deutsche Geschichte vor dem Ersten Weltkrieg war immer auch Teil einer Geschichte der Globalisierung um 1900", postuliert zumindest der Berliner Historiker Sebastian Conrad. In seinem jüngsten Buch setzt er deshalb für die Zeit von 1880 bis 1914 Globalisierung und Nationalstaatlichkeit nicht als zwei Pole eines Magneten, sondern als ineinander verschränkte und einander beeinflussende Phänomene in Beziehung. Im Konstrukt des Nationalstaats sieht Conrad eine "Meistererzählung der Modernisierung", in weiten Teilen sogar eine Reaktion auf eine zunehmend weltweite Interaktion.

Die Geschichte zeigt dabei zweierlei: Zum einen verläuft die wirtschaftliche, kulturelle und mediale Verflechtung rund um den Globus keineswegs linear und unumkehrbar. Schon um 1900 war der Transport einer Tonne Weizen von New York nach Mannheim nicht teurer als von Berlin nach Kassel. Doch von 1914 bis etwa 1950 macht Conrad eine Phase der "Deglobalisierung" aus. Machte der deutsche Außenhandel 1914 zum Beispiel noch 35 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus, so verlief die Entwicklung in den folgenden Jahrzehnten rückläufig. Erst 1960 wurde der Vorkriegsstand wieder erreicht.

Zum anderen führt die kapitalistische Durchdringung der Welt keineswegs zwangsweise zu einer Auflösung nationalstaatlicher Gebilde. Das belegen aktuell etwa verschärfte Grenzkontrollen nach den Anschlägen vom 11. September 2001 oder die zollrechtliche Abschottung der Europäischen Union.

Der Umgang mit dem Anderen bestimmt auch das Bild von sich selbst. Das war schon im Kaiserreich so: "Die Hoffnungen und Befürchtungen, die mit der Mobilität, dem Verkehr oder aber den einfallenden ‚Bevölkerungsmassen' verbunden waren, gehörten zu den Ingredienzien nationaler Vergewisserung." Diese These belegt Conrad, indem er verschiedene Aspekte deutscher Beziehungen in die übrige Welt analysiert.

Am augenfälligsten sind natürlich die Kolonien, Deutschlands Platz an der Sonne. Die Einflüsse von Kolonie und Metropole wirkten viel intensiver in beide Richtungen als bislang gedacht. Beispielhaft zeigt Conrad dies anhand der "Erziehung zur Arbeit". Diese wurde in Ostafrika nach denselben Methoden praktiziert wie in der Bielefelder Arbeiterkolonie Bethel des Friedrich von Bodelschwingh. Ob in Ostwestfalen oder am Kilimandscharo - die "Verinnerlichung des europäischen Zivilisationsmodells" wurde zur obersten Prämisse. Eine Deportation arbeitsscheuer Subjekte nach Südwest-Afrika unterblieb letztlich aus Furcht, diese könnten das Bild vom pflichtbewussten, ordentlichen, gehorsamen Deutschen bei den Schwarzen unterminieren und mit diesen gemeinsam einen Aufstand losschlagen.

Furcht vor einer "Polonisierung"

Eine Angst vor Vermischung führte auch zu Restriktionen bei der Einreise polnischer Landarbeiter in die Ostprovinzen des Reichs. Das Thema wurde zu einem der bestimmendsten der preußischen Politik. Weil zwischen 1820 und 1920 rund sechs Millionen Deutsche ihre Heimat vornehmlich in Richtung der USA verließen, wurden die Arbeitskräfte knapp. Der wirtschaftlichen Notwendigkeit einer Arbeitsimmigration stand alsbald die Furcht vor einer "Polonisierung" der Ostprovinzen entgegen. Als deutsche Besonderheit wurde dann für die Arbeitsimmigranten eine Karenzzeit mit Rückkehrzwang in den Wintermonaten eingeführt.

In diesem Klima wachsender Arbeitsmobilität erschien insbesondere dem Bürgertum ein gepflegtes "Auslandsdeutschtum als nationale Ersatzgemeinschaft außerhalb territorialer Grenzen, durch die sich Deutsche als Nation erfinden konnten". Gezielt versuchte das Reich daher nach 1890, die Auswanderung wenn nicht zu stoppen, so doch nach Südamerika umzulenken. Statt als "Kulturdünger" in anderen Nationen aufzugehen, sollten die Auslandsdeutschen in Brasilien, Argentinien und Chile in eigenen Siedlungen ein beispielhaftes Deutschtum pflegen und damit zur Keimzelle und zum Vorbild einer auf ihr eigenes Wesen neu bezogenen deutschen Nation werden. Die Reform des Staatsbürgerrechts im Jahr 1913 war eine direkte Reaktion auf die Auswanderung, indem sie den Emigranten und ihren Nachkommen als wertvollen Erneuerern ein Rückkehrrecht einräumte, um möglichst wenig von Arbeitsimmigranten abhängig zu sein. Von dort bis zu dem Schlagwort "Kinder statt Inder" ist es nicht weit.

Einen direkten Weg vom Rassismus des Kaiserreichs in den Holocaust habe es aber nicht gegeben, glaubt Conrad. Hierfür seien der Weltkrieg und die Krise von Weimar wichtige Radikalisierungs-Motoren gewesen. Ohne die Erfahrungen des kolonialen Rassismus um 1900 wäre der europäische Rassismus der 1930er Jahre aber zumindest anders verlaufen.

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